Es geht um das Werk "Elevation" von Nasan Tur, zu sehen in einer ehemaligen Kirche in Essen. Die Arbeit besteht aus acht Kirchenbänken, die senkrecht in einem Kreis im ehemaligen Altarraum zusammen stehen. Eine neunte Bank hat der Künstler und Hochschulprofessor auf dem ehemaligen Altar aufrichten lassen.
Die Bochumer Künstlerin Dorothee Bielfeld hat 2010 eine ganz ähnliche Arbeit umgesetzt. Damals ließ sie in der Christkirche in Bochum ebenfalls Kirchenbänke senkrecht aufstellen. Sie gab ihrer Arbeit, die im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres gezeigt wurde, den Titel "aufrichten". Zwischen den beiden Arbeiten liegen 16 Jahre.
Kunst lebt von Inspiration
Das Werk "aufrichten" von Dorothee Bielfeld in Bochum 2010.
Der Vorwurf der Bochumer Künstlerin Dorothee Bielfeld wiegt schwer. Sie wirft Nasan Tur vor, sie kopiert zu haben. Wenn es nach ihr geht, soll die Arbeit entfernt werden. Nasan Tur wiederum hat dem WDR gesagt, er habe die Arbeit von Dorothee Bielfeld nicht gekannt. Außerdem zeigte er sich betroffen. Der 52-Jährige ist ein etablierter Künstler und zudem Professor für Bildende Kunst in Braunschweig.
Wer hat also recht? Diese Frage ist schwer zu beantworten, meint der WDR-Kunstkritiker Jörg Biesler: "Natürlich geht es bei der Kunst immer um Originalität. Andererseits lebt die Kunst natürlich auch von der Auseinandersetzung und auch Verarbeitung von Werken der Kunstgeschichte." Formal seien sich die beiden Arbeiten tatsächlich sehr ähnlich. Aber so originell sei die Idee nun auch wieder nicht.
Das ist eine schöne Idee, ein schönes Spiel mit dem Raum, Kirchenbänke aufzurichten - aber so originell, dass man da nicht drauf kommen könnte, sei sie nun auch wieder nicht. Jörg Biesler, WDR-Kunstkritiker
Lösung durch Dialog
Am Ende sei das eine juristische Frage, meint Jörg Biesler. Zudem gebe es einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden Werken: die Arbeit von Nasan Tur ist performativ. Er ritzt jetzt über die Laufzeit der Ausstellung Sorgen, Ideen und Wünsche in die aufgestellten Bänke. Archiv der Gefühle nennt der Künstler das.
Die beste Lösung sei am Ende, dass beide miteinander reden, meint Jörg Biesler im WDR. Die Manifesta habe ihm gegenüber eine entsprechende Einladung bestätigt. Auch Nasan Tur habe bereits Gesprächsbereitschaft signalisiert. Jörg Biesler bezweifelt jedenfalls, dass die senkrechte Aufstellung der Kirchenbänke in beiden Werken allein ausreicht, um einen Plagiatsvorwurf zu begründen.
Unsere Quellen:
- Recherche von Jörg Biesler
- Recherche WDR3 Kultur
Sendung: WDR 3, Westart, 02.07.2026, 12.15 Uhr