Sexismus gegen Fußballerinnen: Für Alisha Lehmann ist das Alltag
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Alisha Lehmann ist Schweizer Nationalspielerin und Social-Media-Star. Sie ist Vorbild. Aber auch Feindbild. Warum das so ist.
Von
Jörn Seidel
Sie ist Nationalspielerin der Schweiz, steht bei der Heim-EM auf dem Platz und bei Juventus Turin unter Vertrag. Alisha Lehmann ist Profi-Fußballerin – aber auch Influencerin. Sie zeigt sich auf Social Media in knappen Shorts beim Fußball-Training, im Bikini am Strand und mit viel Make-up in Dessous. Sie hat 16,7 Millionen Follower auf Instagram und zwölf Millionen auf TikTok.
Hasskommentare gegen Alisha Lehmann
Das gefällt nicht allen. Und genau das sorgt parallel zur Fußball-EM der Frauen für eine Debatte über Hasskommentare und Sexismus. In den sozialen Medien bekommt Lehmann zwar reichlich Zuspruch. Sie ist aber auch ständig Anfeindungen ausgesetzt. Eine Auswahl:
"Vielleicht mal weniger Zeit fürs schminken und Schönheitsoperationen investieren, dann spielst du vielleicht auch auf dem Platz mal ne Rolle", schreibt da zum Beispiel ein User bei Instagram. Ein anderer: "Plastic doll". Oder: "Model not a footballer".
"Was macht die eigentlich beruflich?", fragt ein User bei TikTok. "Nichts, content", antwortet ein anderer. "Better at dancing than football", schreibt ein weiterer User.
Lehmann zu Hass von Schweizern: "Trifft mich sehr"
Hinzu kommt: Viele Hasskommentare seien auf Schweizerdeutsch, sagte Lehmann im Juni dem "Tages-Anzeiger" aus Zürich. "Das trifft mich sehr", so die 26-Jährige. "Ich finde es schade, dass das Negative oft fokussiert wird." Denn ihr selbst gehe es vor allem hierum:
"Ich will Frauen und Mädchen motivieren, Fußball zu spielen, das ist alles." Alisha Lehmann, Fußballerin und Influencerin
Ein gefundenes Fressen für die Absender der Hasskommentare: Lehmann hat es nur knapp in den EM-Kader der sogenannten Nati geschafft, wie die Schweizer ihre Nationalteams nennen. Trotz ihrer dutzenden Länderspiele ist sie nicht erste Wahl. Auch in Italien ist sie meist nur Ergänzungsspielerin.
Nur als Werbefigur im EM-Kader der Schweiz?
Das befeuerte die Diskussion, ob Lehmann ausschließlich aus sportlichen Gründen in die Nati berufen wurde - oder ob der Verband schlicht auf die Werbefigur nicht verzichten wollte.
Inka Grings, Fußballtrainerin
Die ehemalige deutsche Nationalspielerin und einstige Schweizer Nationaltrainerin Inka Grings hat dazu eine klare Meinung: "Sie ist ein guter Charakter", sagte die 46-Jährige dem Redaktionsnetzwerk Deutschland über Lehmann. Und weiter:
"Von ihrer Art und ihrer Persönlichkeit passt sie sehr gut ins Team." Inka Grings, Schweizer Ex-Nationaltrainerin
"Gepaart mit ihren sportlichen Fähigkeiten ist für mich ihre Nominierung absolut nachvollziehbar", so Grings.
Digitale Gewalt: Gegen Frauen "oft unter die Gürtellinie"
Tatsächlich geht es in vielen User-Kommentaren bei Social Media um mehr als um die sportliche Leistung. Lehmann wird im gleichen Moment auf ihr Äußerliches reduziert. Das sei typisch für digitale Gewalt gegen Frauen, sagt Josephine Ballon, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Organisation HateAid, die sich für Menschenrechte im Internet einsetzt:
"Auch Männer bekommen digitale Gewalt ab. Aber bei Frauen geht es oft unter die Gürtellinie", sagt sie dem WDR und verweist dabei auf Studien. "Dabei geht es oft um Aussehen, Sexualität oder auch Emotionalität. Ihnen wird die Leistung abgesprochen." Das betreffe nicht nur Profisportlerinnen, sondern genauso Ärztinnen, Politikerinnen und viele andere Frauen.
Die jährliche Leipziger Autoritarismus-Studie zeige: "Es gibt viele Menschen mit einer klaren Vorstellung davon, wie das Bild der Frau in der Gesellschaft zu sein hat", sagt Ballon. "Eine erfolgreiche Frau in der Männerdomäne Fußball, die sich selbstbewusst präsentiert und dazu noch erfolgreiche Influencerin ist - damit tanzt Alisha Lehmann aus Sicht vieler Männer aus der Reihe." Das könnten viele nicht dulden und würden digital, oft anonym, gewalttätig.
"Es geht bei digitaler Gewalt darum, ein Exempel zu statuieren: Hört zu, was einer Frau passiert, die so ist! Macht das lieber nicht!" Josephine Ballon, Geschäftsführerin HateAid
Die Folge, so Ballon: ein Silencing-Effekt, auch bekannt als Schweige-Effekt. Frauen oder auch andere Diskriminierte würden auf diese eingeschüchtert und sich in ihrem Auftreten und ihren Meinungen eher zurückhalten.
Alisha Lehmann will sich nicht zum Schweigen bringen lassen. "Ich bin jemand, der nie aufgibt. Ich trainiere sehr hart und gebe alles dafür, dass ich schlussendlich aufgeboten werde", sagte sie vor ihrer Nominierung für den EM-Kader. Mit Erfolg.
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit Josephine Ballon, Geschäftsführerin HateAid
- Fußballerin Alisha Lehmann im Schweizer "Tages-Anzeiger"
- Inka Grings, Schweizer Ex-Nationaltrainerin, im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland
- Instagram- und TikTok-Account von Alisha Lehmann
- Nachrichtenagenturen dpa und SID