Israelische Künstler ausgeladen und Debatte um ESC

Aktuelle Stunde 13.09.2025 37:45 Min. UT Verfügbar bis 13.09.2027 WDR Von Kristina Klusen

Israelische Künstler ausgeladen: Worum es bei der Debatte geht

Stand:

Mehrere Länder fordern aktuell den Ausschluss Israels vom ESC. Die Münchner Philharmoniker mit einem israelischen Dirigenten werden in Belgien von einem Festival ausgeladen - am Sonntag äußerte sich dazu auch Kanzler Merz. Immer wieder lösen politische Zuordnungen auch Kontroversen und Proteste im Kulturbetrieb aus. Wo verläuft die Grenze zwischen Kunst und Politik?

Von Katja Goebel

Gerade spitzt sich der Streit um den ESC-Teilnehmer Israel wieder zu. Am Freitag hatten die Niederlande angekündigt, nicht am nächsten ESC in Wien teilzunehmen, wenn Israel nicht ausgeschlossen wird. Zur Begründung verwies der niederländische Sender Avotros auf das menschliche Leid im Gazastreifen sowie "ernsthafte Verletzungen der Pressefreiheit" und die "Einmischungen" Israels in die Organisation des vergangenen ESC im schweizerischen Basel. Irland und Spanien hatten zuvor bereits den Ausschluss Israels von dem Musikwettbewerb gefordert.

Yuval Raphael beim ESC 2025

Yuval Raphael beim ESC 2025

Auch beim letzten ESC in der Schweiz im Mai 2025 hatte es bereits Wirbel um die israelische Teilnehmerin gegeben. Es gab ebenfalls Boykottaufrufe. Sängerin Yuval Raphael, eine Überlebende des Hamas-Massakers auf dem Nova-Musikfestival, wurde beim ESC daraufhin ausgebuht - am Ende belegte sie den zweiten Platz.

Chefdirigent Lahav Shani ausgeladen

Dirigent Lahav Shani

Dirigent Lahav Shani

Doch der ESC ist nicht der einzige kulturelle Ort, an dem es Boykottaufrufe oder Ausladungen gibt. Auch die Münchner Philharmoniker sind gerade mit ihrem Chefdirigenten Lahav Shani von einem Musikfestival in Belgien ausgeladen worden. Begründung: Lahav Shani ist Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra und seine Haltung gegenüber der israelischen Regierung sei nicht klar.

Man habe sich entschieden, keine Zusammenarbeit mit Partnern zu pflegen, die sich nicht eindeutig von der israelischen Regierung distanzieren würden. Außerdem schreiben die Veranstalter auf ihrer Homepage: "Angesichts der Unmenschlichkeit der aktuellen Situation, die auch in unserer eigenen Gesellschaft emotionale Reaktionen hervorruft, halten wir es für unangebracht, dieses Konzert stattfinden zu lassen. Wir haben uns dafür entschieden, die friedliche Atmosphäre (im Original: "serenity", Anm. d. Redaktion) unseres Festivals zu bewahren und das Konzerterlebnis für unsere Besucher und Musiker zu schützen."

Belgischer Premierminister bei Konzert von Shani in Essen

Kritik kam prompt. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) nannte den Vorfall "sehr, sehr verstörend" und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) bezeichnete die Ausladung gar eine "Schande für Europa" und "blanken Antisemitismus".

Der belgische Premierminister Bart De Wever kritisierte die Ausladung in Gent scharf. Er besuchte am Samstagabend gemeinsam mit dem Deutschen Botschafter in Belgien, Martin Kotthaus, ein Konzert, das Shani und die Münchner Philharmoniker am Abend in der Ruhrgebietsstadt Essen gaben, und sprach dort auch persönlich mit dem Dirigenten. Im nicht ganz ausverkauften Konzertsaal in Essen wurde der 36-Jährige Shani mit großem Applaus empfangen.

Am Sonntag schaltete sich auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in die Debatte ein: "Ich danke dem belgischen Premierminister für sein starkes Zeichen der Solidarität", schrieb Merz bei X über den Besuch in Essen. Und persönlich an den Premier gerichtet ergänzte er: "Wir dürfen diesem blanken Antisemitismus keinen Platz geben".

"Dumm und sehr gefährlich"

Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, spricht im Interview mit dem WDR von einem Irrweg. Die Entscheidung, die Münchner Philharmoniker und ihren israelischen Dirigenten Lahav Shani auszuladen, hält er im Gespräch für sehr gefährlich.

"Ich glaube einfach, wir müssen aufhören, die Kunst so zu behandeln wie die Politik, sondern eher die Chance sehen. Die Kunst ist dann auch noch sprachfähig, wenn sich in der Politik überhaupt keiner mehr miteinander verständigen kann", so Zimmermann gegenüber dem WDR.

Politisierung von Kunst: Wo verläuft die Grenze?

WDR 5 Morgenecho - Interview 13.09.2025 08:15 Min. Verfügbar bis 13.09.2026 WDR 5


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"Deswegen ist es vollkommen falsch, Kategorien an ihn zu legen, als wäre er ein Politiker." Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates über den Umgang mit Dirigent Shani

Natürlich gebe es politische Kunst und auch Künstler, die sich politisch äußern, sagt Gabriele Schulz von Deutschen Kulturrat. Aber: "Was jetzt passiert, ist ja eine Art Gesinnungstest. Das heißt also, es wird zunächst gefragt, ob ein Künstler sich positioniert gegen das Land, in dem er lebt, aus dem er stammt. Und das geht tatsächlich zu weit, das hat nichts mit Kunst zu tun."

Kulturstaatsminister: "Einschränkung der Kunstfreiheit"

Schon im August warnte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer vor einer wachsenden Ausgrenzung jüdischer Künstlerinnen und Künstler.

"Wir erleben eine neue Form der Stigmatisierung und eine Einschränkung der Kunstfreiheit." Kulturstaatsminister Wolfram Weimer

In einer gemeinsamen Presseerklärung mit Weimer berichtete der israelische Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, dass jüdischen Musikern auf Festivals und Konzerten zunehmend Auftritte verwehrt würden. Egal ob Schauspiel, Regie, Musik oder in der Club-Szene – die Zahl der Buchungen gehe systematisch zurück.

"In ganz Europa wird es israelischen Künstlern so seit dem 7. Oktober schwer gemacht, öffentlich aufzutreten."  Der israelische Botschafter Ron Prosor

Eurovision-Direktor äußert Verständnis

Im Falle des aktuell angedrohten ESC-Boykotts mehrerer Länder berufen sich die Kritiker in ihrer Begründung nicht nur auf das Leid in Gaza, sie werfen Israel unter anderem vor, die Musikveranstaltung im Mai "als politisches Instrument genutzt" zu haben, und dies widerspreche dem "apolitischen Wesen" dieses Wettbewerbs.

Eurovision-Direktor Martin Green hat Verständnis geäußert, dass es Bedenken gegen die Teilnahme Israels am ESC gebe. "Wir verstehen die Bedenken und tiefen Überzeugungen hinsichtlich des anhaltenden Konflikts im Nahen Osten", erklärte Green in einer Mitteilung an die Nachrichtenagentur AFP. Die Sender hätten bis Mitte Dezember Zeit, mitzuteilen, ob sie im Mai in Wien dabei sein wollen. Der ESC werde "jede Entscheidung respektieren, die die Sender treffen".

Ersatzkonzert und Online-Petition für Lahav Shani

Nach der Ausladung vom Musikfestival in Belgien haben die Berliner Festspiele die Münchner Philharmoniker mit ihrem israelischen Dirigenten Lahav Shani kurzfristig zu einem Konzert eingeladen. Für Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, ein "gutes Signal". "Das ist nicht die Lösung für das Problem in Gent und ich hoffe, dass man auch dort noch zur Besinnung kommt und sich überlegt, dass man das auch wieder rückgängig macht oder zu einem anderen Zeitpunkt mindestens die Münchner Philharmoniker wieder einlädt."

Außerdem bekommt der israelische Dirigent Lahav Shani jetzt Zuspruch durch eine Unterschriftensammlung im Internet. Die Entscheidung des Festivals sei ein "Angriff auf grundlegende europäische und demokratische Werte", heißt es auf der Onlineseite der Petition. Das Gent Festival habe sich dafür entschieden, "einen Künstler allein aufgrund seiner Nationalität zu bestrafen".

Die von dem iranisch-amerikanischen Cembalovirtuosen Mahan Esfahani gestartete Petition hatte bis Samstagmittag mehr als 12.700 Unterstützer.

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