Echtes Lernen statt fertiger Antworten? Mit dem neuen "Study Mode", dem "Lern-Modus" von ChatGPT sollen Nutzer des Chatbots Inhalte tiefgründiger verstehen.
ChatGPT ist bei Schülern und Studierenden bereits ein beliebtes Tool, um sich auf Prüfungen vorzubereiten oder um Hilfe bei den Hausaufgaben zu bekommen. Daran gibt es jedoch auch viel Kritik, denn das Tool dient nicht als Lernhilfe, wenn es einem einfach nur die Lösung nennt.
Study Tool soll aktives Lernen fördern
OpenAI, die Entwicklerfirma von ChatGPT, hat jetzt auf diese Kritik reagiert und den neuen "Study Mode" namens "Studieren und Lernen" in das Tool integriert. Laut der Website von OpenAI soll dieser neue Lernmodus eine Lernhilfe sein, die den Nutzer Schritt für Schritt bei Problemen begleitet. Statt schneller Antworten soll der Nutzer hier interaktive Fragen, Tipps und Feedback erhalten.
Ziel sei es, das aktive Lernen zu fördern, sodass Nutzer des Chatbots Inhalte tiefgründiger verstehen. Die Funktion steht seit gestern Abend allen registrierten Free-, Plus-, Pro- und Team-Nutzern zur Verfügung.
Um den "Study Mode" zu aktivieren, muss man im ChatGPT-Interface "Studieren und Lernen" auswählen. Dann kann man wie gewohnt eine beliebige Frage im Chat stellen und schon startet die interaktive Lernsession. Anschließend kann man jederzeit wieder in den normalen Modus wechseln.
Welche Funktionen hat der Lernmodus?
Laut der Website von OpenAI beinhaltet der neue Modus hauptsächlich vier neue Funktionen:
Interaktive Fragen und Anweisungen: Statt direkt die Antwort zu liefern, antwortet ChatGPT im Lernmodus beispielsweise mit sokratischen Fragen – eine Methode, bei der durch gezielte Fragestellungen das Verständnis für ein Thema vertieft werden soll. Außerdem gibt der Chat Hinweise und Anregungen zur Selbstreflexion.
Personalisierte Unterstützung: Die Lerninhalte sind auf das Niveau des Benutzers zugeschnitten. Stellt man eine Frage im Chat, bekommt man meistens erst mal die Rückfrage nach dem Niveau, auf dem man sich bei dem Thema befindet.
Leicht verständlich: Die Informationen sind in leicht verständliche Abschnitte unterteilt.
Flexibilität: Der Lernmodus kann während eines Gesprächs einfach ein- und ausgeschaltet werden.
KI als Chance für die Bildungslandschaft
Quentin Gärtner ist Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz. Den "Study Mode" hat er selbst noch nicht ausgetestet, aber erklärt, dass die Bundesschülerkonferenz es prinzipiell begrüße, wenn neue Technologien auch im Unterricht eingesetzt würden.
"Ganz prinzipiell sehen wir in KI eine wahnsinnige Chance für die Bildungslandschaft." Quentin Gärtner, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz
Es sei wichtig, dass die Schüler im Unterricht lernen, sinnvoll mit der KI umzugehen, sodass man nicht "dauerhaft einfach nur meine Denkleistung outsource und damit dümmer werde oder eben zumindest nicht schlauer", sagt er.
"Das, was mit dem Tafellichtprojektor passiert ist, darf nicht mit ChatGPT ähnlich passieren." Quentin Gärtner, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz
Die Bundesschülerkonferenz erwartet von Politik und Gesellschaft, dass man diese technologischen Veränderungen mitgeht und mitdenkt. So das Schule eben nicht, wie es bei vergangenen technologischen Veränderungen der Fall gewesen sei, immer hinterherhinke. "Uns stört diese Trägheit, das man nicht auf der Höhe der Zeit agieren kann", sagt Gärtner.
Entscheidender Faktor: Die eigene Einstellung
Tim Fütterer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen. Er findet es grundsätzlich richtig, nach Ansätzen zu suchen, bei denen das System nicht die Antwort vorgibt, sondern die Schüler dazu animiert, aktiver zu sein und selbst nachzudenken.
"Das ist ja der richtige Weg. Das ist in etwa das, was intelligente Tutorsysteme machen, wo man weiß, dass sie effektiv sind." Tim Fütterer, Universität Tübingen
Ob das Tool jedoch wirklich sinnvoll ist, ist laut Fütterer schwer zu sagen. Denn um das Tool wirklich zum Lernen zu nutzen, sei die Einstellung des Nutzers zum Lernen entscheidend. Man müsse auch wirklich die Haltung haben: "Ich will jetzt wirklich lernen." Anderenfalls könne man den Modus im Chat auch gleich wieder umstellen und einfach die Antwort bekommen.
Unabhängig von dem neuen Modus hätte jeder Schüler beispielsweise ChatGPT auch schon vor Einführung des "Study Modes" zum Lernen nutzen können, erklärt Fütterer. Und zwar indem er dem System sagt: "Erstens gib mir nicht die Antworten raus. Zweitens, ich will lernen. Unterstütze mich bitte dabei." Und schon hätte man wahrscheinlich ein ähnliches System. Das würden die meisten jedoch wahrscheinlich nicht machen, erklärt Fütterer. Lernen ist anstrengend und diese Anstrengung solle nicht an Systeme wie ChatGPT abgegeben werden. Lösungen erfragen und diese übernehmen sei nicht Lernen, sondern erhöhe nur die Performanz.
Probleme für Lehrer und Schüler
Ein Problem sieht Fütterer darin, dass es bei ChatGPT keine Rückkopplung an die Lehrkraft gibt. Wenn dann jeder Schüler individuell mit dem System arbeite, wisse die Lehrkraft am Ende nicht mehr, was jeder einzelne kann und was nicht. Dadurch könne man auch das soziale Lernen nicht mehr richtig organisieren, obwohl das ja auch ein Kernpunkt von Schule sei.
Außerdem besteht laut Fütterer die Gefahr, dass die Adaptivität nicht gut gemacht ist. Das heißt, wenn ich viel Unterstützung brauche, sollte das System auch viel Unterstützung geben. Wenn ich mich verbessere, sollte diese Unterstützung jedoch auch wieder zurückgefahren werden.
"Das so ein System adaptiv reagiert, ist super", sagt Fütterer. Es bestehe jedoch die Gefahr, dass dadurch Selbstregulationskompetenzen abgebaut werden. Wenn man sich jedoch selbst keine Ziele mehr setzen und keine Fragen mehr stellen müsse, könnte es sein, dass man sich von intelligenten Systemen in gewisser Weise abhängig mache und im Extremfall nicht mehr ohne das System lernen könne. "So, dass ich verlerne, selber zu lernen", sagt Fütterer.
Unsere Quellen:
- Interview mit Tim Fütterer, Universität Tübingen
- Interview mit Quentin Gärtner, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz
- Website von OpenAI
