Israel beim ESC: Niederlande und andere boykottieren

Aktuelle Stunde 05.12.2025 19:26 Min. Verfügbar bis 05.12.2027 WDR Von Yaena Kwon

Kulturboykott: Ist der ESC kaputt? Ist das schlimm?

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Der ESC 2026 droht so politisch und gespalten zu werden wie nie zuvor. Was sind die Folgen des Boykotts durch mehrere Nationen?

Im Mai 2026 findet in Wien der nächste Eurovision Song Contest (ESC) statt. Nach dem Selbstverständnis des größten Gesangswettbewerbs der Welt ist der ESC eine völlig unpolitische Veranstaltung. Doch nachdem sich die Mitglieder der European Broadcast Union (EBU) am Donnerstag der Forderung nach einem Ausschluss Israels nicht entsprochen haben, dürfte dieses ohnehin realitätsferne Selbstbild völlig in sich zusammenbrechen.

Was sind die Folgen der ESC-Absage von Spanien, der Niederlande, Irland und Slowenien? Ist ein Kulturboykott ein wirksames Mittel zur Durchsetzung politischer Anliegen? Fragen an Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats.

WDR: Herr Zimmermann, der Eurovision Song Contest hat sich immer als unpolitischer Beitrag zur Völkerverständigung verstanden. Welche Konsequenzen hat der Boykott mehrerer Nationen aus Protest gegen die Teilnahme Israels?

Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates

Olaf Zimmermann

Olaf Zimmermann: Wir bewegen uns in einer furchtbaren Spirale. Jeder boykottiert jeden. Und es betrifft auch und besonders den Kulturbereich. Zuerst wurden russische Künstler und Künstlerinnen wegen des ohne Zweifel furchtbaren Überfalls auf die Ukraine boykottiert. Jetzt läuft die Debatte über die israelischen Kulturschaffenden.

Auf der anderen Seite gibt es die Strike-Germany-Bewegung, die wegen der deutschen Israel-Politik zum Boykott hiesiger Kultureinrichtungen aufruft. Ich könnte diese Liste endlos weiterführen.

Wir sind in einem verrückten Strudel der gegenseitigen Ausladungen und Nicht-Einladungen. Der ESC ist nur die Spitze des Eisbergs. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats

WDR: Tatsächlich berufen sich die Boykott-Teilnehmer auf den Umgang mit russischen Künstlern und fordern, dass Israel ebenso behandelt wird wie andere "Aggressoren". Ist das denn so abwegig?

Zimmermann: Gute Argumente gibt es viele. Aber: Sind Künstler wirklich offizielle Botschafter ihres Landes? Nach meiner Ansicht sind sie etwas anderes. Natürlich stehen sie auch für die Kultur ihrer Länder, aber sie sind eben nicht die offiziellen Vertreter ihrer Nationen.

Deswegen stellt sich eher die Frage, ob es vernünftig ist, russische Künstler zu boykottieren. Wäre es nicht eine Chance, dass Künstlerinnen und Künstler gerade dort, wo die Politik in eine totale Sprachlosigkeit verfallen ist, wieder Zugänge schaffen können?

WDR: Allerdings hätte das ESC-Votum auch völlig anders ausgehen können. Am Donnerstag hatte Kulturstaatsminister Weimer erklärt, dass bei einem Ausschluss Israels auch ein deutscher Boykott eine Option wäre.

Zimmermann: Es ist ein Teufelskreis. Alle Beteiligten fordern mit vermeintlich guten Zielen dasselbe - nur für die unterschiedlichen Gruppen.

Aber mit ständigen Boykottaufrufen kommen wir nicht weiter. Sie sind Teil des Problems, sie tragen nicht zu einer Lösung bei. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats

WDR: In der Geschichte sind Boykottaktionen im Kulturbereich nichts Neues. Das berühmteste Beispiel ist wohl der gegenseitige Boykott der Olympischen Spiele der westlichen Länder und des Warschauer Pakts in den 1980ern. Was bringen solche Aktionen?

Zimmermann: Die Geschichte hat gezeigt, dass sie eben nichts bringen. Sie beenden keine Kriege, sie führen nicht dazu, dass es ein Umdenken bei den Herrschenden gibt. Das Einzige ist, dass sie Chancen der Verständigung verhindern.

WDR: Wie könnte man besser mit solchen Bedenken umgehen? Im Rahmen einer weltweit beachteten Veranstaltung wie dem ESC?

Zimmermann: Grundsätzlich sollte der staatliche Einfluss auf den ESC weiter zurückgefahren werden. Die meisten Künstler haben mit den Herrschenden in ihren Ländern überhaupt nichts zu tun - oder stehen ihnen sogar kritisch gegenüber. Das trifft nach meinen Erfahrungen gerade auch auf israelische Künstler zu. Wir müssen die Menschen betrachten - und sie nicht über ihre Nationalität definieren.

WDR: Mal angenommen, die USA unter Donald Trump greifen Venezuela an: Gibt es dann Boykott-Aufrufe gegen Madonna oder Metallica?

Zimmermann: Die Frage ist berechtigt. Was machen wir dann? Sind wir dann konsequent? Oder boykottieren wir nur Länder, bei denen wir keine Angst haben müssen, dass sie im Gegenzug uns Schwierigkeiten machen? Das ist doch verrückt.

WDR: Ist der ESC überhaupt noch zu retten?

Zimmermann: Ich glaube, es lohnt sich, dafür zu kämpfen. Auch die Befürworter einer Teilnahme Israels müssen daraus praktische Konsequenzen ziehen. Für Deutschland bedeutet das zum Beispiel, dass der eigene Anteil an der Finanzierung wohl erhöht werden muss.

Ich finde, der ESC muss erhalten bleiben. Einfach weil er ein wichtiger internationaler Kulturaustausch ist, der sich an Menschen richtet, die mit der klassischen Hochkultur oft nicht viel am Hut haben. Und weil er verschiedenen Denk- und Lebensweisen oder auch sexuellen Ausrichtungen eine Bühne gibt. Das macht den ESC aus. Und das ist auch gut so.

Das Interview führte Andreas Poulakos.

Unsere Quellen:

  • Interview mit Olaf Zimmermann

Sendung: WDR Cosmo, Global Pop News, 05.12.2026, 11.32 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 05.12.2025, 18.45 Uhr

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