Wer pflegt die"Generation Merz"? | MEINUNG

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Kinder wohnen heute nicht immer ums Eck. Pflegeunterstützungen sind daher wichtiger denn je. Wir können das finanziell und physisch aber nicht einfach nur auf die Jüngeren abwälzen, meint unser Kolumnist.

Von Ralph Sina

Ein kleines Mädchen schiebt unter Aufbietung all ihrer kaum vorhandenen Kräfte eine 99-Jährige in deren Rollstuhl. Vom Spielplatz zurück zum Otto-Hue-Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt in Essen-Holsterhausen. Ein anrührendes Bild. Die Frau im Rollstuhl war meine Tante Fee. Das kleine Mädchen meine jüngste Tochter Henriette.

Heute denke ich: Henriette ist mit ihrem verzweifelten Versuch, Tante Fee im Rollstuhl zu schieben ein Symbol für das, was auf uns selbst und unsere Kinder und Enkel zukommt: Der Versuch, sich eines Tages liebevoll um uns Ältere zu kümmern wird die Jüngeren heillos überfordern. Physisch, psychisch und finanziell!

Wir können nicht alles auf die Jüngeren abwälzen

Ich bin ratlos. Wer pflegt in 10, 15 oder 20 Jahren die "Generation Merz", zu der ich selber gehöre? Von unseren Kindern und Enkeln können wir das nicht erwarten: Sie leben ihr eigenes Leben! Teilweise weit entfernt. Sie müssen ihre Altersvorsorge aus eigener Kraft stemmen, sind mit horrenden Mieten konfrontiert und mit der Erziehung ihrer Kinder.

Für meine Generation ist es in Sachen Pflege im Alter ziemlich irrelevant , ob wir drei Kinder haben, wie auch der Kanzler und neun seiner elf Kabinettsmitglieder (reiner Zufall…). Oder auch gar keine Nachkommen. Unsere Alters-Zukunft darf keine Angelegenheit der Dreißigjährigen sein! Im Gegenteil: Denen 'schulden' wir Ältere Entlastung bei der Kinder-Beaufsichtigung, damit sie Geld für ihre Altersvorsorge verdienen können!

Alt werden ist kostspielig

Wer bezahlt eines Tages die barrierefreie Unterkunft, das betreute Wohnen oder die "Rund-um-die-Uhr"-Pflege? Werfen wir einen Blick auf die Zahlen: Bereits heute beläuft sich der durchschnittliche Eigenanteil für einen stationären Platz im Pflegeheim auf knapp 3.000 Euro im Monat. Das wird aber nicht so bleiben, denn das Loch in den Pflegekassen wird größer. 3,5 Milliarden fehlen voraussichtlich allein im nächsten Jahr. Laut DAK-Pflegereport erhalten heute rund 5,6 Millionen Menschen Leistungen aus der staatlichen Pflegeversicherung. Bis zu 7,6 Millionen könnten es 2055 laut Pflegevorausberechnung des Statistischen Bundesamts sein.

Im Klartext: Die Pflegeversicherung mit ihrem derzeitigen Leistungsniveau wird unbezahlbar und die Pflege selbst auch.

Pflegebedürftige werden finanzielle Pflegefälle

Schon vor sechs Jahren konnte sich meine Tante von ihrer Rente kein kleines Einzelzimmer im Essener AWO-Pflegeheim leisten. Obwohl sie über 30 Jahre lang als OP-Schwester im Warburger Krankenhaus gearbeitet hatte. Tag und Nacht. An Wochenenden. Ein Knochenjob. Rund 100 Euro Taschengeld standen ihr am Ende im Heim pro Monat zu. Das war's.

Es ist nur noch eine Frage kurzer Zeit, bis ein ca. 16qm kleines Pflegeheimzimmer mit Tisch, zwei Stühlen und Krankenbett doppelt so teuer ist wie die deutsche Durchschnittsrente! Die liegt bei Männern nach 35 Beitragsjahren brutto im Schnitt bei 1.809 Euro, bei Frauen gerade mal bei 1.394 Euro.

Wenn ich an die Situation künftiger Senioren denke, war Tante Fee allerdings noch in einer vergleichsweise komfortablen Situation. Sie konnte bis zu ihrem 97. Lebensjahr dank höchster Pflegestufe in ihren privaten vier Wänden bleiben! Was sie nicht bezahlen konnte, übernahm das Sozialamt. Das gleiche galt fürs Pflegeheim. Als Fee dorthin muss, kümmerte sich ein sehr engagiertes Pflegeteam rührend um sie. Meine Tante konnte mit realen Menschen sprechen. Sozial-Roboter wie "Navel" blieben ihr erspart. Uns wird das wohl anders gehen.

Realitäts-Check: Pflegekräfte aus dem Ausland anwerben

Um dem zu entgehen braucht Deutschland dringend mehr Pflegekräfte. Aber der Gesetzgeber sorgt trotz Fachkräfte-Einwanderungsgesetz de facto dafür, dass die wenigen die kommen, bereits nach kurzer Zeit in ihre Heimat zurückkehren.

Kaum jemand kennt dieses Drama besser als Prof Uwe Ufer. Er ist Chef der Diakonie Michaelshoven in Köln und hat ausgerechnet, dass allein in Köln in den nächsten Jahren zusätzlich 50 neue Heime für die stationäre Pflege gebaut werden müssten. Und es bräuchte 5.000 neue Pflegekräfte, um diese Heime zu betreiben. Es droht ein Pflege-Notstand-Tsunami.

Es sei denn, die Politik in Berlin wacht auf und merkt: Die Idee, dass wir in Indien, auf den Philippinen, in Vietnam, Indonesien oder Mexiko die nötigen Pflegekräfte anwerben, damit unsere Eltern, Großeltern oder eines Tages wir selbst gepflegt werden funktioniert bisher allenfalls auf dem Papier. Aber nicht im deutschen Alltag.

Wie das Heim bezahlen? | Servicezeit 05:27 Min. Verfügbar bis 10.07.2027

Diese Erfahrung hat die Diakonie Michaelshoven in Köln gemacht

Neun indischen Pflege-Azubis kommen nach Köln. Was dann passierte, schilderte später Prof. Ufer vor dem Kölner Presseclub:

Die Diakonie half bei der Wohnungssuche und stellte eine Betreuerin für die private und berufliche Eingliederung zur Verfügung. Aber selbst mit der hohen Ausbildungsvergütung von 1.340 Euro im ersten Lehrjahr konnten die indischen Azubis Miete plus Lebensunterhalt in einer teuren Metropole wie Köln kaum finanzieren. Für eine zusätzliche Ausbildungsbeihilfe ist die Vergütung zu hoch. Also stellte die Diakonie einen Antrag auf Wohngeld. Vergeblich.

Denn zunächst musste der Anspruch auf Bürgergeld geprüft werden. Es stellte sich heraus: Für eine Bürgergeld-Aufstockung kommen die jungen Pflege-Azubis nicht in Frage, weil sie nur eine befristete Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr hatten! Also versuchte die Diakonie eine Verlängerung zu bekommen. Das Resultat: Plötzlich wurde das Aufenthaltsrecht der dringend benötigten Pflege-Azubis grundsätzlich in Frage gestellt! Schließlich wurde mit dem Antrag auf Unterstützung ja versucht, Sozialleistungen zu erhalten. Plötzlich müssen die gerade in Indien angeworbenen Pflege-Azubis um ihr Aufenthaltsrecht bangen - das ist doch Wahnsinn, oder?

Das Beispiel der Kölner Diakonie und auch Recherchen von Correctiv zeigen: Kommen Pflegekräfte aus anderen Ländern nach Deutschland stehen sie vor zahlreichen Hürden. Drei Jahre lang voll ausgebildete Pfleger und Pflegerinnen müssen manchmal Monate oder sogar Jahre warten, bis ihnen ihre Qualifikation anerkannt wird. Gleichzeitig können Pflegeheimplätze nicht belegt werden, weil es an Fachkräften mangelt.

Wie kommen wir aus dem Pflege-Dilemma?

Wir müssen pragmatischer werden: Bundesgesundheitsministerin Warken könnte zum Beispiel per Verordnung dafür sorgen, dass Fachkräfte erst einmal nur ihrem Arbeitgeber ihre Sprachkenntnisse plus Ausbildungszeugnisse nachweisen müssen. Nach dem Prinzip der "Kompetenzvermutung" könnten sie mit ihrer Arbeit beginnen und die darüber hinaus notwendigen Dokumente nachreichen.

Das Pflege-System neu denken: In Schweden zum Beispiel wird die Altenpflege über Steuern finanziert, Altenpflegeeinrichtungen sind in öffentlicher Verantwortung, der Personalschlüssel ist günstiger als in Deutschland. Wir müssen das nicht kopieren. Ich habe große Sympathie für unternehmerische Verantwortung und habe nichts gegen private Seniorenheime. Im Gegenteil. Aber so wie bisher geht es nicht weiter: In der Bundesrepublik mussten über 1.200 Pflegeeinrichtungen in den letzten beiden Jahren Insolvenz anmelden oder schließen.

Pflegeplätze, die in den nächsten Jahrzehnten dringend gebraucht werden, gehen verloren warnt der Arbeitgeberverband Pflege. Rein statistisch gehen in Deutschland jeden Tag zwei Pflegeheime pleite. Der vom Sozialamt übernommene Eigenanteil wird häufig monatelang nicht überwiesen. Und die soziale Pflegeversicherung befindet sich 30 Jahre nach ihrer Gründung in einer existentiellen Krise.

Leistungen in der Pflegeversicherung kürzen: Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm hat bereits die Richtung aufgezeigt: Damit die Beiträge nicht astronomisch steigen, müssen Leistungen wegfallen. Die Pflegeversicherung war immer als Teil-Kaskoversicherung geplant. An privater Zusatzvorsorge führt kein Weg vorbei. An Angehörigen, die sich in der Pflege engagieren auch nicht. So wichtig wie das staatliche Elterngeld wird in Zukunft eine staatliche Beihilfe zur Pflege der Eltern bzw. des Partners.

Leute aus der Praxis in die Neuerungen einbeziehen: Seit dieser Woche macht sich die Bund-Länderkommission endlich an die Arbeit. Leider ohne Beteiligung von Leuten aus der Praxis: Pflegekassen, Pflegekräfte und der Arbeitgeberverband Pflege sitzen nicht mit am Tisch! Wie auf diese praxisfremde Weise im kommenden Jahr eine grundlegende Reform der Pflegeversicherung gelingen soll, ist mir schleierhaft.

Die Pflegekrise fängt gerade erst richtig an. Gut, dass Tante Fee sie nicht mehr erlebt!

Habt ihr auch Sorge, wie ihr die Pflege eurer Verwandten stemmen sollt? Welche Erfahrungen habt ihr vielleicht auch schon gemacht? Was muss sich ändern? Lasst uns darüber diskutieren. In den Kommentaren auf WDR.de oder auf Social Media.

Kommentare zum Thema

  • Hilfe ! Hilfe Polizei ! 18.07.2025, 05:12 Uhr

    Wir werden Alle nur noch doppeltwummsverdooft von Olaf ,verarscht und abgezockt von Teddybär Klingbeil, von F. Merz, totgelabert von Talk-Show-Laberqueen Katrin Göring Eckhardt, Talk-Show-Laber-King Karl Lauterbach , Wirtschaftslobbyistin Veronika , der Lenz ist da; die Mädchen singen Trallala !

  • Wolfgang Jericho 17.07.2025, 19:42 Uhr

    Laut ihres Berichts fehlen allein in der Altenpflege tausende Pflegekräfte, in Deutschland fehlen zehntausende, die Tendenz ist steigend. Ich bin seit 37 Jahren Krankenpfleger und arbeite seit 33 Jahren in der Altenpflege. Die Pflegequalität ist von uns Pflegekräften zusammen mit den Assistenz kräften und Pflegehelfern nicht mehr aufrecht zu halten. Ein Kollaps droht. Was machen die Landesregierungen? Sie überlegen seit über 10 Jahren, ob man die Pflegequalität sicherstellen kann, indem diese durch Landes Pflegekammern reguliert, kontrolliert wird und die Pflegekräfte, die zur Mitgliedschaft gezwungen sind, bei Fehlern im Dienst sanktioniert. Die Pflegekräfte sollen den Betrieb dieser Kammern in Mio. Höhe durch Mitgliedsbeiträge bezahlen. Schlesw.Holstein: Kammer nach 2 Jahren ohne Erfolg in 2022 aufgelöst. Niedersachsen: ebenso aufgelöst Hessen: Nach Befragung der Pfl.kräfte aufgelöst... RLP u.NRW machen weiter, verschleudern Steuergeld und jagen Pflegekräfte aus dem Beruf! 40Mio.€

  • HerrLassHirnRegnen 17.07.2025, 16:07 Uhr

    Welche brutale Verwirrung herrscht denn hier in den Kommentaren? Voll von Wesen, die ernsthaft GLAUBEN, der Sozialstaat/DieArbeitssuchenden/Die Immigranten seien schuld an der Misere Deutschlands? Ihr sollte Euch einmal wirkliche Zahlen ansehen anstatt das erl*gene Geschwafel von CDU und FDP zu rezitieren! Die "Kosten" sind im Gesamten ein Witz im Vergleich zu Dem, das jährlich durch Politik und Reiche mehr und mehr vom Arbeiter gest*hlen wird! Einfach GAR NICHTS! Das Geld ist NICHT dort, wo Alle ARM sind! (Staun!) Das sollte selbst ein kleines Kind verstehen! Im Übrigen geht es um Gelder die UNMITTELBAR dem Überleben von etlichen Millionen Menschen dienen, die im Gegensatz zum Durchschnittsdeutschen WIRKLICH gearbeitet haben. Denn genau DESHALB sind 80% davon nachweislich kaputte, arbeitsunfähige Wracks! IHR habt EUREN Wohlstand GENAU DENEN zu verdanken die ihr so verachtet! Denen die mehr leiste(te)n) als sie bekommen. Nur deshalb habt ihr Easy-Jobs mit völlig ÜBERZOGENEN Löhnen!

    • Marielle Marillenlikör 17.07.2025, 18:00 Uhr

      Nein, nur die ärmeren Deutschen werden benachteiligt. In Pflegesituation und auch im Arbeitsleben. Ich kenne ein Lehrerehepaar, beide seit 35 Jahren in Pension und kerngesund. In der Altersklasse sind diejenigen, die nur 1000€ und weniger Rente hatten, längst verstorben. Heute las ich, dass Frau Schlesinger vom RBB per Gerichtsbeschluss einen Monat ihres Ruhegeldes erstritten hat. Ich wundere über die Höhe: 18.384€. Da muss eine alte Frau lange für stricken. Aber 50 Milliarden Migrationskosten sind auch kein Pappenstiel, wenn man diskutiert, dass wir die Pflege der eigenen Bevölkerung nicht mehr bezahlen können.