Das Logo von MTV in bunten Großbuchstaben zu Beginn der 1980er Jahre.

Das Ende einer Ära: MTV strahlt keine Musikvideos mehr aus

Stand:

Ab dem 01. Januar 2026 werden beim Musiksender MTV keine Videos mehr ausgestrahlt. Damit geht eine Ära zu Ende - über Jahrzehnte drehte sich hier fast alles um Stars und ihre Songs.

Von Catharina Coblenz, App-Reporterin im WDR NewsroomCatharina Coblenz

"Video killed the Radio Star" - das war einmal. Denn während das Radio weiter lebt, verabschiedet sich das Musikvideo nun langsam von der Bühne.

Durch MTV etablierten sich Musikvideos zur eigenen Kunstform. Am 1. August 1981 ging der Sender an den Start - passend dazu war der erste Clip der gespielt wurde "Video killed the Radio Star" von der Band Buggles.

MTV Deutschland ging dann 1997 an den Start, als Ableger von MTV Europe. In Europa und Deutschland wurde MTV daher erst in den 90ern zum Massenphänomen - die Musikvideos, die bei MTV veröffentlicht wurden, wurden in Deutschland aber zum Beispiel auch in Sendungen wie Formel 1 gespielt.

Was machte MTV damals so bedeutend?

Eine Porträtaufnahme von Jens Balzer.

Jens Balzer

Gerade Menschen, die in den 80ern aufgewachsen sind dürften dem Ende von MTV nostalgisch entgegen blicken, sagt Musikkritiker Jens Balzer im Interview mit WDR 3. Durch MTV sei die Popkultur in Deutschland erst wirklich zu einem zentralen Alltagsgegenstand geworden.

Auch Ingo Schmoll, der ab 1993 Moderator bei MTV Europe war, erklärt dass MTV vor allen Dingen für eine gewisse Zeit steht - für die Zeit der Musikvideos, die damals noch etwas Neues und Aufregendes waren. "Damals war das ein total fettes Ding, Musikvideos", sagt er. MTV habe zu dieser Zeit ein Alleinstellungsmerkmal gehabt, weil es keine anderen Quellen gab, wo man sowas bekommt.

"Die waren wirklich (…) wie ein Fenster in eine Welt, in die man sonst so als Jugendlicher, Teenager auf dem Lande in Deutschland nicht hineingucken konnte." Jens Balzer, Musikkritiker
Ingo Schmoll

Ingo Schmoll

Am intensivsten beschäftigt Schmoll noch heute, wie das Programm bei MTV gemacht wurde. Von außen wirkte das immer unwahrscheinlich professionell sagt er, aber eigentlich ging es dann doch relativ chaotisch zu. Er erzählt, dass man von jeden Schreibtisch aus beobachten konnte, wie sich Weltstars wie Prince und KISS die Klinke in die Hand gaben. Das sei immer ganz normal gewesen. Bis eines Tages Kermit der Frosch zu Gast war - "jeder wollte ein Foto mit Kermit dem Frosch machen. So cool war MTV", sagt Schmoll.

Musik bekam eine visuelle Komponente

Das Besondere war laut Balzer auch die Kopplung von Musik und Video. "Die Popmusik hat sich verändert, dadurch, dass sie eine visuelle Komponente bekam", sagt er. "Die Choreografien, Bewegung, die Arten der Inszenierung wurden auch wirklich vom Visuellen her ganz zentral." Musiker wie Michael Jackson seien ohne die Videos als globaler Popstar nicht denkbar gewesen - hier verweist er auf das legendäre Video zu "Thriller" und den "Moonwalk". Diese Tanzschritte konnten dann zuhause vor dem Fernseher nachvollzogen werden.

In den USA hatte MTV laut Balzer darüber hinaus auch eine politische Bedeutung. Denn es war das erste mal, dass Afroamerikanische Musik in großem Maßstab auch in weiße Haushalte gesendet wurde. "Das hat auch tatsächlich viel zu einer kulturellen Durchmischung beigetragen", sagt Balzer.

MTV: Ein Stück Popkultur endet

WDR 3 Mosaik 30.12.2025 06:53 Min. Verfügbar bis 30.12.2026 WDR 3


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MTV als Sprungbrett für Stars

Über Jahre hinweg feierten immer wieder neue Musikvideos ihr Debüt auf MTV. Internationale Stars promoteten damit ihre neuen Singles. Durch die häufige Wiederholung von Videos half der Musiksender aber auch deutschen Bands dabei sich international zu etablieren, wie beispielsweise den Jungs von Tokio Hotel.

Auch viele Deutsche Moderatorinnen und Moderatoren wurden durch MTV bekannt bzw. noch bekannter. So zum Beispiel Nora Tschirner, Christian Ulmen und Sarah Kuttner. Mit der Sendung "MTV Home" erschien ab 2009 ein Moderatorenduo auf der Bildfläche, das auch heute noch im Fernsehen viel vertreten ist: Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf. Mit ihrem schnellen Schlagabtausch, Improvisationstalent und respektlosen Humor prägten sie den Ton der Sendung.

Unplugged auch mit deutschen Stars

MTV gab Musikern auch immer wieder die Gelegenheit, sich ganz anders als in ihren Musikvideos zu präsentieren. Die Idee hinter der Konzertreihe "MTV Unplugged": Gib Mega-Stars Gitarren, Klaviere und Percussion-Instrumente und zieh die Stecker. Plötzlich klingt selbst ein Rockriese wie ein sanfter Singer-Songwriter

Nicht nur international geht das Format mit Bands wie Nirvana oder Oasis durch die Decke, auch der deutsche MTV-Ableger macht mit heimischen Künstlern Furore. So spielen etwa die Fantastischen Vier im Jahr 2000 in einer Eiszeithöhle in Balve in NRW.

"Ein langes verglimmen des Senders"

"Eigentlich waren die großen Zeiten von MTV schon vor 25 Jahren vorbei", sagt Musikkritiker Jens Balzer. Um die 2000er Jahre begann der Sender zum ersten Mal sein Musikprogramm durch Reality-Shows und ähnliches zu ergänzen - beispielsweise durch "Jackass" oder später "The Osbournes". Da verlor das Musikvideo laut Balzer bereits seine Relevanz. Er bezeichnet das als "ein langes verglimmen dieses Senders."

"Der ganze Stellenwert von Musik, der hat sich halt sehr, sehr verändert mit der Zeit, wie und wo welche Musik konsumiert wird" Ingo Schmoll, Moderator bei MTV

Heute gibt es laut Balzer kaum noch Kanäle, auf denen Musikvideos ausgespielt werden - auch die Klickraten auf YouTube seien extrem zurückgegangen. Schmoll sieht den Grund auch darin, dass Musik heute ganz anders konsumiert wird als damals. Und zwar bei diversen Plattformen, wie TikTok und Instagram. Hier sei sie meistens in abgekürzter Form zu sehen und relativ schnell zu konsumieren.

Gibt es auch heute noch Musikvideos?

Musikvideos gibt es auch weiterhin. Balzer erwähnt in diesem Zusammenhang beispielsweise die Popkünstlerin Rosalia, die auch in diesem Jahr noch Videos gedreht hat. Doch das ist laut Balzer inzwischen eher die Ausnahme. Viele Bands machten keine Musikvideos mehr. Der Grund: Viele Plattenfirmen gäben dafür einfach kein Marketinggeld mehr aus.

Damals war das laut Schmoll ganz anders. Er erzählt, dass damals selbst ein Künstler aus Deutschland für so ein Musikvideo 150.000 D-Mark ausgegeben habe. "Heutzutage machst du sowas für, wenn überhaupt, ein paar tausend Euro", sagt er.

Musikvideos beim Museumsbesuch

Wer die alten Clips aus den 80er, 90ern nochmal anschauen will, der findet diese immer noch bei YouTube - doch die Bildqualität ist leider zum teil sehr schlecht.

Oder man schaut sich die Videos bei einem Museumsbesuch an. Balzer erklärt, dass das Museum of Modern Art in New York, bereits vor einer Weile die ersten Musikvideos in seinen Bestand aufgenommen hat. "Es wird also museal", sagt er.

Momente und Meilensteine bei MTV

Ab dem 01. Januar 2026 werden bei dem Musiksender MTV keine Videos mehr ausgestrahlt. Meilensteine und Momente des Musiksenders in Bildern.

Bill und Tom Kaulitz von Tokio Hotel

Den Jungs von Tokio Hotel half der Musiksender dabei sich international zu etablieren.

Der Videoclip zu Michael Jacksons Song "Thriller" gilt als Meilenstein in der Geschichte der Musikvideos.

Auch das legendäre Musikvideo zum Song "Take On Me" von a-ha wurde bei MTV gezeigt.

Der Kuss zwischen Madonna und Britney Spears bei den MTV Video Music Awards 2003 dürfte vielen in Erinnerung geblieben sein.

Den Jungs von Tokio Hotel half der Musiksender dabei sich international zu etablieren.

Das Moderatorenteam Joko und Klaas wurde über MTV bekannt - mit der Sendung "MTV Home".

Die Fantastischen Vier spielen für "MTV Unplugged" im Jahr 2000 in einer Eiszeithöhle in Balve in NRW.

"Jackass" ist eine Fernsehsendung des Musiksenders MTV, die von 2000 bis 2002 produziert wurde. Der Inhalt: Die Protagonisten führten in jeder Folge gefährliche oder selbstverletzende Stunts durch.

"The Osbournes" ist eine Doku-Soap über das Leben des Rockmusikers Ozzy Osbourne, die zwischen 2002 und 2005 auf MTV ausgestrahlt wurde.

 Popkünstlerin Rosalia hat auch in diesem Jahr noch Musikvideos gedreht. Viele andere Künstler verzichten inzwischen auf Videoclips.

Unsere Quellen:

  • Interview mit Ingo Schmoll, Moderator bei MTV
  • Interview mit Jens Balzer, Musikkritiker
  • Nachrichtenagentur dpa

Sendung: WDR 3 Mosaik, 30.12.2025, 8.05 Uhr

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