Kampf gegen Tabakkonsum
Aktuelle Stunde . 17.11.2025. 18:48 Min.. UT. Verfügbar bis 17.11.2027. WDR. Von Claudia Beucker.
Experten fordern Abschaffung von Aromen in E-Zigaretten
Stand:
Fruchtig süß wie eine Erdbeere oder erfrischend wie Minze - E-Zigaretten locken mit Aromen. Verführt das Jugendliche zum Rauchen?
Der E-Zigarettenkonsum in Deutschland ist Daten der DEBRA (Deutsche Befragung zum Rauchverhalten) etwas sprunghaft. Im Vergleich mit dem Tabakkonsum, der zuletzt zurückgegangen ist, lässt sich aber eher ein Aufwärtstrend vermuten. Und das nicht nur in Deutschland, sondern offenbar weltweit, was der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht entgangen ist. Sie hat sich jüngst für ein Verbot von Aromastoffen in elektronischen Dampfgeräten stark gemacht.
Starker Anstieg des E-Zigaretten-Konsums bei Jugendlichen
Dass Rauchen ungesund ist, darüber muss man nicht groß reden: Neben hohem Blutdruck und Übergewicht zählte Nikotinkonsum in Deutschland 2023 zu den größten Risikofaktoren für eine Beeinträchtigung der Gesundheit und einen frühzeitigen Tod, wie es in der neuesten Ausgabe der Studienreihe "Global Burden of Disease" (weltweite Krankheitslast) heißt.
Entsprechend besorgt zeigt sich die WHO über eine wachsende Nikotinabhängigkeit unter jungen Menschen, wobei E-Zigaretten mit ihren süß-fruchtigen oder erfrischend minzigen Aromen als Hauptverführer unter Verdacht stehen. Studien zeigen, dass E-Zigaretten bei Jugendlichen beliebt sind. Zwar ist die DEBRA-Studie für 2025 noch nicht abgeschlossen, doch die vorläufigen Daten bis August lassen nahezu eine Verdreifachung des Konsums auf 4,3 Prozent befürchten. Und das, obwohl in der Studie aus Düsseldorf nur 14-17-Jährige erfasst sind.
Reiner Hanewinkel
Die Daten einer Studie des IFT-Nord in Kiel, das jährlich rund 25.000 Schüler im Alter von 9 bis 17 Jahren aus 14 Bundesländern befragt, zeichnen einen noch klareren Trend. Laut Studienleiter Reiner Hanewinkel, Professor an der medizinischen Fakultät in Kiel, hat die E-Zigarette Tabak überflügelt.
"Mit Einführung der Einweg-E-Zigarette ist der Konsum bei Jugendlichen sprunghaft gestiegen. Die E-Zigarette hat die normale Zigarette überflügelt." Reiner Hanewinkel, Professor an der medizinischen Fakultät in Kiel
Schulen registrieren wachsende Beliebtheit von E-Zigaretten
"E-Zigaretten sind das beliebteste Niktoinprodukt unter Jugendlichen", sagt Hanewinkel. Was ihn dabei vor allem besorgt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Jugendlichen Raucher bleiben: "Wir fragen die Schüler, ob sie in den letzten vier Wochen geraucht haben. Wer das getan hat, gehört als Erwachsener wahrscheinlich auch zu den Rauchern."
Einen Hype bei den E-Zigaretten hat auch Hedwig Claes registriert. Die wachsende Beliebtheit sei das, was ihr als Präventionsfachkraft am Düsseldorfer "Cross-Point" von den Schulen gespiegelt werde. Für die trägerübergreifende Fachstelle in der Suchtprävention führt die Sozialarbeiterin an Schulen regelmäßig Veranstaltungen durch, bei denen sie über Risiken des Rauchens aufklärt.
Präventionsfachkraft fordert strengere Kontrollen bei E-Zigaretten
Dabei verzichtet Claes auf "mahnende Zeigefinger" und ist sich der Verlockungen des Rauchens sehr wohl bewusst: "Die Geschichten sind immer dieselben. Es geht um das Dazugehören, das In- oder Cool-Sein." Bei den E-Zigaretten käme aber noch etwas Neues dazu - der Geschmack: "Es sind die Aromen. Es schmeckt ganz gut", sagt Claes.
Wie Hanewinkel begrüßt auch die Präventionsarbeiterin den WHO-Vorstoß zum Verbot solcher Aromen, sähe es aber noch lieber, wenn E-Zigaretten gar nicht erst in die Hände von Jugendlichen gerieten. Der Verkauf an Minderjährige ist in Deutschland zwar gesetzlich verboten, die Konsumrealität wie schon bei Tabak und Alkohol jedoch oft eine andere: "Der Verkauf muss strenger kontrolliert werden. Der Zugang zu E-Zigaretten muss erschwert werden", fordert Claes.
Stephanie Klosterhalfen
Den zu erschweren, dafür gibt es gute Gründe. Stephanie Klosterhalfen, die als promovierte Gesundheitswissenschaftlerin an der DEBRA-Studie der Uni Düsseldorf beteiligt ist, verweist auf gesundheitliche Risiken der E-Zigaretten. Die Langzeitnutzung sei zwar unzureichend erforscht, aber der Konsum deshalb nicht risikofrei:
- Viele E-Zigaretten enthalten Nikotin, ein starkes Zell-Gift, dass das Gefäß- und Nervensystem angreift
- Aerosol enthält krebserregende und entzündungsfördernde Substanzen
- Erkrankungen der Atemwege (Bronchitis, Asthma)
- Entwicklung einer Nikotinabhängigkeit
- Dualer Konsum
"Die E-Zigarette ist nicht risikofrei. Aerosol enthält krebserregende und entzündungsfördernde Substanzen." Stephanie Klosterhalfen, promovierte Gesundheitswissenschaftlerin
Hanewinkel, der selbst keinen großen Unterschied zwischen der Gefährlichkeit von E-Zigaretten und Tabak sieht, warnt vor allem vor dem "dualen Konsum": "Viele E-Zigaretten-Benutzer rauchen weiter Tabak. Das ist besonders gesundheitsgefährdend." Beides enthalte "unterschiedliche toxische Substanzen", die so zusammenkommen.
Hanewinkel: E-Zigaretten erleichtern Einstieg in die Abhängigkeit
Problem sei wie beim klassischen Tabakkonsum, dass es "keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Gesundheit" gebe. Die seien eher mittel- und langfristig: "Das ist die Krux. Jugendliche merken gar nicht, dass es sie beeinträchtigt", sagt Hanewinkel. Da zudem "schlechte Raucherfahrungen" wie Husten, Kratzen im Hals, schlechter Geschmack und Gestank wegfielen, fürchtet der Professor, dass E-Zigaretten die Nikotinabhängigkeit eher verlängern.
Alle drei Experten betrachten die elektronische Dampfvariante als möglichen Einstieg in die Sucht und sehen die im Raum stehende Forderung zur Abschaffung von Aromen wie Johannes Bruns, Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft, als richtigen Schritt: "Da ist es letztendlich wichtig, dass man das unattraktiv macht. Dass man sagt, das macht gar keinen Spaß." Weil man eben über den Einstieg in eine Sucht rede, so Bruns am Montag im Gespräch mit dem WDR.
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit Reiner Hanewinkel, Professor an der medizinischen Fakultät in Kiel
- WDR-Gespräch mit Stephanie Klosterhalfen, promovierte Gesundheitswissenschaftlerin
- WDR-Gespräch mit Hedwig Claes, Präventionsfachkraft vom Düsseldorfer "Cross-Point"
- WDR-Gespräch mit Johannes Bruns, Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG)
- DEBRA-Study (Deutsche Befragung zum Rauchverhalten)
- Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT-Nord)
- Nachrichtenagentur DPA
Über dieses Thema berichten der WDR am 17. November 2025 auch im Fernsehen: 18.45 Uhr, Aktuelle Stunde.