"Weißer Riese"-Sprengung: Kann Stadtplanung Problemviertel verändern?
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Nach der Sprengung des "Weißen Riesen" soll der Duisburger Stadtteil Hochheide aufgewertet werden. Das könne gelingen, sagen Stadtplaner. Der Prozess sei aber mühsam.
Von Nina Magoley
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Zu den Kommentaren [7]Jetzt ist auch der dritte "Weiße Riese" von Duisburg Vergangenheit. Um Punkt 12 Uhr am vergangenen Sonntag fiel das Hochhaus im Stadtteil Hochheide in sich zusammen - die Sprengung war gelungen.
Anstelle des zuletzt verwahrlosten Wohngebäudes soll nun der "Stadtpark Hochheide" entstehen: mit Grünanlagen, "attraktiven Begegnungsräumen" und weniger Leerstand im Bereich der Ladenlokale. Ziel sei ein stärkeres "Wir-Gefühl" im Stadtteil Hochheide, heißt es in einem Strategie-Papier der Stadt Duisburg.
Daran fehlte es bislang offensichtlich. Verwahrloste Außenanlagen, Vandalismus und eingeschüchterte Bewohner prägten eher das Bild.
Kann ein Wandel durch Stadtplanung gelingen?
Aber ist es überhaupt möglich, die Stimmung und Lebensqualität in einem Viertel durch Bebauung und Stadtplanung zu verbessern? Denn die Bewohner bleiben in der Regel vor Ort und prägen weiterhin das Umfeld - daran ändert auch eine Sprengung wie in Duisburg nichts.
Gelingen könne das schon, sagt Carsten Schäfer von der "Planungsgruppe Stadtbüro" in Dortmund. Seit Jahrzehnten beraten und begleiten die Stadtplaner Kommunen in NRW im Umgang mit problematischen Stadtteilen. "Es ist immer eine langfristige Aufgabe", sagt Schäfer, "entscheidend ist dabei, dass die Anwohner von Anfang an mit einbezogen werden."
Viele Akteure müssen mitmachen
Eine Beteiligung der Bewohner erhöhe in jedem Fall die Akzeptanz für neue bauliche Planungen. Dabei müssten viele Aspekte berücksichtigt werden: Die sozialen Lebensbedingungen der Menschen vor Ort, ihre durchschnittliche Bildung und Gesundheit bis hin zur Unterstützung bei der Suche nach Arbeit.
Auch ein Problemviertel: Dortmunder Nordstadt
Mit ins Boot müssten daher auch unbedingt örtliche "Gemeinwesenträger" und deren Netzwerke, sagt Schäfer - also etwa Caritas, AWO oder Diakonie, aber auch Jugendamt, Sozialamt, Jobcenter und Gesundheitsamt. Das jeweilige Stadtplanungsamt sei natürlich auch dabei, genau wie Tiefbau- und Grünflächenamt. Eine große interdisziplinäre Arbeitsgruppe also, die koordiniert werden muss - plus "ganz viel Beziehungsarbeit".
Das alles brauche Zeit, weiß Schäfer - denn meistens reiche das Geld einer Kommune alleine nicht aus, selbst, wenn Bund und Land sich beteiligen. Dann müssten diverse EU-Fördermittel beantragt werden.
Ziel: Identifikation mit dem Stadtteil
Gelingt ein solches Projekt und ziehen die Anwohner mit, könne sich tatsächlich auch das Image eines Stadtteils ändern. "Dann bleiben die Menschen auch länger", sagt Schäfer, und würden anfangen, sich mit ihrer Umgebung zu identifizieren.
Denn das Problem solcher Brennpunkte sei oft auch eine hohe Fluktuation: Menschen kommen erst einmal her, weil sie hier billige Wohnungen finden. Wegen des schlechten Images wollten aber viele schnell wieder weg, sobald sie auf dem Arbeitsmarkt Fuß gefasst hätten, sagt Schäfer. Das könne sich ändern, wenn die Lebensqualität steigt.
Auch Eigentümer in der Pflicht
Leerstand seit 2020: Der "Weiße Riese" in Duisburg
Eine andere wichtige Rolle spielen aber auch die Gebäudeeigentümer selber. Dass die Hochhäuser in Duisburg-Hochheide am Ende verwahrlost waren, liege auch in deren Verantwortung, sagt Stadtplanerin Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin: "Wenn es zu einer Konzentration von Menschen mit ressourcenschwachen Haushalten kommt, dann braucht es umso mehr sozial verantwortungsvolle Vermieter, die sehen, dass in Beratung, Verwaltung, Hausmeisterservice dort ganz andere Aufwendungen notwendig sind." Geschehe das nicht, komme es zu Verwahrlosungserscheinungen. "Aber das hat mit dem Bau an sich nichts zu tun."
Vielmehr gehe es um die Frage: Wie werden diese Häuser vermietet, begleitet, verwaltet? Was gibt es für Angebote in den Siedlungen, um auf bestimmte Lebenssituationen zu reagieren?
Wenn, wie in Duisburg, die Lösung im Abriss der vermeintlichen Problemimmobilien gesehen wird, verschwänden damit auch bezahlbare Wohnungen. Diese dann neu zu bauen, sei "ja komplett verrückt", findet Pätzold.
Beispiel Phoenix-See: Luxuswohnungen statt Hochöfen
Ein prominentes Projekt zur Aufwertung eines prekären Stadtteils ist der Phoenix-See in Dortmund-Hörde: Wo ehemals kolossale Hochöfen qualmten, glitzert jetzt ein künstlich angelegter See, flankiert von schicken Ladenzeilen und weißen Wohnhäusern der gehobenen Kategorie.
Mit dem neuen Nobelviertel sollte eigentlich auch der Stadtteil Hörde aufgewertet werden. Doch das sei auch nach mehr als 20 Jahren nicht wirklich eingetreten, sagt Verena Gerwinat, Mitarbeiterin bei der Langzeitstudie "Strahlungsmonitoring" an der TU Dortmund
See-Anwohner meiden die Hörder Innenstadt
Zwar gebe es weniger Leerstand von Ladenlokalen in der Hörder Innenstadt. Auch würden Eigentümer offenbar mehr in die Instandhaltung ihrer Gebäude investieren, "der Verfall ist gestoppt". Höherwertige Geschäfte aber suche man außerhalb der neuen Siedlung am See nach wie vor vergebens.
Aus Befragungen vor Ort wissen die Forscherinnen der TU auch, dass die solventen Bewohner der neuen See-Häuser sich kaum in die Hörder Altstadt verirren. Insgesamt seien die Mieten und Quadratmeterpreise auch in Alt-Hörde gestiegen.
Abreißen oder sanieren?
Ob es sinnvoll ist, wie in Duisburg zwar verwahrlosten, aber bezahlbaren Wohnraum wegzusprengen? Das sei immer Abwägungssache, sagt Stadtplanerin Gerwinat: "Wie sinnvoll wäre eine aufwändige Sanierung?" Dass das durchaus auch gelingen kann, zeige die Hochhaus-Siedlung Clarenberg, ebenfalls im Dortmunder Stadtteil Hörde.
Hochhäuser am Clarenberg in Dortmund
Hier habe sich die Lage durch Sanierungsmaßnahmen stabilisiert: Die Gebäude wurden gedämmt und bunt verkleidet, Außenanlagen und Spielplätze neu gestaltet. So sei die Fluktuation deutlich gesunken. Aber: "Die Kinderarmut ist hier nach wie vor eine der höchsten in Dortmund." Dennoch könnten sich die Bewohner heute besser mit ihrem Zuhause identifizieren.
Seit fast dreißig Jahren koordiniert die Arbeitsgemeinschaft Soziale Stadt NRW Programme in zurückgelassenen Stadtteilen in NRW. Auf einer Karte sind ausführliche Beschreibungen zu den einzelnen Projekten verlinkt. Bei fast allen Projektbeschreibungen findet sich der Hinweis, dass eine erfolgreiche Aufwertung nur dann gelingt, wenn die Akteure vor Ort das tatsächlich wollen.
Unsere Quellen:
- Stadt Duisburg
- Gespräch mit Carsten Schäfer von der "Planungsgruppe Stadtbüro"
- Gespräch mit Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik
- Gespräch mit Verena Gerwinat, TU Dortmund
7 Kommentare
Kommentar 7: viel Glueck schreibt am 29.07.2025, 14:41 Uhr :
Durch bauliche Massmahmen kann viel erreicht werden, bessere Aufenthaltsqualitaet, weniger Angstraeme, belebte Strassen etc. Ob der Plan gelingt? Ich wuensche Erfolg!
Kommentar 6: Ute schreibt am 29.07.2025, 09:10 Uhr :
Auch damals waren es Stadtplaner*innen, die für diese Bauvorhaben schwärmten. Sie leben natürlich davon, immer einen neuen Zeitgeist auszurufen, so wie es nun wieder der Fall ist. Planungsbüros verdienen immer daran. Aber hier wurde einfach viel graue Energie vernichtet. Bäume schaffen kein anderes Miteinander. Das ist Sozialromantik. Warum werden die Eigentümer*innen nicht frühzeitiger in die Pflicht genommen, die Anlagen ansehnlich in Schuss zu halten? Die untere Wohnung zur Concierge umfunktionieren, regelmäßige Hausbesprechungen abhalten. Einfach mehr kümmern und nicht nur abkassieren.
Antwort von Brigitta S. , geschrieben am 29.07.2025, 13:47 Uhr :
Ja Ute, dass sagt der normale Menschenverstand. Unter nachhaltig aber bauen wollen kann man darunter verstehen, erstmal Verwahrlosen lassen- das Geld spare ich mir, bis es soweit kommt in Zukunft.
Kommentar 5: Daniel H schreibt am 29.07.2025, 08:40 Uhr :
Man muss die Ursachen bekämpfen - nicht nur die Symptome wegsprengen. So wird das Problem nur in andere Viertel / Städte verlagert.
Kommentar 4: Anonym schreibt am 29.07.2025, 08:16 Uhr :
Da wird sich nichts ändern, so lange arme Menschen an die Stadtränder bzw. in nördliche Stadtgebiete abgeschoben werden. Zumindest im Ruhrgebiet. Außerdem wird Hochheide seinen Ruf nicht los.
Kommentar 3: Harvey schreibt am 29.07.2025, 07:36 Uhr :
Die Verantwortung eines Jeden, ob Eigentümer, Mieter oder Akteur muss auch eingefordert werden, gleich welcher Herkunft oder sozialer Stellung. Appelle reichen nicht aus, die positive Entwicklung der Gemeinschaft kann nur gelingen, falls eine weitgehende Verständigung auf ein gemeinsames Ziel und der Wege dahin erreicht werden kann. Dies setzt Dialogbereitschaft und Kooperation voraus und kann mit erheblichen Reibungen verbunden sein, da hier es sich hier um teilweise widerstrebende Interessenlagen geht, die zu Gunsten der Gemeinschaft zurücktreten müssten. Falls keine Identität der neuen Gruppe entsteht, kann auch keine soziale Kontrollfunktion von ihr ausgehen, mit allen seinen negativen Folgen einer Inselbildung einzelner Zugezogener. Also kein Kuschelkurs.
Kommentar 2: Urdeutscher schreibt am 28.07.2025, 22:49 Uhr :
Damit ist bewiesen, wenn die öffentliche Hand Wohnraum einfach so vernichten kann es dann ja keine Wohnungsnot geben kann. Es handelt sich also um eine Lüge der Politik die es behauptet!
Kommentar 1: Franziska 1 schreibt am 28.07.2025, 19:59 Uhr :
Es wird schwer werden, trotz geplanten Grünanlagen und bequeme Extras für die An -und Bewohner. Menschen lassen sich leider nicht zwingen in der Gesellschaft nach den erwartenden Motto," Habt Euch doch lieb in der Gemeinschaft". Ausschlaggebend ist, wie ist dazu der soziale Lebensstandard. Welche Kulturen prallen aufeinander.