Wikipedia wird 25 Jahre alt: Brauchen wir sie noch?

02:06 Min. Verfügbar bis 15.01.2028 Von Jörg Schieb, Jörg Schieb

Wikipedia wird 25 Jahre alt: Brauchen wir sie noch?

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Die Online-Enzyklopädie feiert Silberhochzeit – doch ChatGPT & Co. scheinen schneller und bequemer. Aber kann KI wirklich ersetzen, was Wikipedia leistet? WDR-Digitalexperte Jörg Schieb ordnet ein, warum das freie Wissen relevanter ist denn je.

Von Jörg Schieb, WDR-Digitalexperte.Jörg Schieb

Als Jimmy Wales und Larry Sanger am 15. Januar 2001 Wikipedia gegründet und gestartet haben, belächelten viele die Idee noch: Eine Enzyklopädie im Internet, die zudem jeder bearbeiten kann? Das könne nicht funktionieren, haben viele gesagt.

25 Jahre später ist Wikipedia mit über 60 Millionen Artikeln in mehr als 300 Sprachen unbestritten die größte Wissenssammlung der Menschheit. Allein die deutsche Version umfasst 2,8 Millionen Artikel.

Doch heute steht Wikipedia vor neuen Herausforderungen: KI-Assistenten wie ChatGPT liefern blitzschnell Antworten auf jede Frage. Und zumindest in den USA vermischt Elon Musks Grokipedia KI und Community-Wissen. Daher stellen sich nicht wenige die Frage: Brauchen wir die altehrwürdige Online-Enzyklopädie überhaupt noch?

Wikipedia – Der verlässliche Klassiker

Wikipedia gilt als größtes Nachschlagewerk der Welt

Wikipedia folgt einem einfachen Prinzip: Nachprüfbarkeit. Jede Behauptung muss mit Quellen belegt werden. Änderungen sind in der Versionsgeschichte dokumentiert (wer hat wann, was, geschrieben oder korrigiert). Wer einen Artikel liest, kann nachvollziehen, woher die Informationen stammen.

Diese Transparenz macht Wikipedia vertrauenswürdig. Studien zeigen: Die Fehlerquote liegt auf ähnlichem Niveau wie bei der renommierten „Encyclopædia Britannica“. Vandalismus auf Wikipedia, also die bewusste Einbringung von Falschinformationen, wird meist binnen Minuten rückgängig gemacht (allerdings keineswegs immer) – von ehrenamtlichen Admins, die rund um die Uhr kontrollieren.

Der Preis: Tempo. Aktuelle Ereignisse brauchen Zeit, bis sie als Artikel aufbereitet sind. Und manchmal ist die Sprache sperrig – verfasst von Fachleuten für Fachleute.

Aber: Wikipedia ist werbe- und trackingfrei. Keine Cookies, keine Algorithmen, die bestimmen, was Besucher sich anschauen. Nur Information. Finanziert durch Spenden, getragen von Freiwilligen.

KI-Assistenten: Die schnellen Erklärer

Wikipedia wird 25 Jahre alt: Brauchen wir sie noch?

Vor 25 Jahren hat Jimmy Wales Wikipedia gegründet

Doch es droht Konkurrenz. Chatbots wie ChatGPT & Co. spielen eine andere Liga. Der User fragt – und innerhalb von Sekunden kommt eine verständliche Antwort. Keine Fachbegriffe nötig. Die KI passt sich dem Kenntnisstand an, erklärt Zusammenhänge, stellt Verbindungen her.

Das funktioniert beeindruckend gut für Allgemeinwissen und Erklärungen. KI-Modelle sind mit riesigen Textmengen trainiert worden – darunter auch Wikipedia. Sie können Wissen kombinieren, das in verschiedenen Artikeln verstreut ist.

Doch hier beginnt das Problem: KI-Modelle "verstehen" nicht wirklich, was sie schreiben. Sie berechnen Wahrscheinlichkeiten für Wortfolgen. Das führt mitunter dazu, dass die KI plausibel klingende, aber falsche Informationen erfindet (KI-Halluzination). Namen werden verwechselt, Daten durcheinandergebracht, Fakten frei erfunden.

Quellenangaben? Mal vorhanden, mal nicht. Mal korrekt, mal ausgedacht. Für schnelle Erstinformationen praktisch, für verlässliche Recherche immer noch einigermaßen problematisch.

Hinzu kommt: KI-Assistenten sind kommerzielle Produkte. OpenAI, Google, Anthropic – sie alle verfolgen Geschäftsinteressen.

Grokipedia & neue Player

Grikipedia von Elon Musk ist eine Kombination aus Wikipedia plus KI

Elon Musk will es anders machen. Grokipedia, im Dezember 2024 gestartet, soll die praktischen Vorzüge von Wikipedia und KI verbinden. Nutzer können Artikel bearbeiten, während KI-Modell Grok Zusammenhänge herstellt.

Das klingt nach dem Besten aus beiden Welten. Aber noch steckt Grokipedia in den Kinderschuhen und ist bisher nur in den USA verfügbar, mit überschaubarer Artikelzahl. Die entscheidende Frage: Wie wird Qualität gesichert?

Wikipedia hat 25 Jahre Erfahrung gesammelt, wie Community-basiertes Wissen funktioniert. Regeln, Strukturen, Kontrollmechanismen. Grokipedia muss das erst aufbauen.

Warum wir Wikipedia noch brauchen

Die Antwort ist einfach: weil Geschwindigkeit nicht alles ist. Weil manchmal wichtiger ist, dass eine Information stimmt, als dass sie sofort kommt. Weil Transparenz zählt.

Wikipedia ist kein gewinnorientiertes Unternehmen, sondern eine gemeinnützige Stiftung. Keine Werbung, keine versteckten Algorithmen, keine Shareholder. Stattdessen: Millionen Menschen weltweit, die freiwillig Wissen teilen.

KI-Assistenten sind fantastische Werkzeuge – für Brainstorming, erste Orientierung, Erklärungen. Aber sie ersetzen nicht die Verlässlichkeit einer geprüften Quelle.

Die Zukunft liegt im Miteinander: KI macht Wissen zugänglicher, Wikipedia liefert die verlässliche Grundlage. Wer schnell eine Erstinfo braucht, fragt ChatGPT. Wer es genau wissen will, schaut bei Wikipedia nach.

Das größte Risiko für Wikipedia ist indes nicht die KI-Konkurrenz – sondern fehlender Nachwuchs. Die Zahl aktiver Autorinnen und Autoren stagniert. Besonders junge Menschen erreicht die Plattform kaum noch.

Trotzdem hat Wikipedia etwas, das keine KI bieten kann: Gemeinschaft. Menschen, die aus Überzeugung Wissen teilen. Ohne Bezahlung, ohne Ruhm. Weil sie daran glauben, dass Information frei sein sollte.

Das macht Wikipedia 25 Jahre nach der Gründung aktueller denn je. Nicht trotz KI – sondern gerade wegen ihr. In einer Welt voller plausibel klingender Halbwahrheiten braucht es Orte, an denen Wahrheit zählt.

Wikipedia ist so ein Ort. Happy Birthday.

Was Wikipedia auszeichnet:

  • 2,8 Millionen Artikel allein auf Deutsch
  • Komplett werbefrei und trackingfrei
  • Jede Information mit Quellen belegt
  • Änderungen transparent nachvollziehbar

Wo KI-Assistenten punkten:

  • Sofortige, verständliche Antworten
  • Anpassung an Kenntnisstand
  • Verknüpfung verschiedener Wissensgebiete

Wo Vorsicht geboten ist:

  • KI kann falsche Infos erfinden (KI-Halluzinationen)
  • Quellenangaben nicht immer zuverlässig
  • Kommerzielle Interessen der Anbieter

Sendung: WDR.de, 25 Jahre Wikipedia: Brauchen wir das Online-Nachschlagewerk noch?, 15.01.2026, 16:00 Uhr

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