Keine Ausbildung für Assistenzhunde
Bildquelle: picture allianceAktuelle Stunde . 09.11.2025. 16 Min. 15 Sek.. UT. Verfügbar bis 09.11.2027. WDR. Von Thomas Kramer.
Wenn Simba mit seinem reflektierenden Geschirr durch die Haustür tritt, geht es nicht auf einen normalen Spaziergang. Der Rüde hat einen Job - er ist für seine Besitzerin eine Lebensversicherung auf vier Pfoten.
Hund als Lebenshelfer und Retter
Chantal Entrick mit Assistenzhund Simba
Bildquelle: WDRDer hellbraune Labrador-Retriever ist ausgebildeter Assistenzhund. Seine Besitzerin Chantal leidet an einer seltenen Stoffwechselkrankheit, ausgelöst durch einen Hirntumor. Sollte unterwegs ihr Blutdruck sinken, macht sich der Hund bei ihr bemerkbar. Zunächst würde er stupsen. Kommt keine Reaktion, würde er sie am Ärmel ziehen. "Wenn ich dann noch nicht reagiere, würde er auch bellen", erklärt Chantal. Für sie ist Simba ihr Wunderhund.
"Simba ist alles für mich." Chantal Entrich über ihren Assistenzhund
Doch Chantal hatte einfach großes Glück. Die Prüfung als zertifizierter Assistenzhund hat Simba nämlich gerade noch rechtzeitig geschafft: Letztes Jahr im Sommer, kurz bevor eine letzte Übergangsfrist auslief. Seither ist Schluss mit Zertifizierungen. Und die Erklärung dafür klingt wie ein schlechter Scherz.
Assistenzhunde-Ausbildung gerade unmöglich
Im Jahr 2023 trat die Assistenzhundeverordnung in Kraft. Und die regelt nun, dass nur zertifizierte Ausbildungsstätten Assistenzhunde ausbilden dürfen. Der Knackpunkt: Es gibt in ganz Deutschland aktuell keine zertifizierte Ausbildungsstätte, weil es keine übergeordnete Stelle gibt, die sie zertifizieren kann.
Eine Übergangsfrist, die eine Prüfung nach dem alten System ermöglicht, ist seit Sommer 2024 ausgelaufen. Ausgenommen sind Blindenführhunde, die anders geprüft werden.
Ministerium: Rechtsänderung in Arbeit
Nachgefragt beim Bundesministerium für Soziales gibt es die Antwort: Man arbeite daran. Und etwas konkreter: "Die dafür notwendigen Rechtsänderungen sind Teil der Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes. Das Gesetzgebungsverfahren wurde bereits eingeleitet."
Nach Expertenschätzung sind laut NRW-Gesundheitsministerium aktuell circa 3.000 Assistenzhunde ganz Deutschland im Einsatz.
Hundetrainerin wütend
Hundetrainerin Daniela Schramm
Bildquelle: WDRDaniela Schramm hat den Rüden Simba ausgebildet. Die Hundeausbilderin aus Mönchengladbach macht die derzeitige Situation wütend. Sie bekomme zwar Anfragen zu Hundeausbildungen, aber die Zukunft ist eben ungewiss. "Ich muss denen ganz klar sagen, überleg dir, macht das Sinn, die Ausbildung jetzt anzufangen, weil wir können dir nicht sagen, ob der jemals geprüft werden kann."
Ohne Zertifikat sind viele Orte tabu
Zurück zu Chantal und Simba. Was hieße es für sie, wenn ihr Hund kein Zertifikat hätte? Behördengänge, Krankenhaus, Schule, Uni - viele Orte wären für Simba ohne Zertifikat tabu. Und damit auch für Chantal.
Mutter Johanna Entrick
Bildquelle: WDR"Viele Dinge sind nur so möglich", sagt Mutter Johanna Entrich. Wenn sie zum Einkaufen geht, hat sie die Gewissheit, dass der Hund auf ihre Tochter aufpasst. Simba könnte Chantal auch eine Spritze bringen, wenn es sein muss. Er kann Türen öffnen und könnte sogar Hilfe holen.
Auch ein einfacher Kinobesuch wäre ohne den Hund nicht möglich, geschweige denn eine Urlaubsreise. "Wir könnten nicht in den Flieger steigen und er wäre dann im Frachtraum."
"Hunderte Menschen ohne Unterstützung"
Auch der Behindertenbeauftragte der Bunderegierung, Jürgen Dusel, fordert eine Lösung: "Seit mehr als einem Jahr können Assistenzhunde nicht geprüft werden – dadurch stehen hunderte Menschen mit Behinderung, die dringend einen Assistenzhund benötigen, ohne Unterstützung da."
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Chantal und Johanna Entrich
- WDR-Interview mit Hundetrainerin Daniela Schramm
- NRW-Gesundheitsministerium
- Facebookeintrag des Behindertenbeauftragten Jürgen Dusel
Über dieses Thema berichtet der WDR auch im Fernsehen, Aktuelle Stunde, 18.45 Uhr.
48 Kommentare
Kommentar 48: G.B. schreibt am 11.11.2025, 16:12 Uhr :
Ist wieder das gleiche wie bei der Einführung der "Kampfhundegesetze". Erst wurde die Verordnung verabschiedet und wesentlich später erst die Ausführungsbestimmungen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt einen Rottweiler der Ehrenamtlich als Rettungshund bei einer Hilfsorganisation tätig war. Hätte ich nicht einen klar denkenden Mitarbeiter beim Ordnungsamt gehabt, wäre der Hund monatelang mit Leine und Maulkorb rumgelaufen. Wie soll er da nach vermissten Menschen suchen????
Kommentar 47: MeBel schreibt am 11.11.2025, 14:03 Uhr :
Mich macht die Situation schon länger wütend. Hier hätte man bis zu Änderung/Umsetzung dieser die Übergangslösung verlängern müssen. Viele Menschen können so nur eingeschränkt oder gar nicht am Alltag teilnehmen. Egal ob Freizeit oder Arbeit. Meine Hündin erfüllt nicht die Kriterien für einen Assistentenzhund, hilft mir aber so regelmäßig. Sie zeigt mir Migräneaanfälle und aufkommende Angstzustände bereits an bevor es mit bewusst wird. Nur, sie darf mich nicht überall begleiten. Für mich ist es nicht lebenswichtig, aber für viele Menschen sind die 4-Beiner das.
Kommentar 46: anonym schreibt am 11.11.2025, 13:59 Uhr :
ich bin auch angewiesen auf einen assistenzhund, arbeite gerade auf ein attest hin. ich bete dafür das es bald wieder möglich ist. mein leben dreht sich nur zuhause, nichtmal einkaufen kann ich durch meine krankheit. ein assistenzhund ist die letzte möglichkeit auf ein normales leben und das geht unfassbar vielen so. eine frechheit das das kranken menschen noch schwerer gemacht wird..
Kommentar 45: Frauke B schreibt am 11.11.2025, 09:33 Uhr :
Das darf dich wohl nicht wahr sein. Uch bin entsetzt! Was können wir tun? Eine Petition? Es macht mich mega wütend - so unnötig ist das. Es geht hier um Menschen!
Kommentar 44: Burli schreibt am 11.11.2025, 08:59 Uhr :
Typisch Deutschland, aber man hat uns ja Bürokratieabbau versprochen...in 40 Jahren wenn man dran glaubt. Wenn es nicht so traurig wäre, wär's schon wieder lustig. Hauptsache es wird in die Welt getönt: "unser reiches Deutschland "...Reich für alle, aber nicht für jene die es wirklich benötigen!!!
Kommentar 43: Wiebke Ellermann schreibt am 11.11.2025, 08:00 Uhr :
Es wurden den Trainern einfach die Zertifizierung entzogen. Trainer die Jahre lang Assistenzhunde Ausgebildet haben, ohne eine andere Möglichkeit zu schaffen. Ich warte auch schon lange mit meinem ausgebildeten Hund die Prüfung machen zu dürfen. Eine Übergangslösung würde alle Probleme sofort lösen. Gab es 2024 schon einmal.
Kommentar 42: Anonym schreibt am 11.11.2025, 06:27 Uhr :
Ich habe bei einer "Assistenzhundeausbilderin" unsere Ausbildung zum Therapiehundeteam begonnen und durfte nach einem halben Jahr und über 1200 Euro diese Ausbildung beenden, weil es doch nicht so "passend" sei...!!! Wie arbeiten ehrenamtlich in einem Kinder- und Jugendhospitz und deren Trauergruppe! In zwei Wochen beginnen wir bei einer Ärztin, die selbst auch Hunde im Eindatz hat und ausbildet! Damit wollte ich nur darauf hinweisen, dass es leider auch solche Zustände in der Ausbildung gibt! Es sollte einheitliche Regelungen und Vorschriften geben, dass es gar nicht möglich ist, Betroffenen das Geld aus der Tasche zu ziehen!!!
Antwort von Viola , geschrieben am 11.11.2025, 14:44 Uhr :
Nicht jeder Hund ist geeignet und das wird bei der Assistenzhundeausbildunh auch ganz klar am Anfang kommuniziert. Und natürlich man das Risiko, der Trainer leistet die Stunden und kann nichts dafür wenn ein Hund nicht geeignet ist. Die Ausbildung kostet je nach Form 12.000-25.000€
Kommentar 41: Ulrike vom Berg schreibt am 10.11.2025, 20:48 Uhr :
Hauptsache in Peru wurde ein Fahrradweg von unserer Regierung bezahlt. Herr Spahn hat durch sein "Maskengeschäft" Millionen in den Sand gesetzt, die Diäten unserer "Politiker" werden jedes Jahr erhöht. Dafür ist Geld da, keiner der Politiker spricht sich dagegen aus. Es werden zig ehemalige Bundespräsidenten durch uns mit Steuerzahlern weiter bezahlt, selbst, wenn sie nur ein paar Monate im Amt waren!!! Aber kein Geld für Behinderte, wieso müssen die Betroffenen, außer für Blindenhunde, die Ausbildung selbst bezahlen? Wo lebe ich? Typisch Deutschland, das eigene Volk zählt wohl nicht, nur unsere Steuer wollen sie haben und geben es für allen möglichen und unmöglichen Unsinn aus!
Kommentar 40: Michael Lennarz schreibt am 10.11.2025, 18:23 Uhr :
Seit über zwei Jahren arbeite ich ehrenamtlich mit meiner Hündin in diversen Einrichtungen z.B. Senorenheim, Schulen und Kindergärten. Kaja ist eine ausgebildete Therapiebegleithundin, die in einem zertifizierten Ausbildungszentrum eine IHK zertifiziert Ausbildung zur Therapiebegleithundin in Selbstausbildung erhalten hat. Die gesamte Ausbildung dauerte zweieinhalb Jahre. Durch die Änderung der Assistenzhundeverordnung 2023, in der Therapiebegleithund nicht berücksichtigt wurden, kann ich mit Kaja außerhalb von Einrichtungen nicht mehr arbeiten. Vom Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales bekam ich auf meine Bitte, die Therapiebegleithunde den Assistenzhunde gleichzustellen, nur Behauptung, die einen Faktencheck nicht standhalten. Haben Menschen die aus verschiedenen Gründen keinen Assistenzhunde halten können, keinen Anspruch auf tierische Unterstützung??? Vom NRW Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales gabe es hierzu keine Antwort.
Antwort von Viola , geschrieben am 11.11.2025, 14:46 Uhr :
Therapiehunde haben eine ganz andere Aufgabe und sind etwas komplett anderes als Assistenzhunde. Es wäre gut die Ausbildung zu regeln aber es hat auch Nachteile wie man bei den Assistenzhunde sieht
Kommentar 39: Günter Ritter schreibt am 10.11.2025, 17:26 Uhr :
Mich macht diese völlig überflüssige Bürokratie auch wütend! Aber es glaubt doch wohl niemand ernsthaft, dass die AFD an der politischen Macht irgendein Interesse an der Lösung solcher Probleme hat!
Kommentar 38: Franziska 1 schreibt am 10.11.2025, 17:13 Uhr :
Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, dass Behinderte ob sie körperlich oder psychisch krank sind, weiter auf viele Barrieren stoßen. Die Politik lässt vieles schleifen, verbummelt mit Verkürzungs- Regelungen als würde es nicht um Menschen gehen. Der Behinderte ist kein Stück Ware, die man einfach auf die Warteliste legt. Behinderte werden von Mal zu Mal immer mehr enttäuscht, die erwartenden Hilfen sind zurückgeblieben. Im Alltag stoßen Behinderte immer noch auf viele Barrieren. Jeder hat sein eigenes Schicksal, wobei die Politik sie pauschaliert. Behinderte zuhause treibt die Sorge um, unmündig in Einrichtungen untergebracht zu werden. Jetzt muss barrierefrei gebaut werden bei Mietwohnungen und Privathäuser, sonst wird es nie was mit der Barrierefreiheit für Behinderte in allen Bereichen im Alltag. Nur allein auf freiwillige Mitarbeit zu setzen bei der Wirtschaft als Hilfe für Behinderte, scheint erfolglos zu sein!