Die As-Salam-Moschee im Wuppertaler Stadtteil Wichlinghausen trägt einen Namen, der an diesem Freitag besonders passend wirkt: Denn As-Salam bedeutet Frieden. Noch bevor das Freitagsgebet beginnt, füllt sich die Moschee im Wuppertaler Stadtteil Wichlinghausen.
Männer begrüßen sich, ziehen ihre Schuhe aus und nehmen auf dem weichen Teppich Platz. Es ist ruhig, nur leise Gespräche sind noch zu hören. Wenige Tage nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin steht genau dieses Ereignis im Mittelpunkt der Freitagspredigt.
Das Töten Unschuldiger mit dem Islam unvereinbar
Der Imam beginnt seine Predigt mit einem Koranvers: "Wer einen einzigen Menschen töte, sei so, als hätte er die gesamte Menschheit ausgelöscht". Immer wieder betont er, dass Gewalt und das Töten Unschuldiger mit dem Islam unvereinbar seien. Menschenleben seien heilig. Wer solche Taten begehe, schade nicht nur den Opfern, sondern bringe auch den Islam in Verruf.
CSD-Anschlag als Thema - Haltung statt Schweigen
Dass der Anschlag heute überhaupt Thema der Freitagspredigt ist, kommt nicht von ungefähr. Mohamed Abodahab, Vorsitzender der Interessenvertretung der Wuppertaler Moscheen, hatte die 25 Moscheengemeinden der Stadt wenige Tage zuvor dazu aufgerufen, den Anschlag in ihren Predigten anzusprechen.
"Es ist mir ein ganz großes Anliegen", sagt Abodahab vor dem Gebet. Besonders junge Menschen sollten verstehen, dass Gewalt nichts mit dem Islam zu tun habe. Zwar trügen Moscheen keine Verantwortung für die Taten einzelner Extremisten. "Aber wir sehen uns in der Verantwortung, noch einmal zu sensibilisieren und den Standpunkt des Islam als friedliche Religion zu erklären."
Für Abodahab ist das auch eine Form der Prävention. Moscheen müssten jungen Menschen Orientierung geben und Angebote schaffen.
"Viele wollten genau das hören"
Nach dem Gebet geht alles schnell. Viele Besucher ziehen ihre Schuhe an und machen sich auf den Weg zurück in ihren Alltag. Anouar bleibt noch stehen, der 23-jährige studiert Luft- und Raumfahrttechnik und nimmt sich noch kurz Zeit für ein Gespräch.
"Ich fand das sehr schön, dass das heute zur Ansprache kam", sagt er. Viele hätten sich in den vergangenen Tagen Gedanken gemacht. Die Predigt habe noch einmal ausgesprochen, was viele selbst empfunden hätten.
Viele sind gegen Queerfeindlichkeit
Homosexualität erwähnt der Imam in seiner Predigt allerdings nicht ausdrücklich. Dabei hatte der islamistische Täter gezielt Besucher des Christopher Street Days angegriffen.
Anouar sieht darin keinen Widerspruch. Aus seiner Erfahrung würden Fragen rund um den Umgang mit anderen Menschen und Gewalt in der Moschee immer wieder besprochen. "Ich habe von meiner Erfahrung her wirklich immer gehört, dass so etwas absolut nicht zu tolerieren ist und nichts mit unseren Werten zu tun hat."
"Wir leben in einer bunten Gesellschaft"
Auch Ibrahim Alrifae verfolgt die Debatte der vergangenen Tage aufmerksam. Der Pädagoge lebt seit mehr als 40 Jahren in Deutschland und wünscht sich, dass nach islamistischen Anschlägen differenzierter über Muslime gesprochen wird. Für ihn beginnt das mit dem Respekt vor unterschiedlichen Lebensentwürfen.
"Die Gesellschaft ist immer bunt, egal wo man hingeht", sagt er. Unterschiedliche Lebensweisen gehörten dazu. Muslime seien Teil dieser vielfältigen Gesellschaft. Sie lebten nach unterschiedlichen Normen und Werten, akzeptierten aber zugleich, dass andere Menschen anders lebten.
Toleranz verteidigen
Ein paar Meter weiter unterhält sich Ismael mit anderen Gemeindemitgliedern. Der gebürtige Wuppertaler arbeitet als Pflegefachkraft. Nach islamistischen Anschlägen erlebt er immer wieder, wie sich Moscheengemeinden öffentlich von den Tätern distanzieren.
"Man darf einfach nicht müde werden, sich klar zu positionieren", sagt er. Extremisten schaden nicht nur den Opfern ihrer Taten, sondern auch seiner Religion. Gerade deshalb müsse immer wieder deutlich gemacht werden, dass sie nicht für den Islam sprechen. Toleranz sei ein zentraler Wert seines Glaubens.
Freitagspredigt ist nur der erste Schritt
Für Mohamed Abodahab ist die Freitagspredigt nur ein erster Schritt. Entscheidend sei, Radikalisierung gar nicht erst entstehen zu lassen. Dafür müssten Moscheen junge Menschen erreichen, ihnen Orientierung geben und Alternativen bieten. "Wir dürfen diese Lücke nicht offen lassen", sagt er.
Sonst bestehe die Gefahr, dass sich Jugendliche ihre Antworten anderswo suchten und dabei an radikale Prediger oder extremistische Gruppen gerieten. Nach dem Anschlag in Berlin habe er in den Wuppertaler Moscheengemeinden vor allem eines erlebt: Entsetzen.
Viele junge Menschen hätten genauso betroffen reagiert wie der Rest der Gesellschaft. "Wir sind Teil dieser Gesellschaft", sagt Abodahab. Gerade dieses gemeinsame Entsetzen und die klare Haltung gegen islamistische Gewalt seien ein wichtiges Signal.
Unsere Quellen:
- Beobachtungen WDR-Reporter vor Ort
- Gespräch mit Mohamad Abodahab, Vorsitzender der Interessenvertretung der Wuppertaler Moscheen
- Gespräch mit Teilnehmenden am Freitagsgebet
Sendung: WDR.de, Reaktion Wuppertaler Moschee auf Anschlag auf CSD in Berlin, 31.07.2026, 19:50 Uhr