Junge Menschen verursachen immer wieder Unfälle. Wuppertaler Schüler erfahren, wie sie das verhindern können.
WDR. 03:18 Min.. Verfügbar bis 03.07.2028.
Felix (15) und seine Klassenkameraden stehen auf dem Gelände des Agaplesion Bethesda-Krankenhauses in Wuppertal. An einem kleinen Hang werden sich gleich actionreiche Szenen abspielen.
Noch erklären zwei Polizisten den Neuntklässlern der Gesamtschule Barmen, dass einer von ihnen gleich im Auto mit 30 km/h eine Vollbremsung hinlegen wird. Die Stelle, wo der Fahrer bremst, wird vorher schon mit einem orangenen Verkehrshütchen markiert.
Und los geht's: Mit schnellem Tempo fährt der Polizist den Hang hinunter und tritt mit voller Kraft in die Eisen. Die Stelle, an der das Auto zum Stehen gekommen ist, wird markiert. "Wer weiß, wie der Bremsweg berechnet wird, macht einer schon den Führerschein?" fragt Polizist Michael Kock von der Unfallprävention.
Ein Dummy der Polizei wird bei einer Übung zum Bremsweg vom Auto erfasst
Ein zwei Hände gehen hoch - aber sicher sind sie nicht. Also rechnen die Polizisten vor: "Bei 30 km/h liegt der Bremsweg bei neun Metern, davon die Hälfte, wenn man nicht abgelenkt ist, sofort reagiert und eine Vollbremsung hinlegt". Dann wird ein Dummy als Unfallopfer platziert und die Geschwindigkeit auf 40 km/h erhöht. So wird simuliert, wie sich der Bremsweg verlängern kann - etwa durch eine längere Reaktionszeit unter Alkoholeinfluss oder ein Handy am Steuer.
Vom Unfallort in den Rettungswagen
Felix zuckt zusammen, als das Fahrzeug mit voller Wucht den Dummy erfasst. Der fliegt mehrere Meter und kommt auf dem Asphalt wieder zum Liegen. "Ich finde es super, dass sie uns heute nochmal vorgeführt haben, wie sich Geschwindigkeit und unachtsames Fahren auswirkt - dass man immer aufmerksam fahren muss, ohne Ablenkung also keine Nachrichten schreiben am Handy oder so", erzählt Felix, der schon einmal einen schweren Motorradunfall beobachten musste. "Das war heftig, das wünsche ich keinem."
Felix (15) verfolgte die Übung der Polizei
Danach geht es für die Schüler in kleinen Gruppen von Station zu Station. Nächster Halt: Der Rettungswagen. Der leitende Notarzt Gunnar Kalund erklärt, wie der Wagen ausgestattet ist und wofür. "Wir haben ein Beatmungsgerät für schwerkranke Patienten, ein EKG-Gerät, dahinten haben wir eine Schaufeltrage für verunfallte Patienten."
Im Schockraum wird aus Theorie Ernst
Wuppertaler Schüler bekommen im Schockraum erklärt, wie Schwerverletzte versorgt werden
Danach geht es für Felix und die anderen weiter in die Zentrale Notaufnahme. Unter anderem in die Triage, wo Patienten zur Ersteinschätzung und Priorisierung untersucht werden. Je nach Dringlichkeit gibt es unterschiedliche Farben. Von Blau für "nicht dringend" bis rot für "sofortige Behandlung im Schockraum".
Und genau dorthin führt der leitende Arzt Erol Özen die Schüler: "Seht ihr diese Abkürzungen hier auf dem Boden? Die sind für das Personal, damit alle wissen, wo sozusagen ihre Funktion ist. Du bist jetzt mal der Anästhesie-Arzt", sagt Özen und klebt dem jungen Ahmad (16) einen Sticker auf sein Trikot. "Wo musst du stehen?", fragt Özen. Zielsicher bewegt sich Ahmad zur passenden Abkürzung "ANÄ" auf dem Boden. Er steht jetzt am Kopfende der Patientenliege.
Ahmad (16) hatte beim Rundgang durch die Notaufnahme und den Schockraum viele Fragen
"Warum steht der denn am Kopf?", fragt Ahmad. "Weil sich der Anästhesist um die Atemwege und die Atmung kümmert", erklärt Özen. Dann gibt es plötzlich einen Anruf - alle müssen raus. Ein Notfall. Der Schockraum - eben noch Teil der Theorie - wird sofort gebraucht, um Leben zu retten. "Ey, wir mussten einfach den Schockraum räumen", erzählen die Schüler ihren Freunden, als sie wieder auf die anderen Gruppen treffen.
Präventionsprogramm P.A.R.T.Y.
P.A.R.T.Y. ist ein weltweites Präventionsprogramm für Schüler im Alter von 15 bis 18 Jahren in Zusammenarbeit mit führenden Unfallkliniken. Im Fokus steht dabei der „P.A.R.T.Y. Tag“, bei dem die Schüler einen Tag in einer Unfallklinik verbringen und verschiedene Stationen eines (Schwer-)Verletzten hautnah erleben. Ziel ist es, das Jugendlichen bewusst zu machen, welche Folgen unüberlegtes Handeln - etwa durch Alkohol oder Handy am Steuer haben können.
Dummy im Koma auf der Intensivstation
Auf der Intensivstation haben Pfleger eine Dummypuppe intubiert und an Katheter angeschlossen
Doch die nächste Station wartet schon. Felix ist immer noch neugierig, obwohl er einiges schon von seiner Arbeit bei der Freiwilligen Feuerwehr kennt. Zum Schluss geht es für seine Gruppe auf die Intensivstation. Um die echten Patienten nicht zu stören, haben die Intensivpfleger auch hier einen Dummy aufgebaut. Intubiert, mit Verbänden und Kathetern versehen, unter anderem für den Urin.
Als die Schüler ankommen, schaltet ein Intensivpfleger noch die üblichen Geräte ein - alle fangen laut an zu piepsen, zur Überwachung verschiedener Funktionen. "Wir haben Patienten, die liegen manchmal Wochen oder gar Monate hier. Was denkt ihr, ob die Patienten das um sich rum noch mitbekommen?", fragt Oberarzt Dr. Daniel Jorda. Felix antwortet "Nein".
So viele Unfälle gab es mit jungen Menschen
Laut Polizei verunglückten im vergangenen Jahr im bergischen Städtedreieck 468 Jugendliche und junge Erwachsene. In 255 Fällen waren diese auch Unfallverursacher. Die häufigsten Ursachen sind dabei Abstand, Geschwindigkeit, sowie Vorfahrt und Abbiegen. Knapp 80 Unfälle wegen Alkohol, Drogen oder Ablenkung gab es seit Januar 2025 mit Beteiligung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 24 Jahren. Immer häufiger werden zudem Unfälle mit E-Scootern in der Altersgruppe. Waren es 2021 noch sechs Unfälle, waren es zuletzt 62 Unfälle (2025). 83 Prozent der Beteiligten bei E-Scooter-Unfällen tragen leichte bis schwere Verletzungen davon.
Als er jung war, lag seine Mutter schon einmal auf der Intensivstation. Sie konnte sich damals nicht an die Behandlungen erinnern. Heute geht es ihr wieder gut. Ein bisschen kommen die Erinnerungen an damals zwar hoch, trotzdem ist Felix froh hier zu sein: "So eine Intensivstation, die Notaufnahme, den Rettungswagen, das sieht man ja auch nicht alle Tage und das sind schon exklusive Einblicke, die wir hier haben."
Auch beruflich kann sich Felix vorstellen, später einmal im medizinischen- oder im Rettungsbereich zu arbeiten.
Unsere Quellen:
- Agaplesion Bethesda Krankenhaus Wuppertal
- Schüler der Gesamtschule Barmen
- Polizei Wuppertal
- Webseite der Initiative "P.A.R.T.Y. 4 School"
Sendung: WDR.de, Wuppertaler Schüler besuchen Klinik zur Unfallprävention, 03.07.2026, 17.34 Uhr
