"Klasse 0" an Bielefelder Grundschule eingeführt
WDR. 03:07 Min.. Verfügbar bis 19.05.2028.
Schulniveau nimmt ab : "Klasse 0" an Bielefelder Grundschule eingeführt
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An deutschen Grundschulen schrillen die Alarmglocken. Immer mehr Kindern mangele es an Grundkenntnissen. Deutsche Sprache, Sozialkompetenz, Stifte halten. An der Brocker Schule in Bielefeld will man das nicht hinnehmen. Hier gibt es seit Kurzem eine "Klasse 0".
Das schwarz-gelbe Stück Pappe in Jaidens Händen trägt schwarze Flügel. Hier und da sind sie ein bisschen eckig und schief, doch die Idee, was daraus einmal werden soll, ist unverkennbar. Bienen basteln in der Klasse 0.
Schulleiter Pascal Pooch hat die Klasse 0 eingeführt.
Sechs Kita-Kinder sind an diesem Mittwochmorgen zum Unterricht an der Brocker Schule im Bielefelder Stadtteil Brackwede erschienen. Handverlesen von Schulleiter Pascal Pooch. Seit einiger Zeit beobachtet der zweifache Familienvater einen zunehmenden Leistungsverfall an seiner Schule. Sein Resümee: Grundschüler können immer weniger.
Poochs Beobachtung deckt sich mit einer ARD-Umfrage aus dem vergangenen Jahr. Von knapp 7000 Grundschullehrkräften gaben 87 Prozent an, dass Kinder in der ersten Klasse heute deutlich mehr Defizite aufweisen würden, als noch vor zehn Jahren. Der vermutete Hauptgrund: bildungsferne Elternhäuser. Doch Schulleiter Pooch will diesen ernüchternden Status Quo nicht einfach akzeptieren.
"Mein Eindruck ist, dass die Kinder mit immer weniger Vorläuferfähigkeiten zu uns kommen. [...] Da müssen wir was tun, um die Kinder zu unterstützen." Pascal Pooch, Schulleiter Brocker Schule
Schule vor der Schule
Die Brocker Schule ist eine von einhundert Grundschulen in ganz Deutschland, in denen seit Anfang März die "Klasse 0" erprobt wird. Die Idee: Kinder mit besonderem Förderungsbedarf sollen schon vor ihrer Einschulung auf die Schule vorbereitet werden. So sollen sie später im Unterricht besser mithalten können.
Das Projekt „Klasse 0“ wurde angestoßen vom Unternehmen Rossmann. Das stellt auch die Mittel für 100 Schulen bereit, aber weitere sollen dazu kommen. Dafür werden Spenden von zusätzlichen Stiftern und Unternehmen eingesammelt. Mit im Boot ist die Initiative #wirfürschule als Ansprechpartner für die teilnehmenden Schulen.
So viel Unterstützung wie noch nie
Sozialpädagogin Regina Goss unterrichtet die Klasse 0.
In zwei mal zwei Stunden pro Woche soll Sozialpädagogin Regina Goss dafür sorgen, den Erstklässlern von Morgen das nur noch scheinbar Selbstverständliche verständlich zu machen. Wie melde ich mich, wann bleibe ich sitzen, wie drücke ich mich aus, ohne die Hände zu benutzen? "Das sind Dinge, die total ungewohnt sind für Kinder, bevor sie eingeschult werden", meint Goss.
Private Vorschulen gibt es schon länger. Auch die Idee, mit Kita-Kindern Grundschulen zu besuchen, ist nicht neu. Die Größenordnung des "Klasse 0"-Projekts hingegen schon. 80 Stunden bis zum nächsten Sommer, das Ganze kostenlos für die Eltern. So systematisch wurden förderungsbedürftige Kinder in Deutschland noch nie auf den Schulstart vorbereitet.
Mutter Justine Serra ist stolz auf Sohn Jaiden.
Zurück im Stuhlkreis der "Klasse 0". Sozialpädagogin Goss reckt drei Finger in die Höhe. "Wer kann mir sagen, wieviele Kinder heute fehlen?" "Drei", schallt es aus dem Kita-Kinder-Plenum unisono zurück.
Goss nickt zufrieden. Zumindest an diesem einen Mittwochmorgen in Bielefeld lässt sich erahnen, dass der bildungspolitische Versuch namens "Klasse 0" tatsächlich funktionieren könnte.
Unsere Quellen:
- Beobachtungen des Reporters vor Ort
- Interview mit Schulleiter Pascal Pooch
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit OWL, 19.05.2026, 19:30 Uhr