Kumpel Jakubeit förderte 2018 letztes Stück Steinkohle
WDR. 03:21 Min.. Verfügbar bis 10.07.2028.
Es ist ein bisschen so wie früher. Alle sind da. Die Kumpel in ihrer Kluft mit Helm und Grubenlampe, die Kollegen mit den orangenen Overalls von der Grubenwehr und natürlich der Ruhrkohlechor. Eigentlich könnte Jürgen Jakubeit jetzt anfahren. So sagen es die Bergleute, wenn sie mit dem Korb in die Tiefe fahren. Aber heute muss "Jacke" wie ihn alle nur nennen, noch mal Abschied nehmen.
Der ehemalige Reviersteiger der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop darf den letzten in Deutschland geförderten Brocken Steinkohle ins Haus der Geschichte in Bonn begleiten. Ein "großartiger Moment" für ihn.
Wehmut nach der Zeche
"Immer noch Wehmut" sagt Jacke, wenn er nach dem Tag gefragt wird, an dem Schluss war. Am 21. Dezember 2018 ging der Steinkohlebergbau in Deutschland zu Ende, die letzten Zechen in Bottrop und Ibbenbüren machten dicht. "Es gibt keinen Tag, an dem du als gestandener Bergmann nicht über den Bergbau nachdenkst", sagt Jakubeit heute.
Der Förderturm von Prosper Haniel weht über dem Garten von Jürgen Jakubeit
Tränen beim Abschied
Auf dem Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop gab es damals eine emotionale Abschiedsfeier. Jacke und seine Kameraden holten den letzten Brocken Steinkohle aus dem Berg und übergaben ihn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. "Ein Tag, den ich nicht vergessen werde", sagt der Westfale Steinmeier heute in Bonn. Er habe die Tränen in den Augen vieler Bergleute gesehen.
Wenn mir einer 1985 gesagt hätte, dass ich mal den letzten Brocken übergebe - nie im Leben Jürgen Jakubeit, Bergmann
Auch Jakubeit kann sich noch gut an den Moment erinnern, als er dem Staatsoberhaupt gegenüber stand: "Lass bloß nicht den Kohlebrocken fallen. Dann hast Du ein riesen Problem", sagt der heute 57-Jährige lachend und kann es immer noch nicht so richtig glauben: "Wenn mir einer 1985 gesagt hätte, dass ich mal den letzten Brocken übergebe - nie im Leben".
Einmal Bergmann, immer Bergmann
Jakubeit hat 33 Jahre unter Tage verbracht. In Oberhausen, Dinslaken und zuletzt auf der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop. Selbst nach einem schweren Unfall kehrte er in über 1.000 Meter Tiefe zurück. Noch heute - im bergmännischen Vorruhestand - prägt der Bergbau sein Leben. "Ich komme von der Kohle nicht los, mache Führungen im Trainingsbergwerk Recklinghausen. Und wir gehen in Altenheime. Volle Montur. Schüppe, Hacke, Abbauhammer. Und wenn man dann das Strahlen der alten Leute sieht..."
Der ehemalige Bergmann Jürgen Jakubeit vor seinem Hochbeet
Der tut nichts, der will nur unter Tage
Dass er außerdem mal Schrebergärtner werden würde, hätte Jakubeit auch nie gedacht. Die Liebe macht es möglich. Seit einigen Jahren ist er mit Tanja verheiratet. Sie weiß ihren Jacke zu nehmen, akzeptiert seinen Bergbau-Spleen: "Sonst wäre ich auch die falsche Partnerin für ihn."
Neue Liebe nach der Kohle: Jacke und seine Tanja
Die Flagge mit dem Foto der Zeche Prosper-Haniel weht neben Kartoffeln und Erbeeren im Sommerwind. Jacke schnappt sich den Schlauch. Das schwarze T-Shirt mit der weißen Schrift hat Tanja für ihn selbst gemacht: "Der tut nichts, der will nur unter Tage". Stimmt.
Steinmeier löst Versprechen ein
Im Haus der Geschichte steht Jacke heute wieder ein paar Meter neben Frank-Walter Steinmeier. Vor ihm in einer Vitrine glänzt der sieben Kilo schwere Kohlebrocken. "Der Bundespräsident hat sieben Jahre darauf aufgepasst", sagt Jacke und strahlt.
Tatsächlich hatte Steinmeier das Gestein in seinem Amtssitz Schloß Bellevue aufbewahrt. Er wollte wissen, wie Besucher darauf reagieren. "Die meisten hielten es für ein Kunstwerk, das mal so beim Bundespräsidenten rumsteht. Daraus haben sich unheimlich viele Gespräche entwickelt, durch die man die Industrie- und Sozialgeschichte dieses Landes erklären konnte."
Er habe damals versprochen, den Kohlebrocken im Falle eines Auszuges aus seinem Amtssitz ins Haus der Geschichte zu geben. Dazu kam es jetzt, weil das Schloss Bellevue umgebaut wird.
Der Ära in Ehren - der Drops ist gelutscht
Für Steinmeier hat die Steinkohle eine weit größere Bedeutung als die Diskussionen der letzten Jahrzehnte über Luftverschmutzung und Subventionen. Die 200 Jahre Steinkohlebergbau seien eine Ära gewesen und hätten die Industriegeschichte einer ganzen Region geprägt.
Und das Leben hunderttausender von Bergleuten: Jürgen Jakubeit trägt die Kohle im Herzen und den Pragmatismus des Bergmanns auf der Zunge: "Man sacht im Ruhrgebiet: Irgendwann ist der Drops auch gelutscht. Und das ist 'ne schöne Sache, dass der Kohlebrocken jetzt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird."
Unsere Quellen:
- Beobachtungen des WDR Reporters vor Ort
- Jürgen Jakubeit, ehemaliger Bergmann,
- Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland
Sendung: WDR.de, Kumpel Jakubeit förderte 2018 letztes Stück Steinkohle, 10.07.2026, 16:04 Uhr
