Wehrpflicht-Ideen bremsen Konversionspläne aus

Lokalzeit OWL 24.10.2025 03:15 Min. Verfügbar bis 24.10.2027 WDR Von Jan-Ole Niermann

Bund stoppt Kasernen-Verkäufe – Pläne für Wohnungen in NRW wackeln

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Viele Kasernen und andere militärische Liegenschaften sollten für die zivile Nutzung umgewandelt werden. Nun aber stoppt der Bund den Verkauf. Betroffen sind zum Beispiel Gelände in Siegen, Bielefeld, Paderborn und Düsseldorf. In manchen Kommunen fällt damit bereits eingeplanter Wohnraum weg.

Überall in Deutschland gibt es Pläne, alte Kasernen-Gelände und andere früher militärisch genutzte Liegenschaften umzuwandeln. Die liegen nun erst einmal auf Eis. Der Umwandlungsstopp betrifft zunächst 187 ehemalige militärische Liegenschaften, die sich im Eigentum der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) befinden. 38 von ihnen befinden sich in NRW. Das teilte das Bundesverteidigungsministerium am Dienstag mit.

Eine vollständige Liste gibt es hier:

Begründung: Veränderte sicherheits- und geopolitische Lage

Diese Liegenschaften seien grundsätzlich für eine Nutzung durch die Bundeswehr geeignet, so das Ministerium. Der Grund für den Verkaufsstopp sei die "veränderte sicherheits- und geopolitische Lage", hatte bereits vor einigen Tagen die BImA mitgeteilt, ohne eine konkrete Zahl der Liegenschaften zu nennen.

Es sei absehbar, dass ein neuer und erhöhter Bedarf der Bundeswehr an Grundstücken und Gebäuden bestehe, so die Behörde. Deshalb prüft sie potenziell geeignete Orte - auch solche, die eigentlich schon den Kommunen zum Kauf angeboten wurden und für die es schon Umnutzungspläne gibt.

Minister Pistorius: Können nicht darauf verzichten

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (links) und sein Staatssekretär Nils Hilmer (beide SPD) bei der Pressekonferenz

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (links) und sein Staatssekretär Nils Hilmer (beide SPD)

"Wir können in diesen Zeiten nicht auf bestimmte Liegenschaften verzichten", hatte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) diesen Schritt begründet. Sein Staatssekretär Nils Hilmer ergänzte nun: "Wir sind uns der Tragweite der Entscheidung sehr bewusst und wissen, dass in vielen Fällen bereits Planungen bestehen, betroffene Flächen zivil zu nutzen." Man wolle daher "in einem Dialog mit Ländern und Kommunen gute Wege zu finden". Und weiter:

"Wo immer dies möglich ist, werden wir versuchen, auch bestehende zivile Planungen zu berücksichtigen." Nils Hilmer, Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium

Geplantes Neubaugebiet in Siegen betroffen

In Siegen ist ein geplantes Neubaugebiet von den Plänen des Verteidigungsministeriums betroffen. Es handelt sich um eine 18 Hektar große Fläche, die früher als Munitionsdepot der belgischen Streitkräfte genutzt wurde. Seit 2020 will die Kommune daraus ein neues Quartier mit 220 Wohneinheiten schaffen.

Einige Menschen hören sich in Siegen einen Vortrag an und betrachteten eine Präsentation

"Bürgerwerkstatt" in Siegen

Bislang befindet sich das Ganze im Planungsstadium, ab 2028 sollte gebaut werden. Ob das jetzt alles hinfällig ist, ist unklar. Siegens Baudezernent Henrik Schumann wurde von der kürzlich veröffentlichten Liste überrascht. Seitdem steht er im Kontakt mit der zuständigen "Bundesanstalt für Immobilienaufgaben". Er hofft, dass das neue Wohngebiet trotzdem gebaut werden kann.

Es hätten sich "ein paar Signale verdichtet, dass es noch mal eine Feinauswahl der Flächen geben wird und auch honoriert wird, wie weit die Planungen fortgeschritten sind." Darum sollen die Planungen in Siegen zunächst unverändert weitergehen. Auch eine für den Mittwochabend geplante „Bürgerwerkstatt“, bei der die Pläne vorgestellt und diskutiert wurden, fand wie geplant statt.

Gütersloh erwartet Wohnraummangel

Umwandlungspläne gab es zum Beispiel in Gütersloh für die Princess-Royal-Kaserne und die Mansergh-Kaserne. Die Umnutzung des Geländes war bereits fester Bestandteil der Stadtplanung. Dort sollte Wohnraum geschaffen werden. Die Planung war schon weit fortgeschritten.

"Diese zu bauenden Wohnungen fehlen in Zukunft." Stadt Gütersloh

"Der Wohnungsmarkt insgesamt liegt aufgrund der konjunkturellen Lage in Deutschland am Boden", teilte die Stadt Gütersloh weiter mit. "Insofern verschärft sich das Problem."

Zwischennutzung schafft Raum für Neues

Auch wenn der Verkauf der Kasernen an die Kommunen erst einmal gestoppt wurde, ist in die Rochdale-Kaserne in Bielefeld schon etwas ziviles Leben eingezogen. Der Sportverein TSVE nutzt den alten Hangar für sein Sportprogramm. Emre Atsür trainiert Basketball mit einigen Jugendlichen.

Ein Basketballspieler mit Ball in der Hand in einer Halle

Emre Atsür ist Trainer und hofft, die Halle kurzfristig weiter nutzen zu dürfen

"Dieser Ort ist phänomenal. Dieses Flair einfach hier drin zu sein, ist genau das, was 3x3 oder auch andere Sportarten ausmacht", sagt Atsür. Er freut sich über den zusätzlichen Raum und hofft, dass der Vertrag zur Zwischennutzung verlängert werden kann. Die Sonderprüfung des Bundes kann er aber nachvollziehen:

"Ich habe vollstes Verständnis, dass die Bundeswehr das hier prüft. Das ist das Normalste der Welt in der aktuellen Zeit." Emre Atsür, Basketball-Trainer

Trotzdem sorgt der Umwandlungsstopp bei Atsür und seinem Team für eine gewisse Unsicherheit.

In Düsseldorf war schon ein städtebaulicher Wettbewerb gestartet

In Düsseldorf ist für das Gelände der Bergischen Kaserne bereits ein städtebaulicher Wettbewerb in vollem Gang. Der soll jetzt zumindest fertiggestellt werden, so die Stadt. Die Ergebnisse würden dann je nach Freigabe der Liegenschaft weiterentwickelt oder nicht, heißt es auf WDR-Anfrage. 1.000 Wohnungen sollten hier eigentlich entstehen, so die Idee der Stadt Düsseldorf.

Auswirkungen auch in Soest

Auch die Kanaal-Van-Wessem-Kaserne im Süden von Soest steht auf der Liste des Bundesverteidigungsministeriums. Aktuell ist hier eine Flüchtlingsunterkunft. Der Großteil des Geländes ist aber ungenutzt - zumindest derzeit noch. Eigentlich sollten hier Wohnungen und Büros entstehen. Diese Planung ist nun eventuell hinfällig. Die Stadt sieht allerdings auch Chancen. “Wir haben großes Interesse daran, einen attraktiven Bundeswehrstandort hier in Soest zu bekommen”, sagt Stadtsprecher Thorsten Bottin. Das könnte Kaufkraft und Arbeitsplätze schaffen. Konkrete Pläne gibt es aktuell aber noch nicht.

Vier Standorte im Münsterland betroffen

Im Münsterland sind vier Standorte auf der Liste aufgeführt: Münster, Rheine, Everswinkel und Haltern. Es ist aber noch offen, ob die Bundeswehr diese Standorte behalten wird. In Everswinkel gibt es ein ehemaliges NATO-Tanklager, in Haltern den Übungsplatz in Haltern-Lavesum und in Rheine geht es um zwei verschiedene Objekte. In Münster könnte die Blücher-Kaserne betroffen sein. Die Stadtverwaltung hat dort derzeit ebenfalls Geflüchtete untergebracht.

Paderborn war kurz vor Vertragsunterzeichnung mit Käufer

Auch in Paderborn wurde der Verkauf einer Kaserne gestoppt. "Wir waren bei der Dempsey-Kaserne kurz davor den Kaufvertrag zu unterschreiben, da waren nur noch Detailfragen zu klären", sagt Paderborns Pressesprecher Jens Reinhardt. Zwei weitere Gelände hat die Stadt aber schon erworben und ist mitten im Umnutzungsprozess.

Blick auf die Alanbrooke-Kaserne in Paderborn, Gebäude in Gerüsten

Die Alanbrooke-Kaserne in Paderborn

Auf dem Gelände der Alanbrooke-Kaserne hat schon eine Kindertagesstätte eröffnet. Außerdem haben erste Bewohnerinnen und Bewohner die Schlüssel für ihre Wohnung übergeben bekommen.

Auf dem Gelände einer anderen Kaserne soll ein 54 Hektar großes Zukunftsquartier mit Start-up-Zentrum und Wohnungen entstehen. "Wir sind sehr froh, dass wir das schon unter Dach und Fach haben und dass das für die Stadtentwicklung schon genutzt werden kann", sagte Reinhardt.

Unsere Quellen:

  • Beobachtungen von WDR-Reporter Jan-Ole Niermann vor Ort
  • WDR-Interview mit Emre Atsür, Basketball-Trainer vom TSVE Bielefeld, für die Lokalzeit OWL am 24.10.2025
  • Mitteilung des Bundesverteidigungsministeriums
  • Bundesanstalt für Immobilienaufgaben
  • Bundesministerium für Verteidigung
  • Städtische Arbeitsgruppe Stadtentwicklung Siegen
  • Stadt Münster
  • Stadt Soest
  • Stadt Gütersloh
  • Stadt Paderborn
  • Stadt Düsseldorf

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