Es ist Freitagmittag, als wir vor der Al Muhajirin-Moschee in Bonn auf der Straße mit Gläubigen sprechen wollen. Wir haben einen Tipp bekommen. In Behördenkreisen ist die Moschee bereits für besonders fundamentalistische Ansichten bekannt. In der Vergangenheit haben hier schon radikale Prediger gesprochen.
Es dauert nicht lange, da kommt ein Offizieller in blauer Warnweste aus der Moschee. Als wir ihm sagen, dass wir mit Gläubigen über Homosexualität sprechen möchten, versucht er, uns von der öffentlichen Straße zu vertreiben. "Das wird nur zu Chaos führen."
Schockierende Ansichten vor einer Bonner Moschee
Auch wenn die Moscheeoffiziellen versuchen, das zu verhindern: Wir können dann doch noch mit einigen Gläubigen sprechen. Ein Mann im blauen T-Shirt sagt uns, vielleicht sei Homosexualität schon angeboren. "Vielleicht ist es aber auch ein psychologisches Problem oder eine Krankheit." Homosexuellen schlägt er vor, einen Psychologen oder Arzt aufzusuchen.
"Jedem das Seine, aber ich finde, das geht nicht", sagt ein anderer Gläubiger angesprochen auf Homosexualität. "Mann steht auf Frau - das ist Gesetz der Natur." Sind das extreme Ansichten einiger weniger?
Wie Muslime in Berlin über Schwule sprechen
Auf der Berliner Sonnenallee sitzen an einem Mittwochnachmittag viele Menschen vor Geschäften auf der Straße - die meisten Läden sind nur arabisch beschriftet. Es riecht nach Holzkohle und Baklawa. Alle gläubigen Muslime, mit denen wir hier ins Gespräch kommen, verurteilen den Anschlag auf den CSD klar - und einige sagen uns auch: Homosexuell sein, das ist Teil der Freiheit eines jeden. Schwul sein - das ist in Deutschland doch völlig normal.
Von den meisten bekommen wir aber ganz andere Ansichten zu hören.
"Wenn einer homosexuell ist, soll er machen, aber er soll mich in Ruhe lassen. Er soll gar nichts mit mir zu tun haben." Muslim in Berlin
Einen anderen fragen wir, was er tun würde, wenn sich sein bester Freund als schwul outen würde. Seine klare Antwort: "Kontaktabbruch." Und immer wieder hören wir den Satz - schwul sein und gleichzeitig gläubiger Muslim - das geht nicht. Unser Eindruck: Es sind nicht nur einige wenige, die sich hier eindeutig homosexuellenfeindlich äußern.
Problem vor allem an Schulen in NRW
In Nordrhein-Westfalen können wir mit einem sprechen, der sich auskennt: Ein Extremismusexperte in einer Behörde einer Großstadt in NRW.
"Wir haben ganz klar ein Problem mit homosexuellenfeindlichen Äußerungen, die von Muslimen ausgehen." Extremismusexperte aus NRW
Aus Sorge vor Anwürfen aus muslimischen Verbänden in seiner Stadt möchte er unerkannt bleiben. "Dabei müssen wir klar benennen, wie verbreitet diese Einstellungen unter konservativen Muslimen sind", sagt er.
Besonders groß sei das Problem an den Schulen der Großstadt. Regelmäßig kämen wegen homosexuellenfeindlicher Einstellungen Anfragen von Schulen mit der Bitte, Aufklärungsarbeit in den Klassen zu leisten: "In einem Fall hat ein Vater seinen eigenen Sohn mit dem Tod bedroht - nur weil der schwul war." Aber auch generell nehmen homosexuellenfeindliche Einstellungen bei männlichen Jugendlichen zu, so der Eindruck des Experten.
Muslim und schwul: Erfahrungen von Tugay Saraç
Tugay Saraç hilft in Berlin Opfern solcher Bedrohungen. Saraç ist selbst schwul - und Muslim. Deshalb bedrohen ihn radikale Muslime immer wieder. "Homophobie, die durch Muslime ausgeht, spielt gesellschaftlich eine viel zu kleine Rolle", sagt er.
Saraç ist mit einem homophoben Vater aufgewachsen. Als der starb, wollte Saraç so leben, wie sein Vater es gut gefunden hätte, ist in die salafistische Szene abgerutscht, in der Homosexualität als schwere Sünde gilt. "Das war für mich ein Lösungsansatz, weil ich Homosexualität damals als etwas Schlechtes gesehen habe."
Früher Salafist, heute Aktivist in liberaler Berliner Moschee
Saraç schafft den Ausstieg - heute kämpft er in einer besonders liberalen Moschee in Berlin für die Rechte queerer Muslime. Wenn er als Aktivist heute Schulen besuche und Workshops gebe, schlage ihm teils große Aggression entgegen. "Ich lade alle ein, die das relativieren, mal ein Praktikum bei uns zu machen." Seine Forderung: Die queere Szene in Deutschland dürfe sich nicht scheuen, Gewalt und Anfeindungen durch Muslime klar zu benennen.
Zurück am Eingangstor der Al Muhajirin-Moschee in Bonn fordert uns der Mann in der blauen Weste dann noch auf, wir sollen unsere Fragen schriftlich schicken. Das haben wir gemacht - eine Antwort bekommen haben wir nicht.
Unsere Quellen:
- Gespräche mit Besuchern der Al Muhajirin-Moschee in Bonn
- Gespräche mit Muslimen in Berlin
- Gespräch mit Tugay Saraç
- Gespräch mit Extremismusexperten
- Beobachtungen des WDR-Reporters Raphael Markert
Dieser Beitrag liefert Informationen zum YouTube-Film "Schwulenhass unter Muslimen" von funk "Die andere Frage" vom 06.08.2026, 16 Uhr.