Eine Frau hält eine Sonnenblume in der Hand. Eine andere pustet Seifenblasen. Ein Mann trägt einen auffälligen Strohhut. Alles, damit sie erkannt werden. Denn sie haben sich mit Menschen verabredet, die sie nicht kennen. Das Einzige, was sie voneinander wissen: Sie treffen auf eine Person, die anders denkt.
Teilnehmende offen für neue Perspektiven
Am Samstag sind auch Nazmiye Keceli und Frank Magiera dabei. Die 57-Jährige kommt aus Dortmund und arbeitet als Krankenpflegerin. "Ich finde es sehr wichtig, dass Menschen sich bereit erklärt haben, sich auszutauschen. Im alltäglichen Leben geht man sich eher aus dem Weg, man möchte ja Energie sparen." Frank Magiera ist 56, Verkehrssicherheitsberater und kommt aus Herdecke.
"Ich erhoffe mir eine Bereicherung, einen neuen Blick auf bekannte Dinge." Teilnehmer Frank Magiera
Im Vorfeld mussten die Teilnehmenden ein paar Fragen beantworten, wie etwa: Fühlt man sich im Ruhrgebiet sicher? Sollten Kinder Zugang zu Social Media haben? Oder wird künstliche Intelligenz unser Leben verbessern? Ein Algorithmus hat dann Menschen verbunden, deren Meinungen sich besonders unterscheiden.
Zuhören muss nicht zustimmen heißen
Die erste Uneinigkeit stellen Nazmiye und Frank schon ganz zu Beginn fest. "Weil ich als schwuler Mann hier sitze und Nazmiye als Muslima da eine ganz andere Einstellung zu hat. Sie hat gesagt, Gott hat uns so geschaffen, damit wir uns vermehren. Wenn alle schwul wären, dann ist keine Menschheit mehr da", berichtet Frank.
"Ich habe argumentiert, dass ich mich nicht entschieden habe, schwul zu sein, das ist eine natürliche Sache. Wir haben das jetzt so stehen gelassen einfach." Die beiden sprechen auch darüber, wie sie Dortmund finden.
Während Frank sich von der Stadt nicht so begeistert zeigt, erzählt Nazmiye, dass sie überall schöne Dinge entdeckt. "Durch immer neue Wege zur Arbeit oder zum Einkaufen zum Beispiel kann man die Schönheit da finden, wo sie nicht sofort ins Auge springt." Diesen Impuls nimmt Frank für sich mit.
Unter sich und mit allen zusammen
90 Minuten haben die beiden für ihr Gespräch. Es findet unter vier Augen statt. Aber auf öffentlichen Plätzen. Insgesamt 50 Tische sind vor dem Opernhaus in Dortmund aufgestellt.
"Dass Menschen zusammenkommen, sich treffen, zuhören, sich austauschen, Dinge verhandeln - das ist der Grund-Spirit, der ein Theater haben sollte", sagt Theaterdirektor Tobias Ehinger. "Es ist wahnsinnig wichtig, dass es solche Formate heutzutage gibt. Und ich glaube fest daran, dass wir in der Lage sind, miteinander zu reden. Man muss es nur ausleben und sich nicht in die Ecken drängen lassen."
Dialogformat "Das Ruhrgebiet spricht" in mehreren Städten
"Das Ruhrgebiet spricht" findet gleichzeitig auch in Bochum, Essen und Duisburg statt. Es ist ein Projekt der evangelischen Stadtkirchen. Die Idee ist inspiriert von der Aktion "Deutschland spricht", bei der seit 2017 bundesweit etwa 100.000 Menschen mitgemacht haben.
Nazmiye Keceli und Frank Magiera sind sehr froh, dabei zu sein. Sie lachen viel, angespannt wird es nicht. "Es sieht bei manchem Thema am Anfang unterschiedlich aus, aber je mehr wir zum Kern kommen, desto mehr nähern wir uns", sagt die Dortmunderin. Die beiden wollen auch in Kontakt bleiben und im nächsten Jahr wieder mitmachen.
"Das Ruhrgebiet spricht" in Dortmund
Bildquelle: WDR/Anastasia MehrensWDR. 12.07.2026. 00:40 Min.. Verfügbar bis 11.07.2028.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Teilnehmerin Nazmiye Keceli
- Gespräch mit Teilnehmer Frank Magiera
- Gespräch mit Tobias Ehinger, Direktor Theater Dortmund
- Eindrücke der WDR-Reporterin vor Ort
Sendung: WDR.de, "Das Ruhrgebiet spricht" in Dortmund, 12.07.2026, 09:37 Uhr