"Das ist die niedrigste Decke", sagt Birgit Garbe, kurz nachdem die Gruppe das Bauwerk betreten hat. Das macht Hoffnung für den Rest der Tour. Und alle wissen sofort, warum wir alle Helme tragen müssen. Schon nach wenigen Minuten sind die meisten mindestens einmal an Beton oder Metall angeschlagen.
Wir sind direkt unter dem Fahrbahnübergang auf dem Düsseldorfer Rheinufer. Eine Art Fuge, die Autofahrer an Vibration und am Geräusch der Reifen wahrnehmen. Ein Klang, der vor allem Anwohner von Brücken alltäglich nervt. Wir hören das Geräusch hier drinnen eher dumpf ‒ umgeben von all dem Beton und Stahl.
Großes Interesse an den Führungen
Ungewöhnlicher Blick auf die Autobahn
Bildquelle: WDR / Björn HenkeZum ersten Mal überhaupt hat die Autobahn GmbH öffentliche Führungen angeboten. Mehr als 200 Menschen wollten sich anmelden, 128 haben eine Zusage bekommen. "Mehr konnten wir an zwei Tagen einfach nicht möglich machen", erklärt Birgit Garbe, die die Fleher Brücke als Projektleiterin betreut. "Mit Aufstieg auf den Pylon brauchen wir drei Stunden."
Zunächst geht es unter der Fahrbahn in Richtung Mitte, quasi durch den Bauch der Brücke. An fast jedem Stahlträger sehen wir Markierungen von Prüfingenieuren ‒ und aufgeschraubte Stahlprofile als Verstärkung. Es ist seit Jahren bekannt: Die Brücke ist so marode, dass ein Neubau längst beschlossen ist. Mehr und schwerere Lkw als vor dem Bau kalkuliert ‒ die Gründe sind überall dieselben.
Fotografieren innen streng verboten
"Wir haben es hier aber auch mit minderwertigem Stahl zu tun", sagt Führerin Birgit Garbe. "Außerdem haben die Firmen damals nicht überall so gearbeitet, wie es in den Plänen vorgesehen war." Die aufgeschraubten Metallplatten sind beeindruckend, gerne würde man sie fotografieren, wie so viele Räume und Details. Verboten ‒ alle Teilnehmer mussten das vorher unterschreiben.
Nicht, weil sich die Autobahn GmbH für den Zustand schämen würde. Die Mängel sind lange bekannt. Bauwerke wie diese Rheinbrücke im Verlauf der A46 gehören zur kritischen Infrastruktur. "Wir leben ja nun in politisch kritischen Zeiten. Deshalb wollten unsere Juristen nicht, dass Menschen durch diese Gelegenheit terroristische Ideen entwickeln."
Zwischen den Fahrbahnen: ganz nah an den Tragseilen
Bildquelle: WDR / Björn HenkeDurch eine Falltür über uns gelangen wir auf die so genannte Mittelkappe, den Bereich zwischen den Fahrspuren. Hier draußen sind Fotos erlaubt. Der Verkehr rauscht vorbei und wir kommen den Schrägseilen der Brücke buchstäblich zum Greifen nah. Was aus der Distanz filigran wirkt, ist tatsächlich dick wie ein Unterarm. Ein Meter Seil wiegt mehr als 60 Kilogramm.
Klebeband als Rostschutz
Auch die Drahtseile sind Wind und Wetter ausgesetzt und daher mit vier Lagen Korrosionsschutz bestrichen. Trotzdem sind an manchen Stellen Rostschäden zu sehen. Wenn es schnell gehen soll, werden diese Stellen tatsächlich mit einem speziellen Klebeband erstversorgt. Sieht merkwürdig aus, ist aber zugelassen, sagt Projektingenieur Lukas Pogrzeba.
Klebeband als Rostschutz: Zugelassenes Provisorium
Bildquelle: WDR / Björn Henke"Wenn man von der Seite schaut, fällt auf, dass die Seile auf Neusser und Düsseldorfer Seite nicht gleich verlaufen", erklärt seine Kollegin Birgit Garbe. Auf der Südseite verlaufen sie parallel wie bei einer Harfe, in Richtung Düsseldorf laufen sie nach unten hin wie ein Fächer immer weiter auseinander. Das hat mit der Lastverteilung zu tun.
"Seit 2005 sind gut 46 Millionen Euro in die Instandhaltung geflossen", erzählt Birgit Garbe. Die gesamten Baukosten lagen Ende der Siebzigerjahre bei 106 Millionen D-Mark. Ihre Schätzung für die Kosten des geplanten Neubaus will Garbe lieber nicht zitiert lesen. Bis zum Baubeschluss wäre das eh wieder Makulatur. Im nächsten Jahr startet erstmal ein Architekturwettbewerb.
Neubau soll stabiler werden
So viel steht fest: es werden zwei getrennte Brücken, eine pro Richtung. Und selbst während des Baus werden immer zwei Spuren pro Richtung zur Verfügung stehen. Außerdem werde der Neubau für heutige Fahrzeug-Gewichte ausgelegt.
Es folgt das große Finale, der Aufstieg auf den Pylon. Den Rekord als längste Schrägseilbrücke der Welt musste die Fleher Brücke schon kurz nach Fertigstellung abgeben, der Mittelpfeiler dagegen ist auch nach 47 Jahren noch immer der höchste im ganzen Land. Wie schon ganz am Anfang fühlen wir uns beim Weg nach oben wie in einem U-Boot.
519 Stufen auf den höchsten Pylon Deutschlands
Über extrem steile Treppen geht es über 519 Stufen dem Himmel entgegen. Zwei aus der Gruppe haben schon vorher dankend verzichtet, eine weitere Teilnehmerin kehrt unterwegs um. So sieht sie nicht die verstörende Schmiererei auf der Wand, irgendwo rund um die 50-Meter-Marke. In weiß prangt ein Hakenkreuz auf dem Stahl.
Hoch über dem Rhein: Blick vom Brückenpylon
Bildquelle: WDR / Björn Henke"Einbrecher", sagt Birgit Garbe mit zerknirschtem Blick. "Die Ergebnisse sieht man dann hinterher auf Instagram und Co. Wir haben die Türen und Schließmechanismen mit der Zeit immer weiter verstärkt. Aber die gehen mit extremer Gewalt zuwerke. Und natürlich hätten wir das vor den Führungen gerne noch überstrichen. Aber das hat zeitlich nicht mehr geklappt."
Auf 146 Metern sind wir am Ziel. Wir werden belohnt mit majestätischen Blicken in die Ferne. Selbst die Halden an Niederrhein und im Ruhrgebiet sind an diesem schönen Spätsommertag zu sehen.
Unsere Quellen:
- Eindrücke des WDR-Reporters bei der Führung
- Interviews mit Birgit Garbe und Lukas Pogrzeba, Autobahn GmbH
Sendung: WDR.de, Im Inneren der Fleher Brücke, 11.09.2026, 07:44 Uhr