9 Uhr: Sehr früh, obwohl doch noch Ferien sind. Trotzdem sind 19 angehende Erstklässler pünktlich an der Grundschule am Wasserturm erschienen. Zwei Wochen lang werden sie einen ersten Einblick erhalten, was auf sie in der Schule zukommen wird.
Sozialarbeiterin Violetta Schymura unterstützt die Förderkinder
Bildquelle: WDR/Solveig BaderEinige wollen sich von ihren Müttern gar nicht trennen, sie sind schüchtern, alles ist fremd. Die meisten Kinder haben einen Migrationshintergrund und kaum soziale Kontakte außerhalb der Familie.
"Die Kinder sprechen ganz oft zuhause nur in ihrer Muttersprache. Wir geben ihnen hier kurz vor der Einschulung die Möglichkeit, mit anderen Kindern zu sprechen und zu spielen und intensiv Deutsch zu lernen". Violetta Schymura, Sozialarbeiterin
Lehramtsstudierende fördern Kinder spielerisch
Viele Kinder haben noch nie eine Kita besucht. Hier erfahren sie erstmals, wie es sich anfühlt, in einer Gruppe zu spielen und zu lernen und welche Regeln und Rituale es gibt - zum Beispiel der Morgenkreis. Die Kinder werfen sich einen Ball zu und stellen sich mit Namen vor, lernen sich so ein bisschen kennen.
Pia Krause mit Amiglia (6) beim Buchstaben-Kneten
Bildquelle: WDR/Solveig BaderPia Krause studiert Lehramt an der Universität Duisburg-Essen und ist Teil des Förderteams. Sie legt bunte Spielkarten auf den Boden. Darauf sind Figuren mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken und die passenden Adjektive wie "glücklich", "müde", oder "traurig". "Es ist wichtig, dass die Kinder spielerisch zum Reden kommen", meint die 24-Jährige. Sie spricht ganz einfache Sätze vor, die die Kinder im Chor wiederholen.
Mehr als die Hälfte der Kinder mit Auffälligkeiten
Mehr als die Hälfte aller Kita-Kinder in Essen kommt mit Auffälligkeiten in die Grundschule. Die sprachlichen Defizite seien alarmierend, so Essens Gesundheits- und Sozialdezernent Peter Renzel. Die aktuellsten Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen in Essen seien besorgniserregend.
Durchschnittlich mehr als die Hälfte aller Vorschulkinder im Jahr 2025 sei mit Blick auf Schulreife und Entwicklung auffällig. Fehlende Sprachkenntnisse, mangelnde Körperkoordination, Übergewicht - viele Kinder würden mit erheblichen Defiziten in ihr Schulleben starten – diese Entwicklung ziehe sich bis ins Erwachsenenalter durch.
Peter Renzel fordert eine frühere Untersuchung der Kinder, bestenfalls vor dem Eintritt in die Kita. "Eine verpflichtende Kita-Eingangsuntersuchung kann dafür sorgen, dass Kinder früher intensiver gefördert werden". Außerdem spricht er sich für eine Kitapflicht mindestens ein Jahr vor der Einschulung aus.
NRW-Landesregierung plant ABC-Klassen
Schon bei den Schuleingangsuntersuchungen 2024 zeigten sich in ganz NRW bei mehr als 30 Prozent der Kinder Auffälligkeiten bei den Kompetenzen, die für einen erfolgreichen Schulstart wichtig sind. Die Landesregierung sieht einen großen Förderbedarf. Bei Kindern soll künftig bei der Schulanmeldung untersucht werden, ob sie sprachlich und körperlich fit für die Schule sind.
Wer einen entsprechenden Förderbedarf hat, soll verpflichtend an einer ABC-Klasse teilnehmen. Vorgesehen sind zweimal pro Woche jeweils zwei Stunden Förderung im Jahr vor der Einschulung. Starten soll das Modell aber erst im Schuljahr 2028/29.
Zwei Wochen Förderung - ein Tropfen auf den heißen Stein
An der Grundschule am Wasserturm lernen die Kinder zum Beispiel beim Kneten spielerisch die deutsche Sprache kennen. Amiglia kann sogar schon die Buchstaben ihres Namens formen. "Hat mir Mama gezeigt", sagt die Sechsjährige stolz. Beim gemeinsamen Frühstück sehen sie, wie lecker klein geschnittenes Obst und Gemüse schmeckt und was in die Brotdose kommt. Danach können die Kinder frei spielen, Sportlehrer Peter Schäfer baut einen Bewegungsparcours im Klassenraum auf und bringt die Kinder zum Schwitzen.
Auch Bewegung gehört in die Ferienschule
Bildquelle: WDR/Solveig BaderUm 12 Uhr ist Schluss. Noch bis Ende nächster Woche besuchen die angehenden Erstklässler die Ferienschule, auch ihre Eltern sollen mit ins Boot geholt und auf Wunsch beraten werden, zum Beispiel was alles in den Tornister gehört. Eine zweiwöchige Förderung - für viele Kinder nur eine kleine Starthilfe. Es besteht großer Handlungsbedarf, den auch das Land NRW erkannt hat.
Unsere Quellen:
- Gespräche und Beobachtungen der WDR-Reporterin vor Ort
- Stadt Essen
- cse Essen (Caritas SkF Essen)
Sendehinweis: WDR.de, Feriensprachschule für angehende Erstklässler, 19.08.2026, 5:01 Uhr
