Falscher Anrufer löst Polizei-Großeinsatz aus | WDR aktuell

Bildquelle: WDR / Alex Talash

WDR 2 Min. 21 Sek. Verfügbar bis 31.08.2028

Hagen und Herne Was Fake-Notrufe kosten - und wie sie Retter belasten

Stand:

Falscher Alarm hat in Hagen und in Herne zu Großeinsätzen geführt. Warum der Missbrauch des Notrufs gefährlich ist und für Verursacher teuer werden kann.

Von
Logo des Westdeutschen Rundfunk
Felix Wessel
und
Logo des Westdeutschen Rundfunk
Lukas Fegers

Sonntagabend in Hagen: Ein vermeintlicher Mord-Notruf sorgt für einen Großeinsatz der Polizei. Ein zunächst unbekannter Anrufer hatte behauptet, seinen Vater ermordet zu haben.

Mittlerweile ist klar: Es war alles fingiert. Es handelte sich um sogenanntes Swatting, wie Polizeisprecher Tino Schäfer dem WDR sagte. Dabei melden Täter angebliche Bedrohungslagen, um gezielt einen Großeinsatz bei Unbeteiligten auszulösen.

Tatverdächtig ist ein Jugendlicher aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis, der laut Polizei strafmündig ist. Ermittelt werde wegen Missbrauchs von Notrufen und der Androhung von Straftaten.

Fake-Notruf auch wegen angeblichem Vermissten im Rhein-Herne-Kanal

Einen ähnlichen Fall gab es vor drei Wochen im Herner Stadtteil Crange. Während sich wenig entfernt auf der Cranger Kirmes Karusselle drehten, kreiste über dem Rhein-Herne-Kanal ein Rettungshubschrauber. Rund 60 Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr eilten zum Einsatzort. Es hieß, eine Person sei von einer Brücke ins Wasser gesprungen und nicht wieder aufgetaucht.

Fake-Notruf: Großeinsatz am Rhein-Herne Kanal | Aktuelle Stunde

Bildquelle: WDR

WDR 3 Min. Verfügbar bis 09.08.2028

Es wurde vom Schlimmsten ausgegangen, doch dann zeigten die Ermittlungen: Ein Notfall bestand nie - der Anruf war falscher Alarm. Nach eineinhalb Stunden wurde der Einsatz beendet.

Hier soll ein 18-Jähriger aus Dorsten hinter dem Fake-Notruf stecken. Laut Polizei Bochum ist er den Ermittlern bereits bekannt gewesen. Bereits in der Vergangenheit sei er durch Fehlalarme aufgefallen. Mittlerweile hat die Polizei Recklinghausen die Ermittlungen übernommen. Was könnte ihm nun drohen? Wie groß ist das Problem eigentlich in NRW? Und was bedeuten Fake-Notrufe für Feuerwehr und Polizei? Fragen und Antworten.

Fake-Notrufe sind "kein Spaß", betont Tino Schäfer von der Polizei Hagen im WDR-Interview. "Das ist kein Scherz, das ist kein Dummejungen-Streich. Das ist absoluter Ernst."

Juristisch sind sie ein Straftatbestand. Sogar eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr ist in solchen Fällen möglich. Wer den Notruf mit Absicht missbraucht, kann auch mit einer Geldstrafe belegt werden. Außerdem können die Kosten des Rettungseinsatzes in Rechnung gestellt werden. Je nach Ausmaß des Einsatzes, der durch einen Fake-Notruf ausgelöst wird, könnten die Kosten einen mutwilligen Verursacher sogar "in den Ruin treiben", hatte Marco Bischoff, Pressesprecher der Bochumer Polizei, dem WDR gesagt: "Weil da können erhebliche Kosten entstehen."

Ein ADAC-Hubschrauber beim Großeinsatz in Herne

Nach dem Notruf kreiste ein Hubschrauber über dem Rhein-Herne-Kanal.

Bildquelle: WDR

Wie hoch alleine die Kosten für den Polizeieinsatz in Herne waren, werde aktuell noch ausgewertet, teilte nun ein Sprecher des Polizeipräsidiums Bochum auf WDR-Anfrage mit. Klar war aber schon kurz nach dem Vorfall: Allein die Aufstiegskosten eines Hubschraubers belaufen sich auf eine vierstellige Summe, die Flugkosten und Stundenzahl nicht eingerechnet. Am Rhein-Herne-Kanal kam neben den Einsatzkräften an Land und im Rettungsboot zudem noch eine Tauchergruppe der Feuerwehr Gelsenkirchen hinzu.

Nach dem Fall in Hagen stellt Polizei-Sprecher Tino Schäfer klar: "Wir sprechen da von einer Range, die hinterher den Verursachern zur Last gelegt werden kann, von 50.000 bis 100.000 Euro."

Mögliche Kosten für den Verursacher eines falschen Notrufs sind das eine, die Folgen für die Feuerwehr und Polizei jedoch das andere. Denn derartige Falschmeldungen, die "böswillig" getätigt werden, können erhebliche Einsatzressourcen binden, sagt René Bonn, der Pressesprecher der Herner Feuerwehr. Im schlimmsten Fall kostet es also Menschenleben, wenn bei einem wirklichen Notfall die Einsatzkräfte durch einen Fehlalarm zu spät am Unfallort sind.

Die Berufsfeuerwehr Herne auf dem Boot im Einsatz

Der Fake-Notruf in Herne sorgte dafür, dass ein Rettungsboot unnötig gebunden war.

Bildquelle: WDR

Nach dem Großeinsatz in Hagen betont die Polizei: Wenn man solche Einsatzlagen mitgeteilt bekomme, reagiere man auch entsprechend und sei "im Anschluss sehr frappiert, dass man uns böswillig alarmiert hat". Letztlich müsse man sagen: "Die Polizeikräfte waren alle gebunden und hätten für andere Einsätze nicht zur Verfügung gestanden", so Sprecher Tino Schäfer.

Bei der Feuerwehr Herne kommen solche Anrufe "schon mal vor", sagte Pressesprecher Bonn nach dem Vorfall vor drei Wochen. Allerdings seien sie "bei uns nicht die Regel".

Drastischer klang es bei Polizeisprecher Bischoff. Allein im vergangenen halben Jahr seien über die Leitstelle mehr als 200 Fake-Notrufe für die Region Bochum, Herne und Witten eingegangen. Manche der Anrufer seien psychisch krank, doch bei Weitem nicht alle.

"Es gibt auch Anrufer, die uns ärgern wollen. Und warum, weil man cool ist?" Marco Bischoff, Pressesprecher der Polizei Bochum

Wird der Blick über Herne und Bochum hinaus auf ganz NRW gelegt, zeigt sich: Seit Jahren liegt die Zahl der sogenannten "böswilligen Alarme" im vierstelligen Bereich. Das belegt der Gefahrenabwehrbericht 2025 des Landesinnenministeriums. Und selbst wenn die Werte seit 2023 (1.864 Fälle) gesunken sind, sowohl in 2024 (1.711) als auch 2025 (1.480), bleiben Fake-Notrufe weiterhin ein großes Ärgernis.

Auch, weil sie nicht nur mögliche Unfälle in Gewässern umfassen, wie vor ein paar Wochen beim Rhein-Herne-Kanal oder im Juni beim Rhein in Rees. Seit einiger Zeit gebe es auch gelegentlich böswillige Alarme, bei denen Gamer in Live-Chat-Übertragungen von Computerspielen einem Mitspieler die Feuerwehr oder Rettungskräfte mit einem falschen Alarm in die Wohnung "bestellen", teilte der Verband der Feuerwehren in NRW auf WDR-Anfrage mit. Für "solch perfide Alarmierungen" habe es schon Verurteilungen nach Paragraph 145 StGB gegeben.

Warum Menschen überhaupt auf den Gedanken kommen, Einsatzkräfte mit falschen Alarmen reinzulegen, lässt sich sicherlich nicht pauschal sagen. Das Motiv sei häufig, dass man den Personen, denen man "die Polizei vor die Tür schickt", irgendwie schaden möchte, erklärt Tino Schäfer von der Polizei Hagen.

Andere halten es offenbar für schwarzen Humor - dass das nicht zutrifft, zeigte auch der Fake-Notruf zum Rhein-Herne-Kanal deutlich. Doch was kann zum Beispiel gegen mutmaßliche Wiederholungstäter wie den 18-Jährigen aus Dorsten unternommen werden?

"Wir müssen an die Vernunft der Leute appellieren", sagt der Herner Feuerwehr-Pressesprecher Bonn. Ansonsten seien der Feuerwehr allerdings "die Hände gebunden. Den Rest müssen Gerichte oder Strafverfolgungsbehörden machen." Denn die Feuerwehr müsse "jeden Notruf ernst nehmen. Das tun wir auch." Ähnlich äußerte sich die Polizei Hagen nach dem jüngsten Vorfall.

Ein Mitarbeiter der DLRG-Wasserrettung im Einsatz

Rettungskräfte müssen Notrufe ernst nehmen - und reagieren bei jedem Alarm.

Bildquelle: WDR

Immerhin: Seit Mai kann die Polizei in NRW bei jedem Notruf den Standort des Anrufers bestimmen, um schneller helfen zu können. Ermöglicht wird das durch die Advanced-Mobile-Location-Technologie, die in modernen Smartphones integriert ist. Der europaweite Notruf der Feuerwehr (112) konnte diese Technologie durch eine EU-weite Richtlinie schon früher nutzen, bei der 110 war das zuvor aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht möglich.

Im Rahmen eines Pilotprojekts darf jetzt aber auch die NRW-Polizei auf die Daten zugreifen - was umgekehrt mögliche Fake-Notruf-Verursacher vielleicht abschrecken könnte. Denn: "Die Übermittlung der anrufenden Telefonnummer bei einem Notruf durch den Anrufer kann nicht unterdrückt bzw. abgeschaltet werden", stellt der Verband der Feuerwehren in NRW klar.

Unsere Quellen:

  • WDR-Interview mit Tino Schäfer von der Polizei Hagen
  • WDR-Anfragen und Interviews mit dem Polizeipräsidium Bochum
  • Material der Nachrichtenagentur dpa
  • Pressemitteilung der Feuerwehr Herne
  • WDR-Gespräch mit René Bonn, Sprecher der Feuerwehr Herne
  • WDR-Anfrage an den Verband der Feuerwehren in NRW
  • Online-Artikel der "Rheinischen Post" vom 20. Juli 2025

Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 31.08.2026, 12:45 Uhr

Weitere Beiträge aus NRW

1 / 2