Kinder bedienen Tablets im Unterricht

KI in der Schule Was Lehrer und Schüler jetzt lernen müssen

Stand:

ChatGPT und Co. in der Schule: Fluch oder Segen? Neurowissenschaftler Henning Beck erklärt, was Schüler wirklich lernen müssen – und was Lehrkräfte noch brauchen, um mitzuhalten.

Von Uwe Schulz

Eine neue Studie der Robert-Bosch-Stiftung zeigt: Ein Teil der Lehrkräfte sieht sich digital gut aufgestellt. Laut dem aktuellen Schulbarometer hält sich etwa jede vierte Fachkraft für fit im Digitalen und nutzt Künstliche Intelligenz – zum Beispiel zum Formulieren von Aufgaben. Henning Beck ist Neurowissenschaftler, erforscht Lernen und Denken – und beschäftigt sich seit Jahren damit, wie KI das Lernen verändert.

Hätten Sie gedacht, dass der Lehrbetrieb schon so weit ist, dass inzwischen etwa ein Viertel der Lehrkräfte sagt: "Ich arbeite ganz selbstverständlich mit KI-Tools" – und damit doppelt so viele wie im vergangenen Jahr?

Beck: Also, ich finde das sehr gut, eine gute Nachricht. Also, wir sehen ja, wie künstliche Intelligenz unsere Welt im Positiven wie im Negativen beeinflusst. Ich finde es geradezu unerlässlich, dass man sich auch damit beschäftigt. Eigentlich ein gutes Signal.

Gleichzeitig hören wir aber auch von etwa jeder zweiten Lehrkraft: "Ich könnte dazu noch eine Fortbildung gebrauchen." Das gehört ebenfalls zur Realität.

Henning Beck, Neurowissenschaftler

Henning Beck, Neurowissenschaftler

Bildquelle: Hans Scherhaufer

Beck: Ich denke, wir alle können eine Fortbildung gebrauchen. Ich kenne keine einzige Person auf der Welt, die im Moment genau weiß, wie diese Technik super in Zukunft funktioniert. Alle probieren ein bisschen aus. Wir dürfen nicht vergessen: KI verändert natürlich die Art, wie wir mit Informationen umgehen. Das machen alle neuen Technologien dieser Art und wir müssen selber einen Umgang lernen damit und vor allem jungen Menschen das auch beibringen. Also ich finde auch diese Bereitschaft, was in dieser Studie so rauskommt, eigentlich auch ein positives Signal.

Wenn wir auf die Schülerinnen und Schüler schauen, die ja längst mit KI arbeiten: Wie sieht für Sie künftig ein gut qualifizierter Schulabsolvent aus – was muss der können, wenn reines Auswendiglernen und Wiedergeben von Wissen immer weniger zählt?

Beck: Wir haben die Menschen die letzten 50 Jahre lang darin ausgebildet, sich zu benehmen wie eine Maschine. Wir haben ihnen beigebracht, dass man Sachen abspeichert, als wären sie lebende Festplatten, und das Wissen dann wieder hervorholt, um es in einer Prüfung anzuwenden. Das ist ja alles schön, aber wir brauchen keine Armee von Testknackern. Wir brauchen Leute, die 50, 10 oder 5 Jahre nach ihrem Test in der Lage sind, Aufgaben zu lösen, die wir jetzt noch nicht kennen. Und das schält KI gerade heraus.

KI ist wie ein Brennglas, das klar macht: Es geht nicht darum, Sachen auswendig zu lernen, sondern anzuwenden. Es geht darum, Fragen zu stellen, zu hinterfragen, Dinge zu präsentieren, in Gruppen zusammenzuarbeiten, mit dem Unbekannten klarzukommen. Und eigentlich lernen wir jetzt, dass diese Fähigkeiten in der Schule viel mehr gefördert werden müssen, weil die anderen Dinge in Zukunft immer mehr von KI übernommen werden. Das ist keine schlechte Nachricht, es zeigt einfach nur, was wir können müssen.

Sie kennen viele Beispiele aus Produktentwicklung und Mathematik: Gibt es schon Unterrichtskonzepte oder Schulen, von denen Sie sagen – das ist wirklich zukunftsfähig?

Beck: Ich hatte mal einen Lehrer, der kam zu uns rein und hat gesagt "Ich bin Papst" und wir so "Wie Papst?", "Ja, ich bin Papst" und wir so "ja, wieso jetzt?" und er so "Ja, ich bin Papst, aber der König meint, ich hätte nichts zu melden. Ihr seid meine Papstberater und ihr sollt mir jetzt raten, was ich tun muss, damit ich der Welt zeige, das ich der Boss bin." Und wir so "Ja, was kann man machen, Leute bestechen, ist aber schwierig, ein Krieg führen, ist schwierig so im Mittelalter." Es lief dann darauf hinaus, dem König Privilegien zu entziehen und dann lässt du den ankriechen, dann machst du eine PR-Kampagne hinten drauf und zeigst der Welt, um was es geht. Das ist der Gang nach Canossa gewesen. 

Das hätte ich in einem Geschichtsbuch lesen können, es hätte mir nichts bedeutet. Aber dadurch, dass ich einmal in eine aktive Rolle kam, in so einem Gedankenspiel, blieb es hängen – und ich habe viel besser verstanden. Also dieses Denken zu schulen, bringt die Leute in eine aktive Rolle, macht sie hungrig. Mit KI kannst du genau dieses Pingpong auch verstärken.

"KI ist ja wie ein Sparringspartner, wenn ich das sinnvoll einsetze." Neurowissenschaftler, Henning Beck

Ja, wenn ich meine Hausaufgaben damit machen lasse, dann komme ich dumm aus der Schule, das ist keine Überraschung. Aber wenn ich es einsetze, um mich in solchen Denkbeispielen herauszufordern, dann schule ich die Menschen darin, selbst zu denken - und ich sende ihnen das Signal: "Es steht nicht alles irgendwo in einem Buch, es kommt darauf an, dass du selbst denkst."

Schulbarometer: Was ist der richtig Umgang mit KI im Unterricht?

WDR 23.06.2026 5 Min. 35 Sek. Verfügbar bis 22.06.2028 WDR Online

Was sollten wir bei KI im Risikobereich auf keinen Fall unterschätzen?

Beck: Wir dürfen nicht vergessen, dass die Technik nicht neutral ist, sie ist auch nicht politisch neutral, alle KI hat einen bestimmten politischen Spin und zum zweiten dürfen wir nicht vergessen, diese KI-Systeme sind so trainiert, dass sie uns recht geben, weil dann kommunizieren wir mehr mit ihnen. Es sind Schleimer, wenn man so will, die uns immer ein bisschen nach dem Mund reden und wir müssen dieses kritische Ping-Pong-Spiel mit denen schon ein bisschen einfordern. Dann kann es aber dazu führen, dass man auch besser denkt, aber es liegt an uns.

Das Interview führte WDR 5-Moderator Uwe Schulz

Anmerkung der Redaktion: Die Textversion des Interviews wurde der Einfachheit bzw. Leserlichkeit halber leicht bearbeitet.

Sendung: WDR 5, Morgenecho, 23.06.2026, 8.25 Uhr

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