Nach Entführung in Lüdenscheid: Die Sicherheitssysteme auf Babystationen

Bildquelle: WDR

Aktuelle Stunde 29.06.2026 25:43 Min. UT Verfügbar bis 29.06.2028 WDR Von Claudia Weber

Nach Entführung in Lüdenscheid Wie sicher sind Babys in Kliniken in NRW?

Stand:

In Lüdenscheid wurde ein Säugling aus dem Klinikum entführt. In vielen Kliniken in NRW gibt es Sicherheitsmaßnahmen, um Kinder und Eltern zu schützen.

Sieben Tage alt, gerade erst auf der Welt und plötzlich verschwunden aus dem eigenen Krankenzimmer. Was wie der Albtraum für Eltern klingt, wurde am Wochenende in Lüdenscheid für rund eine Stunde bittere Realität.

Frau soll Baby aus Lüdenscheider Klinikum entführt haben

Im Klinikum Lüdenscheid hat sich eine Frau am Samstag in einem hellblauen Kittel als Mitarbeiterin ausgegeben und den sieben Tage alten Säugling unter dem Vorwand einer Untersuchung aus dem Patientenzimmer geholt. Rund eine Stunde später wurde das Baby unversehrt von Passanten in einem nahegelegenen Parkhaus entdeckt und ins Krankenhaus zurückgebracht. Der Haftrichter hat am Montag entschieden, dass die mutmaßliche Täterin in die Psychiatrie muss.

Kein Einzelfall: Ähnliche Vorfälle in Deutschland

So erschütternd der Fall ist, er ist nicht der erste seiner Art: In Husum in Schleswig-Holstein hat sich im Dezember 2023 eine 36-jährige Frau als Babyfotografin ausgegeben und ein Neugeborenes von der Station entführt. Die Polizei fand das Kind drei Stunden später in der Wohnung der Täterin. Sie wurde im Mai 2025 zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.

In Hamburg-Heimfeld hat im November 2023 eine ebenfalls 18-jährige Frau ein fünf Wochen altes Baby aus einer Klinik mitgenommen. Der Säugling kam rasch zurück, die Täterin wurde später zu einer Therapie verpflichtet.

In Stuttgart entführte eine Frau 2015 ein Neugeborenes direkt aus dem Krankenhausbett, während die Mutter im Zimmer schlief. Die Polizei griff schnell ein.

Kein hundertprozentiger Schutz

In NRW sind Wochenbettstationen teilweise durch Zahlencodes, Transponder oder Videoüberwachung gesichert.

Eine Umfrage bei Kliniken in NRW zeigt: Die Konzepte unterscheiden sich im Detail, das Grundprinzip ist aber überall ähnlich: möglichst wenig Trennung von Mutter und Kind, klare Erkennbarkeit von Personal und ein wachsames Auge für Ungewöhnliches.

Kindesentführung extrem selten

Dr. Josef Rosenbauer, Geschäftsführer der Diakonie in Südwestfalen ordnet den Fall ein: "Fälle von Kindesentführung in Krankenhäusern wie in Lüdenscheid erschüttern, sind aber zum Glück extrem selten und im Diakonie Klinikum Siegen noch nie vorgekommen."

"Einen hundertprozentigen Schutz vor krimineller Energie kann es jedoch – wie in allen Lebensbereichen – nicht geben." Dr. Josef Rosenbauer, Geschäftsführer der Diakonie in Südwestfalen

Sicherheitskonzepte auf Geburtsstationen in NRW

Wie die Klinik konkret vorbeugt, erklärt Dr. Flutura Dede, Chefärztin der Klinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin: Als Mitglied der Initiative "Babyfreundliches Krankenhaus" setzt die Klinik auf 24-Stunden-Rooming-In. Mutter und Kind werden also durchgehend nicht getrennt.

Pflegekräfte und Ärzte sind durch Kleidung und ein sichtbar zu tragendes Namensschild eindeutig erkennbar. Nach jeder Schichtübergabe gibt es einen Vorstellungsrundgang bei den Patientinnen. Auch Ärzte stellen sich vor jeder Untersuchung persönlich vor.

Eltern sollen Säuglinge nicht aus den Augen lassen

Eltern werden bei der Aufnahme ausdrücklich angewiesen, ihr Kind niemals unbeaufsichtigt zu lassen und das gesamte Personal ist dafür sensibilisiert, auf unbekannte Personen und ungewöhnliche Situationen zu achten.

Eine separate Empfangsstation prüft im Klinikum Lippstadt jede Anmeldung. Erstbesucher werden persönlich zur Patientin begleitet. Jede Mutter unterschreibt zudem eine Erklärung, ihr Kind nicht unbeaufsichtigt zu lassen. Bei Untersuchungen begleitet entweder die Mutter ihr Kind, oder es wird direkt an der Station an bekanntes Personal übergeben.

Gegensprechanlagen und Sicherheitsdienst - auch auf der Babystation

Das Uniklinikum Aachen verfügt über einen eigenen Sicherheitsdienst, der im gesamten Klinikum unterwegs ist, allerdings nicht dauerhaft auf der Babystation selbst stationiert ist. Zusätzlichen Schutz bietet dort eine Gegensprechanlage.

Im Uniklinikum Düsseldorf gibt es ebenfalls Zugangsbeschränkungen und einen eigenen Sicherheitsdienst. Über weitere Details will das Klinikum keine Auskunft geben mit dem Hinweis, dass keine Auskunft auch ein Teil der Vorsichtsmaßnahmen sein kann.

Transponder an Mutter und Kind

Im Uniklinikum Bonn kommt zusätzlich Technik zum Einsatz: Mutter und Kind erhalten jeweils ein Armband, das durch Vibration Alarm schlägt, sobald sich das Kind zu weit von der Mutter entfernt, ein Tracking-System, das eine unbemerkte Entfernung des Babys von der Station deutlich erschwert.

Der Zugang zu den Kreißsälen im Alexianer Klinikum im Hochsauerland ist gesichert und nur für berechtigte Personen möglich. Die Neugeborenen befinden sich hier im Rahmen des Rooming-In in der Regel in unmittelbarer Obhut ihrer Mütter.

Wie kann so etwas passieren? Die Psychologie hinter solchen Taten

Die mutmaßliche Täterin der Kindesentführung in Lüdenscheid ist am Montag in eine Psychiatrie gebracht worden. In der Rechtspsychologie kommen bei solchen Entführungen von Neugeborenen weltweit diverse Motive vor.

Laut dem National Center for Missing & Expkited Children, der amerikanischen Informations- und Koordinierungsstelle für vermisste Kinder, entführen die meist weiblichen Täterinnen ein Kind zum Beispiel um eine zerbrochene Partnerschaft zu kitten. Dort wird als Motiv auch aufgeführt, dass Täterinnen über Monate eine Schwangerschaft vorgespielt haben und ein Baby klauen, um die Lüge aufrecht zu erhalten.

Schwere psychische Erkrankungen wie eine Schizophrenie oder Psychose könnten zudem zu Realitätsverlust führen und der Täterin das Gefühl geben, das Baby sei das eigene und müsse gerettet werden.

Was Eltern und Kliniken jetzt tun können

Es erscheint logisch darauf zu achten, das Kind nicht unbeaufsichtigt zu lassen. In manchen Kliniken ist das sogar Pflicht und Eltern müssen das bei der Aufnahme schriftlich bestätigen. Sie sollten bei Untersuchungen entweder mitgehen oder ihr Kind zu diesem Zweck gezielt nur an vertrauenswürdiges, bereits bekanntes Personal übergeben.

Quellen:

  • Diakonie Klinikum Jung-Stilling Siegen
  • Klinikum Lippstadt
  • Uniklinikum Aachen
  • Uniklinikum Bonn

Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 29.06.2026, 18.45 Uhr

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