Erzieher im Koma: Anwalt fordert Strafverfahren

WDR 03:27 Min. Verfügbar bis 29.06.2028

Anwalt fordert Verfahren Erzieher nach Polizeigewalt weiter im Koma

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Rechtsanwalt Simón Barrera Gonzàles wirft Polizei und Rettungsärztin nach Durchsicht der Akten bei der Staatsanwaltschaft gemeinschaftliches Versagen vor. Pedro Corona sei während des Polizeieinsatzes in Köln schwer misshandelt worden.

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Anke Bruns

Es ist heiß und stickig in Pedro Coronas Einzimmerwohnung in Köln-Deutz. Rechtsanwalt Simón Barrera Gonzàles reißt erstmal die schrägen Dachfenster auf. Dann öffnet er die 230 Seiten umfassende Akte von der Staatsanwaltschaft Köln. Darin enthalten: Zahlreiche Aussagen von Polizistinnen und Polizisten aus Köln, die an dem Einsatz am 8. April 2026 in Pedro Coronas Wohnung beteiligt waren.

Am 8. April soll Pedro Corona in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden. Nach Ansicht der Rettungsärztin hat der Erzieher, der regelmäßig Drogen konsumiert, an diesem Tag Wahnvorstellungen. Der 30-Jährige will nicht in die Klinik und schließt sich in seiner Wohnung ein. Die Ärztin fürchtet, dass er andere gefährden könnte. Sie ruft die Polizei hinzu. Die Beamten sollen ihr helfen, Corona in eine psychiatrische Klinik zu bringen.

Anderthalb Stunden später hat Pedro Corona während des Einsatzes einen schweren Herzinfarkt. Seither liegt er im Koma mit schweren Hirnschäden. Als Ursache vermuten die Ärzte der Uniklinik später laut ihrem Befund "Hypoxie unter Fixierungsmaßnahmen", also Sauerstoffmangel während der Fixierung.

Konnte Pedro Corona während der Fixierung ausreichend Luft bekommen?

Simón Barrera Gonzàles sitzt in Pedro Coronas Wohnung und schüttelt beim Lesen der Akte immer wieder den Kopf. "Meiner Ansicht nach hätte die Staatsanwaltschaft bei dem, was die Polizisten hier schildern, längst ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren einleiten müssen", sagt er.

Ein Mann (Pedro Corona) macht auf Inline-Skatern eine Kunstfigur. Im Hintergrund der Kölner Dom

Erzieher Pedro Corona liegt weiterhin im Koma

"Wie die Staatsanwaltschaft darin keinen Anfangsverdacht sehen kann, ist mir vollkommen schleierhaft." Simón Barrera Gonzàles, Anwalt des Geschädigten

Dann versucht er, die Ereignisse so, wie sie sich laut Aussagen der Polizei abgespielt haben, in der Wohnung nachzuvollziehen. Als die Polizei seine Wohnung betreten habe, sei er nach hinten in eine Ecke seines Zimmers zurückgewichen. "Er hat sich offenbar bedroht gefühlt und panisch laut um Hilfe geschrien."

Ausschnitt der Wohnung des Erziehers. Eine Couch mit bunten Kissen. Links im Bild sieht man einen blauen Sitzsack und eine Fensterbank mit Pflanzen.

Die Wohnung von Pedro Corona: Hier soll er von den Beamten fixiert worden sein.

Laut Akte seien immer mehr Beamte hinzugekommen. Sie hätten den 30-Jährigen, der sich heftig gewehrt habe, auf den Boden gedrückt und ihn dort gefesselt. Zunächst in Rückenlage. "Im Laufe des Geschehens wurde Pedro dann auf den Bauch gedreht", so der Anwalt. "Hände und Beine wurden gefesselt. Die Hände hinten auf dem Rücken." In der Bauchlage sei ihm dann durch die Rettungsärztin zwangsweise ein starkes Beruhigungsmittel durch die Nase verabreicht worden. "Nach der Medikamentengabe wurde dann noch eine Spuckmaske über seinen Kopf gezogen."

Zwei Spuckmasken übereinander erhöhen das Erstickungsrisiko

Entsetzt ist der Anwalt darüber, dass die Polizisten Pedro Corona nach eigenen Angaben bei dem Einsatz eine zweite Spuckmaske über die erste gezogen haben. Das war ihm bisher nicht bekannt. "Ich denke, die rein menschliche Logik sagt einem, dass zwei Spuckmasken übereinander natürlich noch ein viel höheres Erstickungsrisiko haben als nur eine."

Nach über einer Stunde sei Corona von sechs Polizisten an Händen und Füßen gefesselt in einem Tragetuch die Treppe hinuntergetragen worden. Vor dem Haus habe man ihn laut Akte in Bauchlage auf eine Liege des Rettungswagens gelegt. Zusätzlich habe man ihn noch an der Liege festgebunden. Auch das war dem Anwalt bisher nicht bekannt.

Mann sitzt an einem Krankenhausbett

Pedro Coronas Partner Julian am Krankenbett

Laut Staatsanwaltschaft Köln sind die Polizeibeamten ständig in Kontakt mit Pedro Corona gewesen. Der Anwalt liest das in den Akten anders. Die Polizisten hätten sich gegenseitig versichert, dass es dem 30-Jährigen gut gehe. Aber niemand habe von Beginn an seine Vitalfunktionen kontinuierlich überwacht.

Der Anwalt sieht viele Anhaltspunkte für Strafermittlungen

Erst kurz nachdem eine Beamtin festgestellt habe, dass Pedro Corona sehr still geworden sei, habe man ihm einen Pulsmesser angelegt, sagt Anwalt Barrera Gonzales. "Das war viel zu spät." Jemand, der rundherum gefesselt sei, auf dem Bauch liege, eine Spuckhaube über dem Kopf trage und ein Betäubungsmittel erhalten habe, dessen Vitalwerte müssten von Beginn an ständig kontrolliert werden. "In diesem Fall gibt es mehr als genügend Anhaltspunkte, echte Strafermittlungen gegen die Polizisten zu führen", so der Anwalt.

Die Staatsanwaltschaft Köln sieht bisher keinen Grund dafür. Aber schriftlich teilt sie dem WDR mit, dass sie aufgrund der Berichterstattung, in der auch andere Zeugen zu Wort kommen, die das Geschehen vorm Haus mitverfolgt haben, nun weitere Informationen einholen möchte. "Dabei haben wir natürlich auch die Frage im Blick, ob die Fixierung von Herrn C., deren Art und Weise und weitere in diesem Zusammenhang getroffenen Maßnahmen der Polizeibeamten rechtens und verhältnismäßig waren."

Rechtsanwalt Simón Barrera Gonzàles möchte sich als nächstes die Bodycam-Aufzeichnungen der Polizei anschauen. Die Aufzeichnungen weichen nach Auffassung der Staatsanwaltschaft "in wesentlichen Teilen deutlich von jener Darstellung ab, die gerade öffentlich kursiert."

Unsere Quellen:

  • Gespräche der WDR-Reporterin mit Freunden, Familie und Augenzeugen
  • Rechtsanwalt Simón Barrera Gonzàlez
  • Staatsanwaltschaft Köln
  • Befund Uniklinik Köln

Sendung: WDR.de, Erzieher im Koma: Anwalt fordert Strafverfahren, 29.06.2026, 18:55 Uhr

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