Organisation zeigt Erzbistum Köln an | Aktuelle Stunde
01:51 Min.. Verfügbar bis 24.06.2027.
Anzeige gegen Kardinal Woelki: Betroffene leiden unter der Beweislast
Stand:
Gegen den Kölner Kardinal Woelki ist am Dienstag erneut Anzeige erstattet worden. Der Vorwurf: versuchter Prozessbetrug. Matthias Katsch hat die Anzeige unterschrieben. Er kämpft für die Rechte der Menschen, die sexualisierte Gewalt durch Geistliche erlebt haben.
WDR: Warum haben Sie Anzeige erstattet?
Matthias Katsch: Ich bin entsetzt darüber, dass das Erzbistum Köln, immerhin eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, offenbar versucht hat, eine schwerbelastete Frau um eine angemessene Entschädigung zu bringen, die durch einen ihrer Priester in der Kindheit und Jugend missbraucht worden ist.
Es war schon ein starkes Stück, dass ausgerechnet der Kölner Kardinal vor Gericht erklären lässt, der Priester, der das Kind mit Genehmigung des damaligen Kardinals aufgenommen hat, habe das alles in seiner "Freizeit" gemacht. Dass er nun auch noch für die Betroffene wichtige Dokumente zurückgehalten haben soll, empfinde ich als unanständig. Deshalb habe ich Anzeige erstattet.
WDR: Was ist das Problem für die Betroffenen, die sich trauen zu klagen?
Katsch: Betroffene sexueller Gewalt in der Kindheit, die gegen die Kirche, die sie nicht geschützt hat, vorgehen wollen, leiden regelmäßig unter Beweisnot. Das ist in der Zivilprozessordnung so angelegt. Die klagende Partei muss alles beweisen, die Beklagte muss nichts beweisen, es reicht mit Nichtwissen zu bestreiten. Nur darf man sich dann nicht dabei erwischen lassen, wie man entgegen besserem Wissen bestreitet relevante Informationen zu haben.
Matthias Katsch war selbst von Missbrauch in der Kirche betroffen
Matthias Katschs Geschichte
Matthias Katsch hatte als einer der ersten Menschen in Deutschland den Mut, öffentlich zu machen, dass er als Kind von einem Priester missbraucht wurde. Gemeinsam mit Mitschülern vom Berliner Canisius-Kolleg löste er dadurch 2010 den Missbrauchsskandal der katholischen Kirche aus. Er gründete die Betroffenen-Organisation "Eckiger Tisch e.V." und engagiert sich international vernetzt gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und für eine bessere Aufarbeitung und Entschädigung durch die Kirche.
WDR: Ein neues Gesetz sollte eigentlich helfen, worum geht es dabei?
Katsch: Das Gesetz zur Stärkung der Strukturen im Kampf gegen sexuelle Gewalt, dass noch kurz vor Ende der letzten Legislaturperiode verabschiedet wurde, sieht eigentlich ein Akteneinsichtsrecht für Betroffene vor. Unklar ist, inwieweit davon auch Akten der Kirche umfasst sind.
WDR: Hilft das Gesetz also?
Katsch: Soweit es um die Kirche geht, offenbar noch nicht. Dafür sind weitere Klärungen nötig. Aber vor allem muss die Institution dann auch wirklich alles zugänglich machen, auch wenn diese Informationen dann bei Entschädigungsklagen verwendet werden können.
WDR: Sie schreiben in Ihrer Anzeige, "dass die Staatsanwaltschaft Köln in der Vergangenheit eine auffällige Nachsicht gegenüber dem Kölner Erzbischof gezeigt" habe. Ist es klug, der Justiz pauschal zu unterstellen, unfair zu sein?
Katsch: Ob das klug oder unklug ist, weiß ich nicht. Es ist allerdings mein Eindruck, dass es hier eine Großzügigkeit gab bei den Ermittlungen und der Einstellung des Verfahrens gegen den Kardinal wegen Meineids. Zum Dank hat der das ja dann auch flugs zum Freispruch umgedeutet.
WDR: Was erwarten Sie von der Kirche?
Katsch: Man hätte das alles vermeiden können, wenn die Kirche auf die Bemühungen der Klägerin auf einen angemessenen Vergleich eingegangen wäre. Stattdessen verweist man immer wieder auf das hochproblematische eigene Anerkennungsverfahren. Entweder muss das Verfahren grundsätzlich reformiert werden, oder die Kirche muss sich den zahlreichen Verfahren vor Gericht stellen, und aufhören, sich mit ihrer Verantwortung hinter dem Rechtsstaat zu verstecken, wenn es ihr gerade in den Kram passt.
WDR: Und was erwarten Sie von der Politik?
Katsch: Wie bei der Aufarbeitung hat man auch bei der Entschädigung die Dinge weitgehend der Kirche allein überlassen. Deshalb ist der Staat hier mit in der Verantwortung, für eine faire, transparente und nachvollziehbare Entschädigungslösung zu sorgen. Sonst müssten die Möglichkeiten für Kläger vor Gericht zu ziehen, verbessert werden. Das gilt insbesondere für die Beweislast und die Einrede der Verjährung. Die hat in diesen Verfahren nichts zu suchen.
Über dieses Thema berichten wir am 24.06.2025 auch im WDR Fernsehen in der Lokalzeit aus Köln um 19.30 Uhr.
Unsere Quellen:
- Matthias Katsch, Eckiger Tisch e.V.