Im Januar 2026 wirkte der Kölner Sozialdezernent noch optimistisch. Auf einer Infoveranstaltung sagte Harald Rau, dass das Suchthilfezentrum in einem Jahr stehen werde. Mittlerweile ist von einer möglichen Eröffnung ab April 2027 die Rede, der nötige Baubeschluss sollte eigentlich schon erteilt sein. Die Abstimmung ist nun für den 12. Mai vorgesehen.
Klage gegen Suchthilfezentrum angekündigt
An vielen Plätzen in Köln ist die Drogenszene mit dem verbundenen Elend deutlich zu sehen. "Am Neumarkt liegen die Leute auf der Straße, hier wird hin uriniert, gekotet, direkt Crack geraucht und Heroin gespritzt - es ist eine No Go Area,“ sagt Daniel Niklas, der am Kölner Neumarkt ein Sanitätshaus führt. Das erste Suchthilfezentrum am Perlengraben soll laut Stadt ein Schritt gegen diese Entwicklung sein.
Viele Anwohner sind in Sorge. Einige haben sich zur IG Pantaleonsviertel zusammengeschlossen, veranstalten Anwohnerversammlungen und Demonstrationen. Die IG fürchtet eine Überforderung ihres Viertels, weil die suchtkranken Menschen durch die Straßen laufen müssen, um das Hilfezentrum zu erreichen. Ausgerechnet dort, wo viele Schulen beheimatet sind.
"Wie soll verhindert werden, dass Menschen im Drogenrausch in der Schule rumlaufen, sich auf den Toiletten aufhalten - allein, weil es dort warm ist?" Claudia Hardenacke, Direktorin Berufskolleg Humboldtstraße
Die IG Pantaleonsviertel zeigt sich kämpferisch. Auf ihrer jüngsten Versammlung Ende April hat die IG angekündigt, nach der Abstimmung zum Baubeschluss zu klagen. Dafür sei genügend Geld vorhanden.
Initiative Pro Standort: "Irreführende Debatte"
Parallel arbeitet die Initiative "Südi bleibt solidarisch", die sich im Prinzip für das Zentrum ausspricht. Dabei gehe es nicht um die Durchsetzung des Standorts Perlengraben, sondern um die zeitnahe Schaffung eines wirksamen Suchthilfeangebots in städtischer Lage.
"Das Zentrum wird 24/7 geöffnet sein, Menschen wird dort mit verschiedenen Angeboten geholfen und das Ganze wird von der Straße ins Zentrum verlagert.“ Eva Grommes, "Südi bleibt solidarisch"
Gleichzeitig kritisiert die Initiative einige Argumente der IG Pantaleonsviertel. Behauptungen wie, dass das "Zürcher Modell", auf das sich auch Köln stützt, unter der zunehmenden Verbreitung von Crack nicht mehr funktioniere, würden das Bild verzerren. Tatsächlich gelte das Zürcher Modell international als wirksam, so "Südi bleibt solidarisch".
Bau und Betrieb kosten Millionen
Nach Informationen der Stadt soll der jährliche Betrieb des ersten Suchthilfezentrums am Perlengraben 9,5 Millionen Euro und der Bau 8,7 Millionen Euro kosten. Prinzipiell muss das aus Steuermitteln gezahlt werden. Die Stadt prüft derzeit die Beteiligung von Unternehmen und privaten Institutionen am Hilfszentrum.
Sollten Suchthilfezentren in der Stadt gebaut werden oder außerhalb? Sagt uns eure Meinung!
Was denkt ihr? Kann ein Suchthilfezentrum entlasten, ohne das Wohnviertel zu belasten? Was kann ein Zentrum leisten, wo liegen seine Grenzen? Schreibt uns eure Meinung – direkt in die Kommentare auf wdr.de oder per Mail an stadtgespraech@wdr.de! Über das Dilemma sprechen wir auch beim WDR Lokalzeit Stadtgespräch am Donnerstag, 20 Uhr in der Aula des Berufskollegs am Perlengraben in Köln und live bei WDR 5. Eure Kommentare und Fragen nehmen wir mit in die Diskussion mit unseren Gästen.
Unsere Quellen:
- Presseamt der Stadt Köln
- IG Pantaleonsviertel
- Südi bleibt solidarisch
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Köln, 05.05.2026, 19:30 Uhr
Kommentare zum Thema
Es fängt damit an, dass der Bundestag die Cannabis-Legalisierung beschlossen hat. Das Problem der Drogenabhängigkeit wird dadurch in verantwortungsloser Weise verharmlost. Wir benötigen in unserer Gesellschaft zunächst einmal das klare Bewusstsein, dass Drogen strafrechtlich verboten sind - drogenabhängigen kranken Menschen aber geholfen wird. Auf dieser Basis muss ein sachkundiges Konzept erarbeitet werden. Die Stadt will im Perlengraben einen nicht durchdachten dilettantischen Schnellschuss der Verwaltung umsetzen. Das Züricher Modell wird nur stark fragmentiert umgesetzt. Zudem ist unklar, ob ein solches Modell im Bereich neuer Drogen wie Crack und Fentanyl funktioniert. Der Konsumraum ist nicht auf kölner Abhängige beschränkt und wird daher zu Drogentourismus aus anderen Städten führen. Das Projekt ist absolut unterfinanziert. Das vorstehende sind nur einige Beispiele für den Dilettantismus der Stadt Köln und ihres Sozialdezernenten. Es wird ein neuer durchdachter Ansatz benötigt.
Bei mir entsteht der Eindruck, dass es die Stadt Köln mit der Suchthilfe nicht ernst meint. Ein baurechtlich und finanziell schwieriges Konzept wird plötzlich aus dem Hut gezaubert und als alternativlos dargestellt, nur um nicht untätig zu wirken. Derweil entstehen in der Stadt ständig neue Hot-Spots, gegen die scheinbar keiner etwas tun kann. Ein kleiner, für stark abhängige Menschen zu weit von der Innenstadt entfernter Standort wird nicht auffangen, was man jahrelang versäumt hat. Egal, wie schön man ihn auf dem Papier darstellt. Warum wurde nicht schon längst die Öffnungszeiten der Lungengasse auf 24/7 ausgedehnt, der fertige Konsumraum in Kalk geöffnet und die stillgelegte mobile Drogenhilfe wieder aktiviert? Mit diesen Erfahrungen hätte man deutlich besser in die Standortwahl gehen und ein nachhaltiges Konzept erstellen können, dass den Bedürfnissen der Anwohnenden und Süchtigen gleichermaßen gerecht wird.
Ich bin froh, dass sich die IG Pantaleonsviertel e.V. gegründet hat. So viel Kompetenz und Engagement und so viel gute Argumente. Hoffentlich werden diese auch von dem Rat und der Stadtverwaltung erhört, damit Köln vor einen sinnlosen Geldausgabe geschützt wird.