Wie tickt die Heimat von Kohle und Stahl, von Dorf und Ackerbau heute? Wie steht es um das Vertrauen in die Demokratie in Nordrhein-Westfalen? Wie viel Vertrauen genießt die Polizei?
Dieser und weiteren Fragen widmete sich der Sozialwissenschaftler und Professor Sebastian Kurtenbach federführend für die FH Münster in einer Online-Befragung von 1.000 Menschen aus NRW, die vom 1. Juli bis zum 7. August 2026 lief.
Die Umfragen wurden aus Mitteln des Fachbereichs Sozialwesen der FH Münster finanziert und ausschließlich für Lehre und Forschung durchgeführt.
Demokratie als beste Staatsform
Ein besonders auffälliges Ergebnis der Befragung: Die Bevölkerung in NRW vertraut vor allem Gerichten, Polizei und der Wissenschaft. Bundestag, Landes – und Bundesregierung und öffentlich-rechtliche Medien schließen hingegen eher schlecht in der Vertrauensfrage ab.
Dennoch halten knapp 90 Prozent der Befragten die Demokratie für die beste Staatsform und über die Hälfte glaubt, dass Wahlen politisch etwas verändern können. Doch auch in NRW steht die Demokratie zunehmend unter Druck. Das bestätigt auch Kurtenbach.
"Wir sehen auch in anderen Studien zunehmend Vorwürfe, dass Wahlen nicht richtig ablaufen würden, dass Institutionen ihre Kompetenzen überschreiten würden. Dafür gibt es überhaupt gar keinen Anhaltspunkt." Sebastian Kurtenbach, Sozialwissenschaftler
Trotzdem zersetzen diese Erzählungen das Vertrauen in demokratischen Institutionen und in demokratische Abläufe, so der Sozialwissenschaftler.
Vertrauen in lokale Politiker groß
Apropos Vertrauen: Knapp ein Drittel in Nordrhein-Westfalen (32 Prozent) weiß von einer Person im eigenen Stadtteil, die sich für die Demokratie einsetzt.
Wer sich allerdings an eine Person erinnert, die sich im eigenen Stadtteil besonders einsetzt, vertraut ihr besonders. Auch wird diesen Menschen ein besonderer Einfluss auf den eigenen Stadtteil und die Bewohner dieses Stadtteils zugeschrieben.
Die größten Sorgen der Menschen in NRW sind sozialer Natur: die steigenden Lebenshaltungskosten und die steigenden Wohnkosten, sowie die Angst um den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Auch Themen des höheren Alters spielen eine Rolle: Eine Mehrheit sorgt sich um die Rente und Pflege. Das passt zu einem weiteren Ergebnis der Befragung: 70,9 Prozent der Befragten finden, dass es in Deutschland nicht mehr gerecht zugeht.
Auch Sonntagsfrage gestellt
Auch die Sonntagsfrage ist Teil der Online-Befragung, von denen 738 sowohl wahlberechtigt sind als auch eine Wahlabsicht haben: Demnach landet, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, die CDU NRW-weit mit 24 Prozent auf Platz 1, die AfD mit 22,8 Prozent dicht dahinter und auf Platz 3 folgen die Grünen mit 14 Prozent.
Zu den Verlierern der Sonntagsfrage zur Bundestagswahl aus Sicht der Bevölkerung in NRW gehört die FDP mit 5,8 Prozent und das BSW mit 6,1 Prozent. Zum Vergleich: Bei der letzten Bundestagswahl landete die FDP unter der 5 Prozent-Hürde in NRW bei den Zweitstimmen mit 4,4 Prozent.
Der klare Gewinner: Die CDU mit 30,1 Prozent. Darauf folgten SPD (20 Prozent), AfD (16,8 Prozent), Grüne (12,4 Prozent), die Linke (8,6 Prozent) und sonstige Parteien mit 7,9 Prozent.
Die aktuellen Umfragedaten spiegeln eher die allgemeine politische Stimmung wider, und sind kein Anhaltspunkt für die Landtagswahlen im kommenden Jahr, betont Kurtenbach.
Großes Vertrauen in Münster
Die Feier zum NRW-Geburtstag, der NRW-Tag, findet in diesem Jahr in Münster statt – Eine Universitätsstadt, die als links-liberal geprägt gilt und seit dem vergangenen Jahr mit Tilman Fuchs den ersten grünen Oberbürgermeister in Münster stellt. Daher wurde parallel auch eine Befragung von 800 Menschen ab 18 Jahren in Münster durchgeführt.
Auch dort hat die Befragung besondere Ergebnisse verzeichnet: In Münster liegt das Vertrauen in die Demokratie leicht über dem NRW-Durchschnitt mit 90,5 Prozent. Die größten Sorgen der Münsteraner: Bezahlbarer Wohnraum (75,3 Prozent) und der Klimawandel (73,2 Prozent). Auch die lokalen Kümmerer schneiden in Münster als überwiegend vertrauenswürdig ab.
Demokratie braucht aktive Bürgerinnen und Bürger
Unabhängig von den Ergebnissen der Studie ist sich Sebastian Kurtenbach sicher: Der Schutz der Demokratie fängt bei jedem Einzelnen an – und nicht erst bei politischen Institutionen oder Parteien.
"Wir können jetzt nicht darauf warten, dass einige wenige Spitzenpolitiker anfangen. Da kommt es wirklich auf jeden Einzelnen von uns an, der in der Lage ist, Demokratie zu unterstützen, sie zu leben und auch eine demokratische Kultur aufrechtzuerhalten." Sebastian Kurtenbach, Sozialwissenschaftler
Und das bestehe auch daraus, Kompromisse zu finden und nicht immer auf den eigenen Positionen zu beharren.
Um die Zukunft unserer Demokratie soll es auch beim Stadtgespräch gehen. Denn viele Fragen sind offen: Welche Projekte und Ideen fördern den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Welche Aufgabe haben dabei Politik und Medien? Was braucht es, damit unsere Demokratie auch in Zukunft stark und wehrhaft bleibt?
LIVE: WDR Lokalzeit Stadtgespräch - Wie schützen wir unsere Freiheit?
Bildquelle: WDR/dpa/David EbenerVerfügbar bis 29.08.2026.
Darüber möchten wir mit Ihnen und folgenden Gästen diskutieren:
- Hendrik Wüst, Ministerpräsident des Landes NRW
- Katrin Vernau, WDR-Intendantin
- Udo Schlüter, Bündnis Gemeinsam.Demokratie.Leben, Coesfeld
- Sebastian Kurtenbach, Sozialwissenschaftler FH Münster
- Alexandra Dorndorf, Polizeipräsidentin Münster
Unsere Quellen:
- Studienergebnisse von Dr. Sebastian Kurtenbach und der FH Münster
- Gespräch mit Dr. Sebastian Kurtenbach
Sendung: WDR5, Westblick, 27.08.2026, 17:50 Uhr
