Eine Frau mit Megafon spricht zu den Demonstrierenden.

"Psychotherapie retten" Über 600 Menschen demonstrieren in Münster

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Den NRW-Tag und die Klausurtagung der Fraktionsspitzen haben über 600 Psychotherapeutinnen zum Anlass genommen, am Freitagabend zu demonstrieren. Charlotte Wellmann ist eine von ihnen und erklärt, warum der Zeitpunkt gerade entscheidend für die Zukunft von Therapieplätzen und die des beruflichen Nachwuchses sein könnte.

"Für viele von uns ist dieser Beruf kein Plan mehr. Er ist ein unsicherer Traum", ruft Charlotte Wellmann durch ihr Megafon. Die Menge pfeift und klatscht zustimmend. Die 24-Jährige ist eine der Organisatorinnen der Demo in Münsters Innenstadt und Psychologiestudentin.

Charlotte steht kurz vor dem Ende ihres Masterstudiums. Das bedeutet nicht nur Stress wegen der Abschlussprüfungen, sondern auch wegen der Bewerbungen für die psychotherapeutische Weiterbildung. Dennoch oder gerade deshalb hat sie sich bereiterklärt, die Demo mitzuorganisieren.

Demonstrationsteilnehmerin und Psychologiestudentin Charlotte Wesselmann.
"Der Zeitpunkt ist vor allem jetzt wichtig, weil im September bei den ganzen Gesetzesregelungen, die vorher erlassen wurden, Teile zurückgenommen werden sollen. Deshalb ist es mir besonders wichtig, dass wir nochmal Lärm für das Thema machen." Charlotte Wellmann, Psychologiestudentin

Wie es für sie selbst nach dem Studium weitergeht, weiß sie noch nicht. Es gebe bundesweit jährlich circa 2500 Absolvinnen und Absolventen, aber nur 100 Stellen für die psychotherapeutische Weiterbildung. "Da kann man nur in die Glaskugel schauen und beten, dass man irgendwo eine Stelle findet", erklärt sie.

Psychotherapeuten sehen bis zu ein Drittel der Therapieplätze auf dem Spiel

Doch für Charlotte und ihre Mitstreitenden geht es bei der Demo am Freitagabend nicht nur um die persönliche berufliche Zukunft: Es stünden bis zu ein Drittel der Therapieplätze auf dem Spiel, die wegen der Sparpläne der Bundesregierung wegfallen könnten.

Diese sehen vor, dass psychotherapeutische Leistungen künftig budgetiert werden sollen. Die Krankenkassen übernehmen dann Leistungen nur noch begrenzt.

Demonstrierende mit Plakaten.

In der Psychotherapie sind vor allem Frauen tätig, das ist auch bei der Demo erkennbar.

Bildquelle: WDR/Brigitte Lieb

Auch Patientinnen ergreifen das Wort auf der Demo

Bei der Demo in Münster waren auch Menschen dabei, die in psychotherapeutischer Behandlung sind, wie Luisa Paulus. Sie hat eine posttraumatische Belastungsstörung, die erst durch eine lange Therapie wegen einer schweren Depression diagnostiziert werden konnte. Derzeit bezieht die gelernte Ernährungsberaterin Erwerbsminderungsrente.

Zwei Rednerinnen mit Plakaten und Mikrofon.

Luisa Paulus (links) und eine Freundin, die sie in der Reha kennengelernt hat, halten eine Rede auf der Zwischenkundgebung.

Bildquelle: WDR/Brigitte Lieb

"Wenn ich nicht mehr die Therapie hätte, wäre für mich auch die Chance gar nicht mehr da, ins Leben zurückzukommen", erklärt die 31-Jährige. Auch künftig wolle sie selbst entscheiden können, ob sie in Behandlung bleibt oder auch nicht.

Bundestagsabgeordnete aus dem Münsterland: Nach Sommerpause soll nachgebessert werden

Für die Sparpläne in der Psychotherapie sind vor allem die Regierungsparteien CDU und SPD verantwortlich. Hierzu bestätigen mehrere Bundestagsabgeordnete aus dem Münsterland auf WDR-Nachfrage, dass nach der Sommerpause nachgebessert werden soll.

Anja Karliczek schaut in die Kamera.
"Der CDU ist die starke Betroffenheit der Berufsgruppe aufgrund der besonderen Situation innerhalb der gesamten Sparmaßnahmen bewusst." Anja Karliczek, CDU-Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Steinfurt III

Ein entsprechender Antrag sieht unter anderem vor:

  • Wer bis Ende 2026 eine Psychotherapie begonnen hat, soll diese auch danach ohne budgetbedingten Abbruch abschließen können.
  • Therapien von Kindern und Jugendlichen sowie von schwer psychisch Erkrankten sollen weiterhin extrabudgetär möglich bleiben.
  • Ebenso sollen Fälle, die besonders dringlich sind, über das Budget hinaus behandelt werden können. Dazu ist geplant, Kriterien bis Ende 2026 festzulegen.

SPD sieht Handlungsbedarf bei Finanzierung der Weiterbildung

Im Hinblick auf die Kritik, dass Psychotherapeutinnen und -therapeuten ihre Weiterbildung im Vergleich zu Ärzten nahezu komplett selbst finanzieren müssen, verweisen die Abgeordneten der Regierungsparteien unter anderem auf ein verabschiedetes Gesetz im November vergangenen Jahres.

Danach bekommen Weiterbildungsambulanzen Geld von den Krankenkassen dafür, dass sie Psychotherapeuten ausbilden. Das sind Einrichtungen, in denen erfahrene Fachkräfte den Nachwuchs bei der Behandlung von Patientinnen und Patienten anleiten. Mindestens 40 Prozent des Geldes müssen die Ambulanzen an ihre Auszubildenden weitergeben. Das sei ein erster Schritt gewesen, sagt Jürgen Coße von der SPD.

Jürge Coße schaut in die Kamera.
"Insbesondere für die Weiterbildung in Praxen, Medizinischen Versorgungszentren und Kliniken besteht weiterer Handlungsbedarf." Jürgen Coße, SPD-Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Steinfurt III

Die Bundestagsabgeordneten der CDU sehen bei der weiteren finanziellen Unterstützung von angehenden Psychotherapeutinnen und -therapeuten vor allem die Bundesländer in der Pflicht.

"Noch ganz, ganz viel Luft nach oben"

Mit Blick auf die Vorschläge der Politikerinnen und Politiker aus dem Münsterland reagiert die Demo-Organisatorin und Psychologiestudentin Charlotte Wesselmann aus Münster enttäuscht: "Die Frage ist: Was sind schwere Fälle? So ein Beschluss wäre keine Lösung, sondern ein Aufschub des Problems."

Demonstrierende mit Plakaten.

Für die Demo-Teilnehmenden sind die Sparpläne eine Bedrohung für die psychotherapeutische Versorgung.

Bildquelle: WDR/Brigitte Lieb

Bei der Finanzierung der Weiterbildung müsse die Regierung außerdem ihren Versprechen im Koalitionsvertrag nachkommen. Insgesamt sei "noch ganz, ganz viel Luft nach oben". Zusammen mit dem Demozug geht es durch die Innenstadt und wieder zum Hauptbahnhof zurück - gerade rechtzeitig. Kurz darauf ziehen sich die Wolken zusammen und es beginnt zu schütten.

Über 600 Menschen demonstrieren in Münster

WDR 28.08.2026 2 Min. 20 Sek. Verfügbar bis 27.08.2028

Unsere Quellen:

  • Gespräch mit Charlotte Wellmann
  • Gespräch mit Patientin Luisa Paulus
  • Bundestagsabgeordnete aus dem Münsterland
  • WDR-Reporterin vor Ort
  • WDR-Recherchen

Sendung: WDR 2, WDR 2 Münsterland, 28.08.2026, 17:31 Uhr
Sendung: WDR.de, Über 600 Menschen demonstrieren in Münster, 28.08.2026, 20:30 Uhr

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