Selbstschutz im ÖPNV
Bildquelle: WDR/Catrin RischWDR. 3 Min. 6 Sek.. Verfügbar bis 21.09.2028.
Selbstschutz im ÖPNV : "Ich übe für den Fall, den ich nie erleben will"
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Jemand kommt zu nah, versperrt den Weg oder wird aggressiv: Gerade in Bus und Bahn kann es schwierig sein, einer unangenehmen Situation auszuweichen. In Dormagen trainieren Kinder und Erwachsene deshalb, wie sie früh reagieren können - und warum körperliche Gegenwehr erst die letzte Option sein sollte.
Die 12-jährige Alina fährt täglich mit dem Bus. Dabei hat sie bereits gefährliche Situationen erlebt: So hat sich einmal ein Mann im Sitz immer weiter an sie gedrängt und belästigt. Unangenehme und bedrohliche Situationen passieren im ÖPNV immer wieder.
Alina wechselte damals den Bus, um der Situation zu entkommen. Beim Selbstschutztraining in Dormagen will sie jetzt lernen, wie sie sich in Zukunft besser wehren kann. Denn hier werden solche Fälle nachgestellt und trainiert. Nicht in einer Turnhalle, sondern dort, wo es eng ist und ein Ausweichen schwierig werden kann: in einem echten Bus.
Das Wichtigste in Kürze
- Aufmerksam bleiben, um unangenehme oder bedrohliche Situationen möglichst früh wahrnehmen
- Wenn möglich Abstand schaffen, Platz wechseln oder aussteigen
- Deutlich Grenzen setzen und andere Fahrgäste aufmerksam machen
- Körperliche Gegenwehr sollte erst die letzte Option sein
Aufmerksamkeit ist der erste Schritt
Für Trainer Micha Reinhardt beginnt Selbstschutz lange vor einer körperlichen Auseinandersetzung. Hauptberuflich arbeitet er als Trainingsleiter für die Justiz in Nordrhein-Westfalen. Seine wichtigste Regel lautet: aufmerksam bleiben.
Seminarleiter Micha Reinhardt gibt Kindern Tipps für den Selbstschutz.
Bildquelle: WDR/Catrin RischDas bedeutet zum Beispiel, das Handy auch einmal wegzustecken, Kopfhörer herauszunehmen und die Umgebung wahrzunehmen. Wer bei einer Situation ein ungutes Gefühl hat, sollte möglichst früh reagieren. Abstand schaffen, den Platz wechseln oder aussteigen.
Laut werden und andere Fahrgäste ansprechen
Reicht das nicht, geht es darum, deutlich Grenzen zu setzen. Ein klares und lautes "Lassen Sie mich in Ruhe" kann dem Gegenüber signalisieren, dass eine Grenze überschritten ist - und gleichzeitig andere Fahrgäste auf die Situation aufmerksam machen.
Im Training üben die Teilnehmehmenden deshalb nicht nur körperliche Techniken. Sie spielen Situationen immer wieder durch. Die Idee dahinter: wer schon einmal erlebt und ausprobiert hat, wie er reagieren kann, soll im Ernstfall eher handlungsfähig bleiben.
Selbstschutz bedeutet nicht, einen Kampf zu gewinnen
Nicht nur Kinder und Jugendliche üben in dem Bus. Auch Erwachsene wie Manuela wollen erfahren, wie sich eine bedrohliche Situation auf engem Raum anfühlen kann. Sie merkt beim Training schnell, was Bus, Bahn oder auch einen Fahrstuhl besonders macht: es ist eng, ein Fahrzeug bewegt sich zusätzlich - und manchmal gibt es kaum eine Möglichkeit auszuweichen.
Teilnehmer üben im Bus unter Realbedingungen
Bildquelle: WDR/Catrin RischGenau deshalb will sie wissen, welche Techniken in solchen Situationen helfen können. Doch für Reinhardt steht die körperliche Abwehr nicht an erster Stelle. Er warnt davor, sich aus Stolz auf eine Konfrontation einzulassen.
"Wenn ich eine Situation bereinigen kann, indem ich kapituliere, dann mach ich das. Vergesst euer Scheiß-Ego!" Micha Reinhardt, Trainer für Selbstschutz
Erst wenn Weggehen, Nachgeben oder Hilfeholen nicht mehr funktionieren, soll körperliche Gegenwehr überhaupt ins Spiel kommen.
Training für einen Fall, der hoffentlich nie eintritt
Teilnehmer Holger ist für das Seminar extra aus Bremen nach Dormagen gekommen. "Ich übe hier für den Fall, den ich eigentlich nie erleben will", sagt er. Andere Teilnehmer trainieren regelmäßig bei Reinhardt in Dormagen. Eine Garantie dafür, im Ernstfall richtig zu reagieren, gibt auch regelmäßiges Training nicht.
Reinhardt vergleicht es deshalb mit einem Sicherheitsgurt oder Airbag: Das Training soll vorbereiten und helfen, in einer Ausnahmesituation eher handlungsfähig zu bleiben. Das Ziel ist dabei nicht, einen möglichen Angreifer zu besiegen. Entscheidend ist, möglichst sicher aus der Situation herauszukommen.
Unsere Quellen:
- Interview mit Micha Reinhardt, Trainer für Selbstschutz
- Gespräche mit Seminarteilnehmenden
Sendung: WDR.de, Selbstschutz im ÖPNV, 22.09.2026, 05:05 Uhr
