Mehr als 300.000 Kriegsgefangene hatte es zwischen September 1941 und April 1945 im von den Nationalsozialisten so genannten "Stammlager 326 Senne" gegeben. Die allermeisten waren sowjetische Soldaten, aber auch Kriegsgefangene anderer Nationalitäten und Juden wurden hier festgehalten oder weitertransportiert. Zehntausende überlebten das Lager nicht. Wie viele genau, lässt sich heute kaum noch sicher herausfinden - bisher sind etwa 15.000 Opfer identifiziert, bis zu 60.000 könnten es gewesen sein.
Ein Obelisk erinnert an die vielen toten russischen Soldaten.
Bildquelle: WDR / Thomas WöstmannDie Namen der bekannten Opfer, auch ihre Geburts- und Sterbedaten, sind eingraviert auf Tafeln und auf Grabsteinen auf dem etwas abseits vom früheren Lager gelegenen Friedhof sowjetischer Soldaten. Er liegt idyllisch in einem Wald, zwischen den Gräbern und Gedenktafeln viel Bäume, viel Gras; am Rande ein pompöser Obelisk mit einem roten Sowjetstern.
Wenig politischer Wille an Gedenken
"Hier war Jahrzehnte lang buchstäblich Gras über die Sache gewachsen", sagt Erik Horstmann (25), Student an der Uni Bielefeld und Teilnehmer eines Projektseminars, das untersucht hat, wie das Gedenken an die vielen tausend Toten nach dem Zweiten Weltkrieg gelebt wurde. Daraus ist ein Buch enstanden, das jetzt veröffentlicht wird: "Gedenke, wo Du stehst".
Studierende der Uni Bielefeld haben das Gedenken untersucht.
Bildquelle: WDR / Thomas WöstmannDas Problem vor allem: die allermeisten Opfer waren Soldaten der Sowjetunion, sie wurden als Kommunisten gesehen. "Der politische Wille, sich daran zu erinnern, war ganz lange nicht da. Die Haltung war: okay, da sind Opfer, aber vielleicht wollen wir gar nicht so sehr daran erinnern, da es im Kontext des Kalten Krieges ja auch die Gegner waren". Seminarteilnehmer Felix Tiemann (30) ergänzt: "Dazu kommt, dass in der gesamten Bundesrepublik nach 1945 eine Art Schweigen über die Zeit davor gelegt worden ist". Während die Opfer öffentlich wenig beachtet wurden, ging das Leben für die Täter weiter, erklärt Jessica Schmitz (28): "Ein Abteilungsleiter im Lager war Museumsdirektor in Detmold und durfte schon kurz nach dem Krieg dort bis zur Rente weiter machen".
Die Namen von 15 000 Opfern.
Bildquelle: WDR / Thomas WöstmannKirchliche, gewerkschaftliche und politisch linke Gruppen und Parteien pflegten das Gedenken, vor allem konservative Parteien wie die CDU mieden es. "Der Ort war in der Nachkriegszeit immer ein Politikum", sagt Prof. Christina Morina, Historikerin und Leiterin des Uni-Seminars. Erst nach mehr als 30 Jahren änderte sich allmählich etwas: "Es hat bis in die 1970er Jahre gedauert. Es gab eine neue Generation, die anfing, sich kritisch mit der Sache auseinanderzusetzen", sagt Seminarteilnehmer Theo Flindt (28).
Gauck-Rede wird zum Türöffner
Wie ein Türöffner wirkte dann 2015 eine Rede des damaligen Bundespräsidenten Johannes Gauck. Bei einem Besuch in Schloß Holte-Stukenbrock sprach er vom "Erinnerungsschatten", der über dem historischen Ort liege. Danach nahm die Diskussion um eine große Gedenkstätte Fahrt auf. Es gibt einen Förderverein und demnächst eine Stiftung. Bund und Land wollen Geld dazu geben. Und auch der Kreis Gütersloh, dem die Kosten zunächst zu hoch waren, macht jetzt mit.
Unsere Quellen:
- Universität Bielefeld
- WDR Archiv
- Interviews mit Seminarteilnehmern
Sendung: WDR.de, Zehntausende Opfer - zu wenig gewürdigt, 31.08.2026, 05:00 Uhr