Die Kulturraffinerie K714 in Monheim kurz vor der Eröffnung
Bildquelle: WDR/ Sabine SchmittTeure Konzerthalle in Monheim : "Was glauben die denn, wer da hinkommt?"
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Monheim am Rhein war mal reich. Heute sitzt die Stadt auf dem größten Schuldenberg in NRW und eröffnet einen etwa 170 Millionen Euro teuren Konzertsaal: die Kulturraffinerie K714. Und das ist nicht das einzige umstrittene Projekt.
Monheim war einmal die Stadt, in der Geld scheinbar vom Himmel fiel: niedrige Steuern, volle Kassen, kostenlose Kitas, Gratis‑ÖPNV, Tablets für alle Schüler – und immer größere Projekte. Heute gibt es hier die höchste Pro-Kopf-Verschuldung in NRW, Haushaltssicherung – und eine Kulturhalle, die nachts am Rhein leuchtet und tagsüber im Schwarzbuch der Steuerzahler steht.
Wir erzählen, wie aus dem gefeierten Erfolgsmodell Monheim Schritt für Schritt eine Schuldenhochburg wurde – und wie die neue Bürgermeisterin jetzt versucht, die Ausgaben wieder in den Griff zu kriegen.
K714 – Superlative in der Schuldenhochburg
Kulturraffiniere zwischen Vision und Wirklichkeit
Bildquelle: WDR/ Sabine Schmitt5 Min. 10 Sek.. Verfügbar bis 02.09.2028.
Das Licht des Kubus spiegelt sich sogar im Rhein. Drinnen läuft am Abend die große Eröffnungsshow. Gefeiert wird, dass sie endlich fertig ist, die Kulturraffinerie K714 - oder wie manche sagen: "der modernste Konzertsaal Europas".
"Das ist nicht irgendein kleines Haus zwischen Düsseldorf und Köln." Bürgermeisterin Sonja Wienecke
Jetzt habe Monheim die Chance, überregional bekannt zu werden, sagt die Bürgermeisterin.
Hübsch ist es hier. Zweifelsohne. Die Akustik, die Ausstattung - alles vom Feinstem. Aber es liegt auch Spannung in der Luft. Die Kulturraffinerie muss jetzt richtig durchstarten. Die Stadt braucht eine gute Auslastung, damit die Halle Geld wieder reinholt.
Monheims Bürgermeisterin Sonja Wienecke und K714-Intendant Martin Witkowski im Sommer
Bildquelle: WDR/ Sabine SchmittMit der Kulturraffinerie K714 hat die Stadt sich etwas gegönnt, obwohl sie hochverschuldet ist: Auch die Bürgermeisterin sagt, die Halle drücke "auf die Finanzen“ - die ohnehin seit einiger Zeit schon ein Problem sind.
Ein Minus von knapp 90 Millionen Euro - allein in 2026
Die Stadt ist zwar nicht pleite. Sie befindet sich aber in einer extremen finanziellen Schieflage und politisch im Modus Haushaltssicherung – das heißt: weniger eigener Spielraum, mehr Kontrolle von außen. Der Kreis guckt sich jetzt alles ganz genau an.
Im Haushaltsentwurf für 2026 etwa stehen Einnahmen von rund 300 Millionen Euro Ausgaben von rund 389 Millionen Euro gegenüber. Das Ergebnis ist ein Minus von knapp 90 Millionen Euro - allein für dieses Jahr.
Gewerbesteuer in Monheim: Prognose verfehlt
Doch inzwischen steht fest: Im laufenden Haushaltsjahr läuft es mit der Gewerbesteuer nicht ganz so wie erhofft. Mal wieder. Die Stadt hatte Gewerbesteuereinnahmen in Höhe von 140 Millionen Euro eingeplant. Doch nach der aktuellen Prognose könnte das "um bis zu rund ein Drittel verfehlt werden", heißt es in Mitteilungen der Stadt vom Juni 2026.
Die Einnahmen sinken seit Längerem. Noch vor wenigen Jahren waren es mehr als 300 Millionen Euro, die die Gewerbesteuer in die Kasse der Stadt spülte – inzwischen ist der Boom, den der vorherige Bürgermeister Daniel Zimmermann (Peto) mit der Steuersenkung ausgelöst hatte, vorbei - während Ausgaben und Großprojekte weiterlaufen.
Die Geschäftstelle der Monheimer Kulturwerke
Bildquelle: WDR/ Sabine SchmittDas Defizit ist für eine Stadt mit 46.000 Einwohnern eine Belastung, die sich bemerkbar macht. Entsprechend kräftig bewirbt die Stadt jetzt die Kulturraffinerie - oder genauer gesagt: die Monheimer Kulturwerke GmbH, eine Tochtergesellschaft der Stadt. Mitten in Düsseldorf und in Köln hängen seit Wochen übergroße Bilder von der glitzernden Halle mit LED-Mosaik. Und auch bei Instagram taucht sie als Werbung in den Timelines auf.
Konzerte, Sport‑Events, Karneval, Kongresse
Konzerte, Theater, Sport‑Events, Karneval, Kongresse sollen jetzt hier stattfinden in besonderem Ambiente - dazu ist die Halle jetzt die provisorische Heimat für das hochkarätige Kyiv Symphony Orchestra.
Der Bund der Steuerzahler bleibt kritisch. Der Verein prüft seit Jahrzehnten die Finanzen von Staat und Kommunen und sammelt Fälle von Steuergeldverschwendung. Nach Feiern ist ihnen hier nicht zumute.
Für Jens Ammann vom Bund der Steuerzahler ist in Monheim etwas grundlegend aus dem Ruder gelaufen, allerdings nicht erst jetzt. Die Stadt habe irgendwo "die Bodenhaftung verloren". Die Kulturraffinerie K714 passt für ihn ins Muster: eine Veranstaltungshalle für 4.800 Besucher. Bei 46.000 Einwohnern. Für Ammann kann sich Monheim "nicht mit Köln oder Düsseldorf messen". Er hinterfragt, ob die Leute wirklich in Scharen nach Monheim kommen, und sagt:
"Was glauben die denn, wer jetzt alles da hinkommt?" Jens Ammann vom Bund der Steuerzahler
K714 – ursprünglich mal mit 28 Millionen Euro gerechnet
Schon 2023 nannte der Bund der Steuerzahler die Kulturraffinerie ein "Denkmal der Steuergeldverschwendung". Damals war noch von Kosten in Höhe von 126,5 Millionen Euro die Rede - der Verein wies zudem auf eine Ratsvorlage von 2016 hin: In der hatte die Stadt noch Ausgaben von etwa 28 Millionen Euro genannt, wenn auch ohne Gebäudeerwerb und Erbbauzins. Inzwischen belaufen sich die Kosten laut Stadt auf rund 170 Millionen Euro.
Schulden und Projekte geerbt
Bürgermeisterin Sonja Wienecke hat das Projekt und die städtischen Schulden von ihrem Vorgänger Daniel Zimmermann (Peto) geerbt. Sie selbst ist parteilos, CDU, SPD, Grünen und FDP unterstützten sie im Wahlkampf. 54,79 Prozent der Monheimer wählten sie voriges Jahr - und Peto nach 16 Jahren ab.
Daniel Zimmermann trat bei der Wahl im September 2025 nicht mehr an. Er steht für eine Zeit, in der Monheim als besonders finanzstark galt und schuldenfrei war. In der Monheim sich rausputzte und seitdem in vielen Bereichen glänzt.
Aber er steht auch für hohe Ausgaben und Schulden. Der Bund der Steuerzahler spricht inzwischen von der "mit Abstand höchsten Pro-Kopf-Verschuldung in NRW" - Ende 2024 sei die Stadt zur Schuldenhochburg Deutschlands geworden.
"Andere Städte stehen schlechter da"
Die Kritik, Monheim habe sich übernommen, hält Daniel Zimmermann für überzogen. Er sagt: Andere Städte hätten schlechtere Infrastruktur und ähnlich hohe oder höhere Schulden – ohne vergleichbare Vermögenswerte. Zimmermann erklärt, dass Monheim Schulen, Kitas, Straßen und Wohnraum hat, in die viele Kommunen erst noch investieren müssen.
Außerdem seien Projekte wie die Kulturraffinerie etwa so konzipiert, dass Mieten und Veranstaltungsbetrieb langfristig Zins und Tilgung tragen würden.
Wie eine Schülerpartei Monheim reich machte
Monheim: Mit der Schülerpartei zum Steuerparadies
Bildquelle: WDRWDR. 5 Min. 11 Sek.. Verfügbar bis 02.09.2028.
Die Geschichte von Peto, der Partei, die es nur in Monheim gibt und mit der die Stadt später ihre leichtesten Jahre erlebt, beginnt nicht in einem Parteibüro. Sie beginnt Ende der 1990er Jahre im Umfeld einer Schulklasse. Einige Jugendliche "wollten irgendwas Sinnvolles machen", erinnert sich ihr damaliger Lehrer Ulrich Krapp. Aus der Idee wird schließlich Ernst: Sie gründen Peto, eine eigene Partei, recherchieren Wahlrecht, sprechen mit dem Wahlleiter, sammeln Unterschriften.
Krapp und sein Sozialwissenschaftskurs prognostizieren der neuen Schülerpartei damals 3 bis 6 Prozent - intern eher 6 als weniger. Aber das trauen sie sich den etablierten Parteien nicht zu sagen. Am Ende holt Peto 6,1 Prozent und zieht 1999 erstmals mit zwei Sitzen in den Stadtrat ein.
"Es war ein tolles Erfolgserlebnis", sagt Krapp heute und meint damit die Genauigkeit ihrer Prognose - und das Abschneiden der Schülerpartei.
Daniel Zimmermann, ehemaliger Bürgermeister von Monheim am Rhein
Bildquelle: WDRFünf Jahre später ist die Schülerpartei in Monheim etabliert. Noch einmal fünf Jahre später stellt sie den Bürgermeister: Daniel Zimmermann, damals der jüngste Rathauschef in NRW.
Der radikale Steuercoup
Mit ihm beginnt das "Monheim‑Modell" - und der radikale Steuercoup. Der Rat senkt ab 2012 den Gewerbesteuer‑Hebesatz drastisch, später auf 250 Prozent, den niedrigsten Wert in Nordrhein‑Westfalen. Monheim wird zum Magnet für Unternehmen, von Mittelständlern bis zu großen Konzernen, die ihre Gewerbesteuer nun am Rhein zahlen. Darunter zum Beispiel Ecolab, ein Weltkonzern.
Jens Ammann, Bund der Steuerzahler
Bildquelle: wdr.deAuch Jens Ammann vom Bund der Steuerzahler erinnert sich an diese Zeiten. "Die Konsequenz war, dass Monheim zunächst mal schuldenfrei war und dann ganz, ganz schnell wirklich viel Geld hatte."
Zunächst war also auch der Steuerzahlerbund beeindruckt. Monheim zeigt, dass eine Kommune mit Steuersenkung ihre Einnahmen steigern kann - gegen den Trend vieler Städte, die ihre Hebesätze nach oben drehen. Die Gewerbesteuereinnahme steigt und steigt - von zweistelligen Millionenbeträgen auf Spitzensummen von mehr als 300 Millionen Euro im Jahr.
Doch der Steuercoup ruft auch Rivalen auf den Plan. Andere Städte und Nachbargemeinden sind sauer, sie fürchten, dass Monheim ihnen steuerzahlende Unternehmen klaut. Darunter zum Beispiel Dormagen - genau auf der anderen Rheinseite von Monheim, wo der Bürgermeister einen Gewerbesteuerverlust im Millionenbereich beklagt. Etwa weil Bayer wegen der Monheim Steuerpolitik nach und nach Firmensitze nach Monheim verlegte - während die Produktion aber in Dormagen blieb.
Ab Mitte der 2020er Jahre gehen die Einnahmen nach unten
Die Erfolgskurve hält mehr als ein Jahrzehnt. Monheim nimmt in der Summe mehr als drei Milliarden Euro Gewerbesteuer ein. Doch ab Mitte der 2020er Jahre geht die Kurve deutlich nach unten: Plötzlich fließen im Jahr nur noch 168, später etwa 120 Millionen.
Aber erst mal ist der Boom im Alltag der Menschen spürbar. Schulen, Kitas und Spielplätze werden neu gebaut, die Stadt bekommt ein neue Mitte mit mehr Einkaufsmöglichkeiten, die Altstadt wird aufgehübscht. Es gibt Tablets für Schülerinnen und Schüler, Gratis-ÖPNV, Straßenlaternen mit WLAN-Signal, städtische E-Bikes, selbstfahrende Busse und die Kitagebühren werden abgeschafft.
"Die Bürger haben wirklich knallhart davon profitiert." Jens Ammann vom Bund der Steuerzahler
Städtische E-Bikes in Monheim am Rhein
Bildquelle: WDR/ Sabine SchmittMonheim investiert auch massiv in Schulen, Kitas, Infrastruktur, Innenstadtausbau, die Altstadt und Spielplätze. Viele Bürger erleben die Peto‑Zeit zunächst als Fortschritt: mehr Angebote, weniger Gebühren - eine Stadt, die aufholt und vorangeht.
Der Monheimer Geysir macht bundesweit Schlagzeilen
Doch da ist zum Beispiel auch der Geysir, der 2018 bundesweit für Schlagzeilen sorgt. Nach einer bestimmten Anzahl an Sonnenstunden spritzt eine bis zu zwölf Meter hohe Wasserfontäne in die Höhe - mitten in einem Kreisverkehr an der Rheinpromenade. Der Autoverkehr stoppt derweil an einer Ampel.
Einen Geysir mit Ampel "für schlappe 415.000 Euro in einem Kreisverkehr" findet die Redaktion von extra 3 kurios. Deshalb hat er es auch in die Satire-Sendung geschafft.
Mit der Zeit kippt etwas
Mit der Zeit kippt dann etwas. Neben Bildung, Alltagsthemen und Kunst treten immer mehr Projekte der Superlative. Das kritisieren Bürgerinitiativen und einzelne Fachleute als Prestigevorhaben. Manche Projekte bleiben in der Planung stecken, weil die neue Bürgermeisterin sie stoppt wie das Kunstprojekt "Blaues Band", dessen Rückabwicklung die Stadt laut SPD allein rund 1,5 Millionen Euro kostet. Oder die Marina, ein Yachthafen auf einem See mit künstlichem Kanal zum Rhein. Sie sollte anfangs 40 Millionen Euro kosten, später sogar 100 Millionen.
Millionen-Euro-Projekt: Ausbau der Mack-Pyramide in Monheim am Rhein
Bildquelle: WDR/ Sabine SchmittDie Mack‑Pyramide - ein Gebäude, das einst vom weltbekannten Künstler Heinz Mack mitgestaltet wurde - hätte die neue Bürgermeisterin auch gerne gestoppt. Die veranschlagten Kosten liegen derzeit bei mehr als 50 Millionen Euro. Aber: Bei einem Rückzieher hätte die Stadt die vollen Baukosten zahlen müssen, zitiert die SPD die Bürgermeisterin. Also blieb es beim Richtfest im Frühjahr.
Andere teure Projekte sind bereits umgesetzt oder aktuell im Bau - zum Beispiel:
- Umbau und Sanierung des Schwimmbads Mona Mare - unter anderem große Rutschen, ein Wellenbecken und ein Solebad (rund 47 Millionen Euro)
- größte Turnhalle Europas – eine Achtfach‑Sporthalle mit 44,5 Millionen Euro Baukosten
- Kulturraffinerie K714 (knapp 170 Millionen Euro laut Stadt) - plus einem der "größten und modernsten Premium-Parkhäuser Europas", wie die Architekturplattform Archello schreibt.
Noch in der Schwebe ist ein Skatepark - allerdings nicht irgendeiner, sondern eine olympiataugliche Anlage; mit Gesamtkosten für Planung und Bau von etwa 12,5 Millionen Euro. Nach einer Bürgerabstimmung unter der neuen Bürgermeisterin hängt der Bau jetzt davon ab, ob die Region Rhein‑Ruhr den Zuschlag für die Olympischen Spiele bekommt und Monheim Austragungsort für Skate‑Wettbewerbe wird. Unter dem vorherigen Bürgermeister Zimmermann war Olympia kein Kriterium. Auf kritische Nachfragen des Bundes der Steuerzahler reagierte das Rathaus im März 2024 sarkastisch:
"Wir werden die Anlage eröffnen, wenn sie fertig ist. Ich schlage Ihnen eine Eintragung ins Schwarzbuch für 2025 vor." Und zu den Kosten:
"Die Kosten sind völlig unübersehbar. […] Dass das in Monheim am Rhein keine Rolle spielt, wissen Sie, denn wir finanzieren alles auf Pump." Antwort der Stadt Monheim an den Bund der Steuerzahler
Die Kinderstadt: Alltag im Monheimer Erfolgsmodell
Was Familien in Monheim am Rhein anspricht
Bildquelle: WDRWDR. 4 Min. 54 Sek.. Verfügbar bis 02.09.2028.
Für die Bürger in Monheim ist aber erst mal alles gut. Petos Politik macht Monheim zur Traumstadt für Eltern und Kinder und hat deshalb viele Fans. Da ist zum Beispiel Lea Wadenpohl. Sie kam 2021 aus Köln zurück in ihre Geburtsstadt - während ihrer Schwangerschaft.
"Köln hat mir nicht das geboten, wie ich meine Kinder aufwachsen sehen möchte." Lea Wadenpohl, Monheimerin
Da ist zum Beispiel die Kinderbetreuung: Vom ersten Jahr bei der Tagesmutter bis zum offenen Ganztag in der Grundschule - "alles gratis und von der Stadt finanziert", sagt Lea Wadephul. Im Vergleich zu Köln spare das viel Geld: Aus dem Freundeskreis wisse sie, dass Eltern dafür sehr hohe Beiträge zahlen. Es sind aber auch andere Aspekte, die die Stadt inzwischen interessant machen.
Von grauer Kleinstadt zur Kinderstadt
Monheim. Das war für Lea Wadenpohl lange Zeit wenig einladend: samstags um 16 Uhr leere Straßen, ein lebloser Busbahnhof, kaum Cafés, wenige attraktive Spielplätze. "Es war alt, dreckig, ungepflegt", sagt sie. Heute sei Monheim eine "schöne kleine, belebte, bunte Stadt" - neu, modern, sauber, mit einer Innenstadt, in der man sich wohl und willkommen fühlt.
Die neue Stadtmitte in Monheim
Bildquelle: WDR/ Sabine SchmittErste Konsequenzen der Haushaltslage
Lea Wadenpohl, Monheimerin
Bildquelle: WDRDass die Stadt finanziell unter Druck steht, merkt aber auch Lea Wadenpohl. Sie spürt es etwa an den Essensbeiträgen. Früher war auch das Essen in Kita und Schule gratis, seit knapp einem Jahr zahlen Eltern Beiträge; bei ihr seien es etwa 90 Euro im Monat. "Überschaubar", sagt sie – und trotzdem ist es ein Zeichen, dass es der Stadt nicht mehr ganz so gut geht.
Lea Wadenpohl sagt, dass Projekte "ein bisschen ausgeartet" seien. Und trotzdem. Dass Peto abgewählt wurde, habe sie dann doch überrascht. Jedenfalls ist der Politikwechsel jetzt da - und wegen der hohen Schulden ändert sich jetzt einiges - gezwungenermaßen.
Jetzt ist vorerst Haushaltssperre
In einer Info zur Haushaltssperre vom 26. Juni 2026 nennt die Stadt Folgen der Schuldenkrise: Der Martinsmarkt und der verkaufsoffene Sonntag werden abgesagt, neue Fördermittel für Städtepartnerschaften und neue Kulturverträge werden vorerst nicht bewilligt – "erste unmittelbare Folgen der Haushaltssperre", heißt es da.
Bei der Grundsteuer B hat sich derweil schon längst was getan. Wer ein Haus oder eine Eigentumswohnung besitzt, muss sie zahlen. Im Zuge der Reform stieg der Hebesatz für das Jahr 2025 von zuvor etwa 350 Prozent auf 1.000 Prozent – fast das Vierfache.
Bayer‑Campus und Bürgerfrust: Der Vertrauensbruch
Monheimer Bürgerinnen und Bürger sind frustriert
Bildquelle: WDR4 Min. 54 Sek.. Verfügbar bis 02.09.2028.
Auch Frank Menge lebt in Monheim. Er ist einer von denen, die für den Politikwechsel in der Stadt waren. "Sehr turbulent" seien sie gewesen, die letzten Jahre. Überall wurde gebaut, ständig neue Großprojekte – und im Hintergrund immer diese Frage: "Wird das Geld nicht mal irgendwann alles sein?"
Am Anfang erlebt auch er Peto positiv: junge Leute mit Ideen, die nicht "zerreden", sondern umsetzen. Kitas, Schulen, Innenstadt - "eine ganze Menge ist passiert", die Stimmung sei euphorisch gewesen: Endlich wird "sinnvoll Geld ausgegeben". Doch je größer die Projekte werden, desto mehr wächst sein Zweifel.
Im Rat erlebt er, wie Entscheidungen fallen: Ideen kommen vom Bürgermeister und Peto, andere Parteien dürfen fragen, Kritik wird aufgenommen - und dann überstimmt, sagt er. "Dann war das ganze Diskutieren davor eigentlich unnötig". Für ihn wirkt Politik unter Zimmermann so:
"Als ob ein großer König sagt, was getan wird und dann müssen alle 'Ja' sagen." Frank Menge, Monheimer
Kritik sei häufig persönlich genommen worden, Bürger hätten sich "nicht ernst genommen" gefühlt. Es sei kein echtes Abstimmen über Projekte gewesen, sagt Frank Menge im WDR-Interview.
Der damalige Bürgermeister Daniel Zimmermann sieht das anders. Er sagt, dass er nicht allein bestimmt habe. Dass Peto mit absoluter Mehrheit Projekte durchgesetzt hat, verteidigt er als Umsetzung eines demokratischen Auftrags, nicht als Größenwahn.
Bayer‑Campus - Verständnislosigkeit
Am Ende bringt dann der Bayer‑Campus für Frank Menge das Fass zum Überlaufen. Auf einem fest ausgewiesenen Grünzug, Teil eines Frischluftkorridors, sollen anfangs bis zu zwölf Fußballfelder, Verwaltungsgebäude und ein Parkhaus entstehen – ein Trainingszentrum "im Stil von Manchester United". Frank Menge sieht vor allem Lärm, Licht und Zäune statt Natur. Er versteht nicht, warum Monheim Probleme eines Bundesligisten aus Leverkusen lösen soll, sagt er. Bayer 04 Leverkusen selbst wirbt mit 150 neuen Arbeitsplätzen in Monheim.
Frank Menge, Monheim
Bildquelle: WDR
In dieser Zeit schließen sich Monheimer wie Frank Menge zusammen. Sie protestieren gegen das Projekt, gegen hohe Ausgaben und kämpfen für einen Politikwechsel in der Stadt. Auf ihren Plakaten steht "Erhaltet den Grünzug". Nach der Wahl erinnern sie die Parteien daran, was sie im Wahlkampf gesagt haben - und fürchten, dass am Ende doch ein "abgespeckter" Campus kommt.
Strimjasen in den Farben von Bayer 04 Leverkusen in Monheim in der Nähe des geplanten Bayer Campus
Bildquelle: WDR/ Sabine SchmittDer Politikwechsel und die neue Bürgermeisterin seien jetzt die Chance, die Bremse zu ziehen, sagt Frank Menge.
Wienecke vs. Zimmermann: Kurswechsel wegen des Schuldenbergs
Die Bremse. Die hat Bürgermeisterin Sonja Wienecke derweil auch schon gezogen. Ihre Linie: Verträge respektieren, Ausgaben dämpfen, ohne das Modell "Kinderstadt" sofort aufzugeben. Sie sagt:
"Ich bin dafür angetreten, dass wir wieder uns darauf konzentrieren, was für die Monheimerinnen und Monheimer wirklich echt wichtig ist." Bürgermeisterin Sonja Wienecke
Sie will "sinnvoll investieren - in Bildung und Infrastruktur - und erst im zweiten Schritt in Dinge, die darüber hinausgehen".
Im Juni 2026 verhängen die Bürgermeisterin und die Kämmerin eine Haushaltssperre - "mit sofortiger Wirkung", heißt es in der Mitteilung vom Juni. Die Sperre gelte zunächst bis zum 30. September und soll dafür sorgen, dass nur noch rechtlich verpflichtende Ausgaben und bestehende Verträge bedient werden. Stadtkämmerin Nina Richter nennt den Schritt "alternativlos".
Rathaus in Monheim am Rhein
Bildquelle: WDR/ Sabine SchmittZimmermann: "Stolz auf das, was gelungen ist"
Und Daniel Zimmermann? Der sagt, Monheim habe durch den Steuercoup über Jahre mehr als drei Milliarden Euro Gewerbesteuer eingenommen, rund 800 Millionen Euro direkt für die Stadt. Dieses Geld sei in Infrastruktur, Kitas, Schulen, Wohnungsbau und Innenstadt geflossen. Prestige‑Kritik weist er zurück.
Bereut er etwas? Im Rückblick sagt Zimmermann, er sei "stolz auf das, was gelungen ist."
Pro Einwohner mehr als 40.000 Euro Schulden
Ungeachtet dessen spricht der Bund der Steuerzahler NRW in einer aktuellen Mitteilung zur Haushaltssperre von einem "katastrophalen finanziellen Erbe der Peto", das der Stadt "kaum eine andere Wahl" lasse. Laut Haushaltsplan 2026 steige die geplante Gesamtverschuldung weiter: von rund 1,4 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf knapp 1,8 Milliarden Euro 2026. Bei gut 43.000 Einwohnern entspreche das einer Pro-Kopf-Verschuldung von mehr als 40.000 Euro. So hat es Jens Ammann vom Bund der Steuerzahler in einer Mail an den WDR vorgerechnet.
Wird Monheim noch mal schuldenfrei?
Wie geht es jetzt weiter? Ein zweites "Steuerwunder" ohne harte Entscheidungen wird es wohl erst mal nicht geben. Bürgermeisterin Sonja Wienecke sagt:
"Die Chancen, dass Monheim noch mal schuldenfrei wird, in der Zeit, in der ich Bürgermeisterin bin, stehen bei null." Bürgermeisterin Sonja Wienecke
Der Bund der Steuerzahler NRW sieht harte Zeiten auf die Stadt und ihre Bürger zukommen:
"Alleine die Zinsen für die Kredite der Vergangenheit und Gegenwart übersteigen den Anteil der Gewerbesteuer, den die Stadt behalten darf, bei Weitem", sagt der Bund der Steuerzahler NRW. Jedes "Geschenk" an die Monheimer von heute müssten die Monheimer von morgen und übermorgen bezahlen.
Unsere Quellen
- Stadt Monheim: Kulturraffinerie K714
- Stadt Monheim: Fortschreibung des Gesamtkonzepts für die Kulturelle Bildung in Monheim am Rhein (August 2018)
- Stadt Monheim: Monheimer Kulturwerke verlosen 500 Tickets für das Grand Opening der Kulturraffinerie K714
- Bund der Steuerzahler: Pompöse Kulturraffinerie in Monheim am Rhein (21.10.2023)
- Stadt Monheim: Stadt legt Entwurf für den Haushalt 2026 vor (30.10.2025) / Haushaltsplan 2026
- Stadt Monheim: Statistische Daten - Einwohnerzahlen, Stichtag: 31. Dezember 2025
- Stadt Monheim: Achtfach-Sporthalle am Berliner Ring wurde feierlich eingeweiht (01.04.2025)
- WDR-Interview mit Bürgermeisterin Sonja Wienecke am 05.03.2026
- WDR-Interview mit Lehrer Ulrich Krapp am 28.04.2026
- WDR-Interview mit Jens Ammann vom Bund der Steuerzahler NRW
- WDR-Interview mit Lea Wadenpohl, Monheimerin und Mutter
- SPD Monheim bei Facebook über Rückabwicklung des Projektes "Blaues Band"
- Bund der Steuerzahler: Monheim baut olympiareife Skateanlage
- Bund der Steuerzahler:: Der Schuldenberg in Monheim am Rhein (21.01.2025)
- Stadt Monheim: Sportstätten – Skatepark Am Kielsgraben
- Stadt Monheim: Steuern und Gebühren
- Stadt Monheim: Stadträder Bike-Sharing
- Stadt Monheim: Der Stadtrat wird mit sieben Parteien nochmal um zwei Farben bunter / Wahl von Sonja Wienecke (14.09.2025)
- Peto: 135 Millionen Euro für den Umbau des Monheimer Tors
- Stadt Monheim: Ausbau des Mona Mare
- Stadt Monheim: Mack-Pyramide, Blaues Band und Skatepark prägen Diskussionen im Stadtrat
- Archello: Kulturraffinerie K714 Parkhaus
- Stadt Monheim: Stadt Monheim am Rhein verhängt Haushaltssperre (19.06.2026)
- Stadt Monheim: Stadt informiert über konkrete Auswirkungen der Haushaltssperre (26.06.2026)
- Bund der Steuerzahler NRW: Lob für schnelle Haushaltssperre in Monheim (01.07.2026)
- Mail von Jens Ammann zur Pro-Kopf-Verschuldung (30.07.2026)
- SPD Monheim bei Facebook: SPD setzt sich für Transparenz ein Post vom 15.12.2026
- Stadt Monheim: Bürgermeister hält Geysir-Kritik des Bundes der Steuerzahler für unglaubwürdig (23.07.2018)
- Bayer 04 Leverkusen: Der Bayer-Campus
Sendung: WDR.de, Monheim: Kulturraffiniere zwischen Vision und Wirklichkeit, 02.09.2026
Sendung: WDR.de, Monheim: Mit der Schülerpartei zum Steuerparadies, 02.09.2026
Sendung: WDR.de, Was Familien in Monheim am Rhein anspricht, 02.09.2026
Sendung: WDR.de, Monheimer Bürgerinnen und Bürger sind frustriert, 02.09.2026