Vor etwa anderthalb Jahren erhielt Jürgen Braam einen Brief: Das Haus in dem er lebt, soll abgerissen werden, seine Wohnung geräumt. "Ich war auf jeden Fall am Boden zerstört", sagt der 63-Jährige. Die Gesellschaft für Bauen und Wohnen (GBB) gibt ihm aus Kulanz ein Jahr Aufschub, um eine neue Wohnung zu finden.
Doch das erweist sich als schwierig: Der gelernte Mechatroniker lebt von Sozialleistungen und hat zwei Hunde. Sozialwohnraum, den ihm das Jobcenter finanziert, ist schwierig zu finden. Zusätzlich lehnen viele Vermieterinnen und Vermieter Haustiere sofort ab. Er sagt, ihm habe die Obdachlosigkeit gedroht.
Sozialarbeiterin hilft
Was Braam zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Auch die Sozialarbeiterin Saskia Lütgerhorst hatte von seiner Situation mitbekommen. Die GBB meldete sich bei ihr und kündigte die Räumung an.
Also machte sich die Sozialarbeiterin zusammen mit einer Kollegin auf den Weg zu Braams Wohnung, um ihm ihre Hilfe anzubieten.
"Hinter der Wohnungsnot stehen immer Geschichten." Saskia Lütgerhorst, Sozialarbeiterin
Lütgerhorst arbeitet für das Projekt "Dach & Fach" in Bottrop von der Evangelischen Sozialberatung und dem Sozialamt der Stadt. Finanziert wird es zu 90 Prozent über das Land NRW und durch EU-Mittel. Die anderen zehn Prozent finanziert die Stadt.
Seit Ende 2022 gibt es das Projekt bereits in Bottrop. In 205 Fällen wurde seitdem schon erfolgreich vermittelt, sodass Menschen ihre Wohnung nicht verlassen mussten oder gar wohnungslos wurden.
400 Menschen in Bottrop sind wohnungslos
"Die Wohnungsnot in Bottrop steigt leider stetig", sagt Oliver Balgar, Leiter des Projekts. "Wir möchten möglichst vielen Menschen den Wohnraum sichern, eigentlich noch viel mehr Menschen Wohnraum vermitteln." Er findet, Wohnungsnot ist eine der schlimmsten Ausprägungen von Armut.
Mit dem Projekt werden deswegen Menschen in Wohnungsnot mit lokalen Vermieterinnen und Vermietern in Verbindung gebracht. So arbeitet "Dach & Fach" etwa auch mit dem Vermieterverband Haus & Grund zusammen, der mehr als 60 Prozent des Bottroper Mietwohnraums vertritt.
Netzwerk gegen Wohnungsnot
Diese enge Zusammenarbeit sorgt dafür, dass Menschen gar nicht erst die Wohnungslosigkeit droht. "Wir werden informiert, wer wann geräumt wird und wie viele Personen dort sind - und fahren dann auch hin und suchen die Leute auf", sagt Lütgerhorst.
Bei Jürgen Braam kam der Kontakt über eine informelle Vereinbarung mit der GBB zustande: Wenn Mieterinnen oder Mieter Unterstützung brauchen, meldet die Wohnungsgesellschaft das der Beratungsstelle - etwa bei Räumungen, wie bei Braam.
Von dort aus geht die Suche nach einer neuen Wohnung los: Zusammen mit Lütgerhorst hat er mögliche Schulden bei der hauseigenen Schuldnerberatung geklärt, Mietinteressentenbögen ausgefüllt, Wohnberechtigungsscheine beantragt und Bewerbungen abgeschickt.
"Die (Dach & Fach) wissen, wie man Wohnungen recherchiert, wie man Bewerbungen formuliert. Ich könnte irgendwas hinschreiben und die Leute gucken sich das nicht einmal an", sagt Braam. Ohne die Unterstützung von Saskia Lütgerhorst wäre er nicht so schnell an eine neue Wohnung gekommen, ist sich Braam sicher.
Auch Vermieter profitieren von der Zusammenarbeit
Gleichzeitig gibt die Zusammenarbeit mit der Beratungsstelle auch Vermieterinnen und Vermietern Sicherheit: "Wir bieten an, Menschen auch nach der Vermittlung weiter zu begleiten", so Lütgerhorst. So können sie sich sicherer sein, dass Zahlungen ankommen und die richtigen Anträge gestellt sind.
Rund zehn Anfragen gingen an Vermieterinnen und Vermieter raus, bis Braam endlich eine Zusage hatte. Seit wenigen Tagen hat er nun einen unbefristeten Mietvertrag in einer seniorengerechten Wohnung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) - mit Badewanne und Balkon, seine einzigen beiden Wünsche, die er an die neue Wohnung hatte. Die Schlüssel sind auch schon übergeben.
Weitere Finanzierung unsicher
Die Finanzierung des Projekts läuft mit dem Jahr 2027 aus. Dann hofft Oliver Balger auf die Unterstützung der Kommunalpolitik und dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe.
Unterstützung für Bottroper in Wohnungsnot
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzWDR. 04.08.2026. 00:55 Min.. Verfügbar bis 03.08.2028.
Unsere Quellen:
- Interview mit den Verantwortlichen für das Projekt "Dach und Fach"
- Stadt Bottrop
- Beobachtungen der WDR-Reporterin vor Ort
- Interview mit Jürgen Braam
Sendung: WDR.de, Unterstützung für Bottroper in Wohnungsnot, 05.08.2026, 05:03 Uhr