Pflegegrad wegen Social Media abgelehnt

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WDR 03:21 Min. Verfügbar bis 24.08.2028

"Das ist völlig absurd" Pflegegrad wegen Social Media abgelehnt

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Schon morgens vor dem Kleiderschrank geht es bei Jessy Krösel los. Ohne ihren Mann Nico schafft sie es nicht, sich alleine anzuziehen. Den linken Arm kann sie seit einer Nerveneinklemmung durch ihre Skoliose nicht mehr heben. An schlechten Tagen legt Nico ihr die Tabletten gegen Panikattacken selbstverständlich an den Frühstückstisch. Einkäufe und Erledigungen außerhalb der eigenen vier Wände muss er für sie erledigen.

Von Vanessa Wiebe

"Das erste Coronajahr hat mir psychisch dann den Rest gegeben", erzählt sie, umgeben von einem Meer aus Unterlagen. Als ihre Angststörung und Depression im ersten Coronajahr noch schlimmer werden, beantragt sie einen Pflegegrad. Ohne Erfolg.

Nachdem sie 2020 erstmals auf Anraten ihrer Ärzte einen Pflegegrad beantragt hatte, begann eine Odyssee.

Wegen Social Media Videos: Pflegegrad bei Skoliose und Angststörung abgelehnt

Jessy Krösel braucht täglich Hilfe von ihrem Mann Nico Krösel.

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Nach Akteneinsicht: Pflegekasse vermutet Betrugsfall

Ihr erster Antrag wurde abgelehnt. "Dann bin ich wohl nicht pflegebedürftig genug", dachte Jessy Krösel zunächst. Ihrem Mann kommt das komisch vor. Ohne seine Unterstützung könne sie ihren Alltag kaum meistern: körperlich und psychisch. Seit 2017 greift ein Pflegegrad auch, wenn die Selbstständigkeit durch psychische Krankheiten eingeschränkt ist. Die beiden legen Widerspruch ein.

Es folgt ein Hin und Her: Gerichtliche Gutachten bescheinigen "Pflegegrad 2", später sogar "Pflegegrad 3". Die Pflegekasse bewilligt zunächst "Pflegegrad 2", lehnt einen Folgeantrag aber wieder ab. Als die Duisburgerin im August 2025 Akteneinsicht fordert, der Schock: In einem Schreiben der Pflegekasse an den Medizinischen Dienst steht "Betrugsverdacht".

In ihren Instagram- und TikTok-Videos stelle sich eine "schwingungsfähige, gut gelaunte und energiegeladene Versicherte" dar, heißt es im darauffolgenden Gutachten des Medizinischen Dienstes.

"Es war sehr verletzend für mich. Damit werfen sie eigentlich allen depressiven Menschen etwas vor, nur weil sie auch mal Spaß haben." Jessy Krösel aus Duisburg
Wegen Social Media Videos: Pflegegrad bei Skoliose und Angststörung abgelehnt

Auf Instagram und TikTok hat Jessy zusammen über 140.000 Follower.

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Sozialrechtlerin ordnet ein: "Das ist völlig absurd"

Jessy Krösel macht seit einigen Jahren Videos über mentale Gesundheit. Hauptsächlich, um zuhause eine Beschäftigung zu haben. So etwas fehle ihr, habe sogar der gerichtliche Gutachter gesagt. "Es ist wie eine Selbsthilfegruppe. Ich kann mich mit anderen austauschen, ich merke, dass ich nicht alleine bin." Der Betrugsvorwurf sei für sie wie ein Schlag ins Gesicht gewesen.

Das kann Greta Lutterbach vom NRW-Landesverband des Sozialverbands Deutschland gut verstehen. Sie wundert es sie allerdings nicht, dass Jessy Krösel diese Erfahrung gemacht hat. Wenn ein Gutachter Erfahrungen mit psychischen Krankheiten hat, sei es gar kein Problem "Pflegegrad 3" mit Depressionen zu bekommen. Es kann aber auch anders ausgehen.

"Ein anderer, der nicht dafür sensibilisiert ist, bescheinigt gar keinen Pflegegrad bei gleicher Diagnose." Greta Lutterbach, stellv. Landesgeschäftsführerin des SoVD NRW

Psychische Krankheiten bei Pflegegrad-Anträgen seltener anerkannt

Den psychischen Gesundheitszustand anhand von Social-Media-Inhalten abzuleiten, sei schlichtweg nicht möglich, findet die ehemalige Sozialrechtlerin. Solche Fälle erlebt sie in der Rechtsberatung im Bereich Pflege beim Sozialverband selten. Grundsätzlich nehme aber die Anzahl der Pflegegrad-Anträge wegen Depressionen zu.

Für psychische Erkrankungen fehle es bei medizinischen Gutachten noch an Bewusstsein. "Wenn ein depressiver Mensch extrem antriebslos ist, muss ein Angehöriger die gleiche Zeit investieren, um diesen Menschen zum Beispiel unter die Dusche zu bekommen, wie bei einer gebrechlichen Person." Gerade bei jüngeren Menschen werde der Pflegegrad-Antrag häufig abgelehnt.

Wegen Social Media Videos: Pflegegrad bei Skoliose und Angststörung abgelehnt

Röntgenaufnahme von Jessys Rücken

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Jessy Krösel vermutet einen anderen Grund für die Ablehnung

Ihre Skoliose bleibt in den letzten medizinischen Gutachten unerwähnt. Auf Vollständigkeit der Diagnosen sollten Betroffene gut achten, rät Greta Lutterbach. Der zuständige Medizinische Dienst Nordrhein äußert sich gegenüber dem WDR zu dem Fall so:

"Es können auch öffentlich zugängliche soziale Medien bei der Begutachtung berücksichtigt werden, sofern hierfür ein konkreter Anlass besteht und die Informationen für die Begutachtung geeignet sind. (…) Frau Krösels Aktivitäten auf Social Media haben das Ergebnis der Vorgutachten bestätigt, dass kein Pflegegrad bei ihr vorliegt." Medizinischer Dienst Nordrhein über die Begutachtung im August 2025

Jessy Krösel glaubt, dass ihre früheren Online-Beiträge gar nicht das echte Problem sind. Seit zwei Jahren gibt sie auf ihren Kanälen Tipps und Infos rund um Pflegegrade und Ansprüche. "Das passt der Krankenkasse natürlich nicht, weil die nicht wollen, dass die Menschen genau informiert sind," ist sie sich mittlerweile sicher.

Anfang des Jahres bekommt Jessy Krösel ihren "Pflegegrad 3" doch von der Pflegekasse bewilligt. Diese verweist auf einen internen Bearbeitungsfehler bei der Fristsetzung. Vor der Wiederbegutachtung im Mai 2027 hat Jessy Krösel allerdings jetzt schon Angst. Sie hofft, dass sich ihr Zustand bis dahin verbessert. Mittlerweile hat sie nach knapp zwei Jahren Wartezeit einen Psychotherapieplatz bekommen. Ihre Social Media Videos will sie weiterhin machen.

Unsere Quellen:

  • Interview mit Jessy Krösel
  • Statement Techniker Krankenkasse
  • Statements Medizinischer Dienst Nordrhein
  • Interview mit Great Lutterbach, stellv. Landesgeschäftsführerin des SoVDNRW

Sendung: WDR.de, Pflegegrad wegen Social Media abgelehnt, 24.08.2026, 5:05 Uhr

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