Behördenversagen? - Wittener Jobcenter gibt Fehler bei Betreuung zu

Bildquelle: Jens Kalaene / dpa

WDR 2 Min. 8 Sek. Verfügbar bis 03.09.2028

Minister "schockiert" Jobcenter schont Mann aus Angst vor Gewalt

Stand:

Drei Jahre schonte das Jobcenter einen Wittener aus Angst vor Eskalationen. Gleich zwei Behörden räumen Fehler ein.

Die Stellungnahme des NRW-Arbeitsministers bringt das Drama auf den Punkt. "Die Presseberichterstattung über den Fall in Witten hat mich schockiert. Es darf nicht sein, dass Jobcenter-Mitarbeitende Angst vor Leistungsbeziehenden haben und ihre Aufgaben dadurch nicht rechtskonform erfüllen können", so Karl-Josef Laumann auf Anfrage des WDR.

Befürchtet wurden "potentielle Gefahrensituationen"

Es geht um einen 56-jährigen Wittener, der drei Jahre lang nicht im Jobcenter des Ennepe-Ruhr-Kreises erscheinen und nicht mitwirken musste, weil die Mitarbeiter dort wohl um ihre Sicherheit gefürchtet haben und "potentielle Gefahrensituationen" nicht provozieren wollten. Sein Geld - wohl rund 530 Euro Bürgergeld monatlich - soll der Familienvater trotzdem bekommen haben.

Karl-Josef Laumann (CDU), NRW's Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales

Rechtlich wird das laut Ennepe-Ruhr-Kreis untersucht. Die Geschichte wird von Medien von Bild bis Focus aufgegriffen und herausgestellt, dass es sich um einen Flüchtling handelt. Ein Beispiel von Behördenversagen im Zusammenhang mit Migration - ein Garant für mediale Resonanz.

Wittener ist anerkannter Flüchtling aus Syrien

Als WDR erfahren wir, dass der Mann anerkannter Flüchtling aus Syrien ist und bei Behörden bekannt war, weil gegen ihn im Zeitraum von 2020 bis 2025 Anzeigen wegen Hausfriedensbruch, Beleidigung und Gewalt vorliegen. So sollen zwei Mitarbeiter des Ordnungsamtes ihn angezeigt haben, weil er ihnen den Mittelfinger gezeigt haben soll.

Die Staatsanwaltschaft Bochum wollte aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes keine Auskünfte über den Wittener geben. Nach WDR-Informationen hatte er aber einen Bewährungshelfer - also gab es rechtskräftige Urteile.

Dieser Bewährungshelfer soll - so erfahren wir - auf mögliche Aggressionen des Syrers hingewiesen haben. Der zuständige Ennepe-Ruhr-Kreis gibt selbst dazu keine Auskunft. Eine persönliche Vorstellung beim Jobcenter ist gesetzlich erst seit Juli 2026 Pflicht. Möglichkeiten, einen potenziell aggressiv auftretenden Kunden zur Mitwirkung zu verpflichten, hat das Jobcenter auch ohne einzubestellen.

Behörden bemühen sich um Schadensbegrenzung

Bemerkenswert ist, in welchem Tempo nicht nur der NRW-Arbeitsminister, sondern auch der Ennepe-Ruhr-Kreis sich um Schadensbegrenzung bemühen und Fehler eingestehen. Die Kreis-Pressestelle schreibt: "Der Eindruck, unangemessenes oder aggressives Verhalten könne dazu führen, dass die gesetzlichen Anforderungen des SGB II nicht konsequent angewandt werden, ist fatal."

Die Sorge vor negativen Schlagzeilen ist groß: Gibt eine Behörde klein bei, weil es schwierig scheint, sich mit einem Klienten auseinanderzusetzen? Warum lag der Fall des angeblich gewaltbereiten Witteners jahrelang in den Akten? Das verspricht der Ennepe-Ruhr-Kreis jetzt zu klären.

Unsere Quellen:

  • Gespräche mit Polizei und dem Ennepe Ruhr Kreis
  • Pressemitteilung des Ennepe-Ruhr-Kreises
  • Pressemitteilung des NRW Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales

Jobcenter schonte Wittener aus Angst vor Gewalt

WDR 03.09.2026 45 Sek. Verfügbar bis 02.09.2028

Sendung: WDR.de, Jobcenter schonte Wittener aus Angst vor Gewalt, 03.09.2026, 17:50 Uhr

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