Der Fall Ibrahima Barry sorgt seit mehr als zwei Jahren für Diskussionen und Entsetzen. Der Geflüchtete aus Guinea war in einer Mülheimer Flüchtlingsunterkunft gestorben. Er hatte randaliert. Was dort genau passiert, ist unklar. Seit einigen Monaten läuft ein Prozess gegen mehrere Polizisten, die ihn gefesselt haben und für seinen Tod verantwortlich sein sollen.
Nun gibt es ein neues Gutachten. Und die Vorwürfe und Erkenntnisse, die dieses Gutachten am Donnerstagabend präsentiert hat, klingen schwerwiegend. Der zugezogene forensische Experte aus den USA spricht nach seinem Gutachten von "homicide", also von einer Tötung. Im Fall von Ibrahima Barry wurde die Rechercheagentur Forensis Architecture beauftragt. Das Unternehmen nutzt Methoden aus der Architektur, um Menschenrechtsverletzungen aufzuklären. So haben sie zum Beispiel die 2D-Aufnahmen der Bodycams der Polizistinnen und Polizisten in 3D-Modelle umgewandelt.
Neues Gutachten im Fall Ibrahima Barry
Bildquelle: Fabienne Strohmer/WDRWDR. 2 Min. 35 Sek.. Verfügbar bis 28.08.2028.
Technisches Verfahren schon von internationalen Gerichten verwendet
Um das Material besser auswerten zu können, hat das Team von Forensis Architecture zunächst die Aufnahmen aufgehellt. Dann haben sie sich das Material Bild für Bild angeschaut und in 3D-Modelle übersetzt. Laut dem stellvertretenden Direktor Robert Trafford wenden sie dieses Verfahren seit 2010. Ihre Arbeit wurde vor Gerichten weltweit und auch vor dem internationalen Strafgerichtshof verwendet.
Forensischer Experte vergleicht Fall mit dem von George Floyd
Der Experte, der die Videoaufnahmen analysiert hat, ist der US-amerikanische Forensiker Dr. Michael Freeman. Er zieht nach seinem Gutachten klare Schlüsse: "Hierbei handelt es sich um ein Tötungsdelikt, und der Sachverhalt ist absolut eindeutig. Mir fällt keine Analyse ein, die zu einem anderen Ergebnis käme."
Außerdem vergleicht er den Fall mit einem sehr bekannten Fall von Polizeigewalt in den USA, bei dem er auch als Experte gedient hat. Dem von dem US-Amerikaner George Floyd.
"Wenn man einen völlig gesunden Menschen nimmt - lange genug Gewicht auf ihn ausübt, ihm die Hände auf dem Rücken fixiert und ihn in Panik versetzt, dann tötet man ihn letztendlich. Dr. Michael Freeman, Forensiker
Der Tod von US-Amerikaner George Floyd hatte 2020 auch über die USA hinaus Entsetzen ausgelöst und zu heftigen Protesten gegen Polizeigewalt geführt. In einem Video war zu sehen, wie ein Polizist mehrere Minuten auf dem Afroamerikaner kniet, während Floyd immer wieder sagt, dass er keine Luft bekomme.
Experte hält Intensität der Fesselung bei Barry für "unnötig"
Nachdem der Polizeieinsatz in Mülheim Bild für Bild auch in den 3D-Modellen zu sehen war, kommt der Forensiker zum Schluss, dass die Intensität der Fesselung und Fixierung durch die Polizei "entirely unnecessary" war, also "völlig unnötig".
Für ihn ist der Tod Barrys eine direkte Folge der minutenlangen Fixierung durch die Polizei: "Dabei befand er sich in Bauchlage, war fixiert, hatte die Hände auf dem Rücken und musste sowohl Gewichteinwirkung auf den Rücken als auch ein gewaltsames Hochdrücken der Beine - zumindest zeitweise - in Richtung des Oberkörpers erdulden. All dies hatte zur Folge, dass seine Atmung behindert wurde. Sein Zustand verschlechterte sich in dieser Zeit offensichtlich. Er erlitt einen Herz-Kreislauf-Stillstand und verstarb."
Fall Ibrahima Barry: Nebenklage hofft auf anderen Tatbestand
Die Familie von Ibrahima Barry und ihr Übersetzer (links)
Bildquelle: WDR/Fabienne StrohmerNeun Polizisten müssen sich nach dem Tod von Barry vor dem Landgericht Duisburg verantworten. Die Staatsanwaltschaft spricht von einem unverhältnismäßigen Einsatz und wirft den Beamten gefährliche Körperverletzung im Amt vor. Die Anwältinnen der Nebenklage wollen dieses Gutachten vor Gericht nun als Beweis bringen und hoffen dadurch auch, dass ein anderer Tatbestand verhandelt wird.
"Durch diese Beweise lässt sich aus unserer Sicht herleiten, dass ein anderer Vorwurf gemacht werden muss, nämlich der Vorwurf einer Tötung und nicht nur einer Körperverletzung. (…) Nach dem Motto: Sie haben es gewusst und billigend in Kauf genommen." Andrea Groß-Bölting, Anwältin der Nebenklage
Gutachten von Forensis: Entscheidung bei Gericht steht aus
Ob das Gutachten anerkannt und die Sachverständigen vor Gericht vernommen werden, steht aktuell noch aus. Philipp Hein vom zuständigen Landgericht Duisburg äußert sich folgendermaßen: "Die Nebenklage hat in der Hauptverhandlung dargelegt, ein Gutachten des Forschungsinstitution Forensis e.V. (Forensic Architecture) in Auftrag gegeben zu haben und einen Antrag gestellt, den Gutachtenersteller vernehmen zu lassen. Hierüber hat die Kammer nun zu entscheiden."
Die angeklagten Polizisten schweigen bisher vor Gericht. Für eine Stellungnahme waren sie am Freitag nicht zu erreichen.
Ibrahima Barry verstarb im Rettungswagen
Ibrahima Barry
Bildquelle: WDR / Justice for IbrahimaDer Fall von Ibrahima Barry hat für Aufsehen gesorgt. Im Januar 2024 soll er in einer Flüchtlingsunterkunft randaliert haben. Die Polizei wird gerufen. Keine zwei Stunden später ist der 23 Jahre alte Guineer tot.
Seine Familie verfolgt den aktuellen Prozess in der Nebenklage. Sie waren auch am Donnerstag bei dem Pressetermin dabei und haben direkt zu Beginn Statements abgegeben.
Unsere Quellen:
- Andrea Groß-Bölting, Anwältin Nebenklage
- Dr. Michael Freeman, Forensiker
- Robert Trafford, Forensis Architecture
- Landgericht Duisburg
- Eindrücke der WDR-Reporterin vor Ort
Sendung: WDR 2, WDR 2 für Rheinland, Ruhrgebiet und Niederrhein, 28.08.2026, 17:52 Uhr
