Großer Andrang im Landgericht Duisburg. Zahlreiche Medienvertreter und Interessierte sind gekommen, nicht alle passen in den Saal. Auf den Anklagebänken sitzen vier Polizistinnen, fünf Polizisten und gleich vierzehn Anwälte.
Die Medienvertreter kommen kaum durch die Reihen, um ihre Bilder zu machen, so voll ist der kleine Gerichtssaal. Die Angeklagten halten Ordner vor ihr Gesicht, um nicht erkannt zu werden.
Angeklagte Polizisten weiter im Amt
Bei der Verlesung der Anklage hören sie gespannt zu, die Staatsanwaltschaft spricht von einem unverhältnismäßigen Polizeieinsatz. Sie wirft den neun Beamten gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung im Amt vor. Kurz darauf fragt die Richterin die Angeklagten, ob sie sich äußern wollen. Alle neun Beamte verneinen das und wollen zum Prozessauftakt nichts sagen. Alle neun sind nicht suspendiert und weiter im Amt.
Darum geht es: Es ist der 6. Januar 2024. In der Flüchtlingsunterkunft im Mülheimer Stadtteil Saarn soll ein Mann randalieren. Es handelt sich um Ibrahima Barry aus Guinea. Die Polizei wird gerufen. Keine zwei Stunden später ist Ibrahima Barry tot.
Ibrahima Barry
Was genau in der Flüchtlingsunterkunft passiert ist, soll der Prozess klären. Klar ist, dass der damals 23-jährige Barry aggressiv gewesen sein muss. Weil er in seinem Zimmer randaliert, wird der Sicherheitsdienst gerufen. Doch der kann den Mann nicht beruhigen oder unter Kontrolle bringen. Die Polizei kommt hinzu und hat offenbar auch alle Mühe, den Mann zu beruhigen. Barry soll sich mit allen Kräften wehren und auch Sicherheitskräfte bedrohen.
Ibrahima Barry mit Kabelbindern gefesselt
Das Geschehen verlagert sich nach draußen in den Hof. Laut Anklage fallen Schüsse aus einer Taserwaffe der Polizei, dem so genannten Distanzelektroimpulsgerät. Schließlich kann die Polizei den 23-Jährigen überwältigen. Die Polizeibeamten fesseln die Hände von Ibrahima Barry mit Kabelbindern auf dem Rücken. Dann verbinden sie auch seine Füße mit Kabelbindern an den Handschellen und beide Handschellen auch noch miteinander.
Der Vorfall ereignete sich im Flüchtlingsdorf in Mülheim-Saarn
Als Barry in einen Rettungswagen gebracht wird, ist kein Puls mehr feststellbar. Kurze Zeit später ist Ibrahima Barry tot. Laut Staatsanwaltschaft Duisburg tritt bei dem jungen Mann eine Kombination aus einem Herzinfarkt und einem lagebedingten Erstickungstod ein.
Familienmitglieder treten in Duisburg als Nebenkläger auf
Auch die Familie des verstorbenen Ibrahima Barry ist nach Duisburg gekommen. Die Eltern machen einen gefassten Eindruck, die Schwester wird immer wieder von befreundeten Unterstützern in den Arm genommen, sie wirkt emotional sehr mitgenommen.
Die Familie von Ibrahima Barry im Gerichtssaal
Sowohl Eltern als auch Schwester treten als Nebenkläger auf. Die Schwester wird unter anderem vertreten von Rechtsanwältin Lisa Grüter. Nach dem ersten Tag sagt sie: "Wenn man bedenkt, dass ihr Sohn und Bruder ganze 14 Minuten in Bauchlage an Händen und Füßen gefesselt in Obhut der Polizei liegen gelassen wurde, dann habe ich große Hoffnung, dass es ein gerechtes Urteil geben wird".
In dem Prozess will die Staatsanwaltschaft Duisburg klären, ob die neun Angeklagten den Tod von Ibrahima Barry fahrlässig herbeiführten oder ob sie mit Vorsatz handelten.
Zum Prozessauftakt hat der Solidaritätskreis "Justice for Ibrahima Barry" eine Mahnwache vor dem Landgericht organisiert. Die Initiative sammelt seit Monaten Spenden für die Familie. Organisatorin Mika K. übergibt einen Blumenstrauß an den Vater von Ibrahima und spricht ihr Mitleid aus. "Wir möchten einfach nur Solidarität zeigen, dass die Familie weiß, sie ist nicht alleine", sagt sie.
Kritik an Staatsanwaltschaft
Die Unterstützer kritisieren, dass die Polizisten wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung im Amt angeklagt sind. "Wie kann es sein, dass die Polizist:innen nicht für den Tod von Ibrahima vor Gericht stehen? Ibrahima wurde zwei Mal getasert und entmenschlichend am Boden gefesselt, so dass er gestorben ist", sagt Mika K..
Familienangehörige fordern Konsequenzen
Andrea Groß-Bölting ist eine weitere Anwältin der Schwester des verstorbenen Mannes. Sie sieht vor allem in der langen Fixierung des 23-Jährigen in Bauchlage ein Problem: "Die Beamten hätten über die Risiken für einen lagebedingten Erstickungstod Bescheid wissen müssen, sie werden ja regelmäßig geschult", sagt sie.
Vertritt die Schwester des Verstorbenen: Anwältin Andrea Groß-Bölting
Erschwerte Einreise von Familie des Opfers
Bei der Einreise der Familie aus Guinea gab es allerdings Probleme, der Schwester von Ibrahima wurde ein Visum verwehrt. Erst nach einer Klage, einer Petition an den Deutschen Bundestag durch den Solidaritätskreis sowie mit Hilfe der guineischen Botschaft wurde das Visum doch ausgestellt. "Wir halten das für sehr respektlos, dass der Familie die Visa nicht einfach ausgestellt werden", sagt die Sprecherin des Solikreises.
Die 6. große Strafkammer des Landgerichtes Duisburg hat insgesamt zwölf Verhandlungstage bis zum 9. September angesetzt.
Prozess nach dem Tod von Ibrahima Barry
Lokalzeit Ruhr. 24.06.2026. 28:33 Min.. Verfügbar bis 24.06.2028. WDR. Von Nicole Noetzel.
