"Alles Pappenheimer hier", sagt Toto und lacht in die Runde. Sechs Männer in Arbeitskleidung stehen mit heißen Kaffeebechern am Stehtisch vor Heikes Kiosk in Herne. Die meisten kennen sich nur von hier. Trotzdem treffen sie sich fast jeden Morgen an der Bude, ganz ohne Verabredung.
"Es ist nun mal ein Treffpunkt", erklärt Cordula Blanck. Die 47-Jährige steht heute schon seit 5:20 Uhr im Kiosk ihrer Mutter. Bevor die ersten Kunden kommen, müssen der Kaffee gekocht und die Zeitungen sortiert sein. Sobald die Bude öffnet, muss jeder Handgriff sitzen.
Seit über 100 Jahren ist Heikes Kiosk Treffpunkt in Herne
Dass Menschen hier zusammenkommen, hat Tradition. Seit mehr als 100 Jahren steht der Kiosk auf dem Marktplatz im Herner Stadtteil Sodingen. Cordulas Mutter Heike Churcha übernahm die Bude um die Jahrtausendwende. Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz.
Warum Trinkhallen typisch für das Ruhrgebiet sind
Die Trinkhallenkultur des Ruhrgebiets wurde 2021 als Immaterielles Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen anerkannt.
Die ersten Trinkhallen entstanden im 19. Jahrhundert in den Industriestädten des Landes. Sie sollten Arbeiter mit sauberem Mineralwasser versorgen.
Schätzungen zufolge gibt es im Ruhrgebiet noch rund 3.000 bis 5.000 Trinkhallen.
Für Altenpflegerin Sandra gehört der Kiosk seit fast drei Jahrzehnten zum Alltag. Seit 28 Jahren kommt sie vor der Arbeit vorbei. Ihren Kaffee trinkt sie jeden Morgen an derselben Säule im Eingangsbereich. Warum ausgerechnet dort, weiß sie selbst nicht.
Heikes Kiosk in Herne: Ein Stück Heimat im Ruhrgebiet
Cordula erinnert sich noch gut daran, wie Sandra zum ersten Mal an den Kiosk kam: "Damals war sie mit ihrer ersten Tochter schwanger. Heute sind zwei ihrer drei Töchter schon verheiratet", erzählt sie. "Das ist schön, wenn du im Laufe der Jahre die Kinder und die Kindeskinder siehst, die hier kaum über die Theke gucken können und schreien: 'Ich will mein Bonbon.'"
Auch Cordula selbst ist mit dem Kiosk groß geworden. Schon ihre Großmutter arbeitete hier. Irgendwann zog es sie weg aus Sodingen. Vor zehn Jahren kehrte sie nach ihrer Trennung zurück und fand am Kiosk ihrer Mutter wieder Ruhe.
"Das Ruhrgebiet ist für mich nach Hause kommen. Diese Herzlichkeit der Menschen, gerade hier in Sodingen." Cordula Blanck
"Typisch Ruhrgebiet"
Heute ist Cordula für viele Stammgäste genauso selbstverständlich wie der morgendliche Kaffee. "Cordula ist 'ne Töfte, die einfach nicht auf den Mund gefallen ist und die auch mal so 'nen lockeren Spruch drückt. Typisch Ruhrgebiet halt", sagt Stammgast Max.
Ob sie den Kiosk eines Tages übernehmen wird, weiß Cordula noch nicht. Fest steht dagegen: Morgen früh stehen hier wieder dieselben "Pappenheimer" zwischen Kaffee und Kippe zusammen.
Alle Beiträge aus dieser Serie:
Unsere Quellen:
- Eindrücke des WDR-Reporters vor Ort
- Interview mit Cordula Blanck
- Gespräche mit Stammgästen am Kiosk
- Informationen von Ruhr Tourismus GmbH
Sendung: WDR.de, So tickt NRW - Morgens bei Heikes Kiosk in Herne, 03.08.2026, 12:42 Uhr