Schiedsrichter üben den Ernstfall

WDR 03:22 Min. Verfügbar bis 11.07.2028

Zwischen Pfiff und Wut Schiedsrichter üben den Ernstfall

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Beleidigt, bedrängt, bedroht: Schiedsrichter trainieren in Kamen für schwierige Situationen im Fußball.

Samstagvormittag, SportCentrum Kaiserau in Kamen, Raum Dortmund/Bochum: 16 Schiedsrichter sitzen im Kreis und schauen gespannt zu Reinhard Zumdick. Zumdick ist 63 Jahre alt, ehemaliger Polizist und Experte für Deeskalation. Zusammen mit seinen Kollegen Ulrich Rentsch und Thorsten Schwarz will er heute den Schiedsrichtern zeigen, wie sie auf dem Fußballplatz sicher bleiben können.

Stabiler Stand, Abstand und Kommunikation auf Augenhöhe sind wichtig

"Die meisten Schiedrichter, die attackiert worden sind, die sind entweder oben weggestoßen worden, auf der anderen Seite sind es Backpfeifen oder Faustschläge ins Gesicht", referiert Zumdick. Entsprechend lernen die Schiedrichter einen sicheren und stabilen Stand, genug Abstand zu den Spielern, aber auch Methoden, ihren Kopf zu schützen.

Drei Männer mit Namensschildern stehen für ein Gruppenfoto nebeneinander und halten sich in den Armen.

Deeskalationstrainer Reinhard Zumdick, Ulrich Rentsch und Thorsten Schwarz (v.l.n.r.)


Dazu wiederholen die Trainer auch immer wieder, wie wichtig es ist, richtig auf dem Fußball-Platz zu kommunizieren. "Wichtig ist, dass ich das mit einer Ich-Botschaft rüberbringe", macht Zumdick deutlich. "Kommen Sie mir bitte nicht näher, ich habe das nicht so gerne", ist etwas anderes als "Du bleibst da jetzt stehen!" Die Schiedsrichter sollen souverän auftreten, aber nicht aggressiv auf die Spieler zugehen und sie damit womöglich provozieren.

"Schon alles erlebt - von langweilig bis hitzig"

Einer der gespannt zuschaut, ist Jonas Gemmeker. Er ist zwar erst 15 Jahre alt, aber schon seit zwei Jahren Schiedsrichter für den VfL Gennebreck in Sprockhövel. "In den zwei Jahren habe ich alles erlebt. Von langweiligen Spielen bis zu hitzigen Spielen. Von Spielern, die noch was in der Kabine von mir wollten, aber auch Rudelbildung nach dem Spiel", fasst Jonas zusammen.

Ein Sohn hält seinen Vater im Arm. Beide tragen Sporttrikots.

Jonas und Frank Gemmeker sind beide Schiedrichter für den VfL Gennebreck.

Heute ist er gemeinsam mit seinem Vater Frank hier im SportCentrum in Kamen. Der ist ebenfalls Schiedrichter für Gennebreck. Beide lieben ihr Hobby, wollen auf dem Platz aber auch nichts riskieren. Manche die hier sind haben schon kritische Situationen auf dem Fußballplatz erlebt, bei vielen war es aber auch ruhig. Und das möchte Trainer Reinhard Zumdick auch klarstellen.

Übergriffe sind nach wie vor die Ausnahme, nicht die Regel

"Die Übergriffe auf Schiedsrichter, die passieren, sind nach wie vor nicht an der Tagesordnung. Es passiert immer wieder, aber wir wollen das auch nicht so dramatisieren, dass sich jeder Schiedsrichter jeden Sonntag Gedanken machen muss", stellt Zumdick klar. "Die Statistiken geben nicht her, dass es deutlich ansteigt", so Zumdick weiter, aber:

"Die sind auf einem gleichbleibenden Niveau und das Niveau ist zu hoch". Reinhard Zumdick

Zahlen des Deutschen Fußball-Bundes aus dem vergangenen Jahr zeigen sogar einen leicht rückläufigen Trend bei Gewalt- und Diskriminierungsvorfällen. In der Saison 2024/2025 wurden in dem Bereich 829 Spielabbrüche registriert. Und damit weniger als im Jahr davor. Der Fußball in Westfalen liegt dabei im bundesweiten Trend.

Großes Angebot des FLVW zur Prävention

Der Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW) bietet seit Jahren schon ein vielfältiges Präventionsangebot an. Von einer Anlaufstelle für Gewalt- und Diskriminierungsvorfälle, über Initiativen zu dem Thema im Jugendfußball bis eben hin zu den Deeskalationstrainings für Schiedsrichter.

Darüber hinaus bietet der Verband auch Schulungen für Ordnungsdienste an. Denn was bei den rückläufigen Zahlen von Gewalt auf dem Platz auffällig ist: Gestiegen ist die Zahl der Zuschauer, die bei den Vorfällen als Beschuldigte gemeldet werden.

"Es ist entscheidend in Konflikten, dass ich in erster Linie auf den Abstand achte. Ich darf meinem Gegenüber nicht die Chance geben, spontan zu reagieren, aus Wut oder einem Impuls heraus." Reinhard Zumdick, Deeskalationstrainer und ehemaliger Polizist

Jeder Teilnehmer nimmt hier was mit

Ach davor müssen sich die Schiedsrichter schützen. Und so werden in Kamen viele Situation besprochen und auch simuliert. Wie bereite ich mich am besten auf ein Hochrisikospiel vor und wie geht es bei einer Rudelbildung zu? Jeder der 16 Schiedrichter will in Zukunft etwas mit auf den Platz nehmen, was er hier gelernt hat. So auch Jonas Gemmeker: "Ich stand bei persönlichen Strafen bisher sehr nah an den Spielern. Das will ich jetzt umstellen."

Ein Mann hebt seine beiden Arme hoch, im Hintergrund sitzen zwei Männer an einem Tisch.

Deeskalationstrainer Ulrich Rentsch zeigt den Teilnehmern auch Übungen zur Entspannung.


Der FLVW bietet die Deeskalationstrainings regelmäßig für seine Schiedrichter und Schiedsrichterinnen an. An diesem Samstag sind in SportCentrum Kamen nur Männer bei dem Lehrgang, das ist aber eine Ausnahme. Normalerweise sind auch regelmäßig Frauen dabei. Und die dürfen sich manchmal auf dem Fußballplatz noch ganz andere Sachen anhören als ihre männlichen Kollegen.

Unsere Quellen:

  • Gespräche des WDR-Reporters vor Ort mit Trainern und Teilnehmern
  • Offizielle Mitteilungen des DFB und des FLVW

Sendung: WDR.de, Schiedsrichter üben den Ernstfall, 08.07.2026, 14:00 Uhr

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