Kinderschutzambulanzen am Limit und unterfinanziert

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Lokalzeit aus Dortmund 28.08.2025 03:13 Min. Verfügbar bis 28.08.2027 WDR Von Christof Voigt

Kinderschutzmediziner schlagen Alarm: Ambulanzen am Limit und unterfinanziert

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Die Deutsche Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin (DGKiM) mit Sitz in Datteln schlägt Alarm. Kinderschutzambulanzen seien am Limit und chronisch unterfinanziert, betreuungsintensive Fälle etwa bei schwerer und sexualisierter Gewalt gegen Kinder nehmen zu, die Politik müsse dringend für eine geregelte Finanzierung von medizinischem Kinderschutz sorgen.

Von Christof Voigt

Der siebenjährige Eugen sitzt mit gesenktem Blick in einem der Spiel- und Behandlungszimmer der Dattelner Kinderschutzambulanz. Sein rechter Arm ist gebrochen. Den hat sich der Junge aber nicht beim Handball gebrochen, so wie das sein Vater sagt.

Der Bruch sieht eher so aus, als ob ihm der Arm durch äußere Gewalt gebrochen worden wäre. Jetzt muss dieser Verdacht vom Team der Kinderschutzambulanz, Ärztinnen, Heil- und Sozialpädagoginnen und Psychologeninnen, "abgeklärt" werden. Das kann Wochen, manchmal Monate, dauern, denn wo Knochen gebrochen werden, brechen auch die Seelen der Kinder.

Etwa 1.000 Fälle jährlich in Datteln

"Wir können hier Patienten bis achtzehn Jahre untersuchen, in erster Linie sind es aber jüngere Patienten", sagt die Leiterin der Dattelner Kinderambulanz, Dr. Tanja Brüning. Eugen ist ein fiktives Beispiel. Die 1.000 kleinen Patientinnen und Patienten, die Dr. Brüning mit ihrem Team hier jährlich untersucht und behandelt, sind es nicht.

Frau steht auf der rechten Seite in einem Türrahmen und links ist ein Schild für die Raumbeschreibung

Dr. Tanja Brüning leitet die Kinderschutzambulanz in Datteln.

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Die Kinder werden von Jugendämtern, niedergelassenen Ärzten oder Krankenhausambulanzen aus dem ganzen Ruhrgebiet, aber auch aus dem Münsterland und dem Rheinland, hierher geschickt.

Die Fälle sind unterschiedlich: "Äußere Verletzungen, die nicht ganz schlüssig sind, wo Aussage gegen Aussage steht. Verdacht auf Vernachlässigung. Aber auch ganz viele Kinder mit Verdacht auf sexuelle Gewalt", sagt Dr. Brüning. Gerade die schweren Fälle würden zunehmen, das benötige viel Zeit und entsprechendes Personal.

Starker Anstieg der körperlichen Misshandlungen

Eine Entwicklung, die die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes bestätigen. Das größte Plus gibt es bei Fällen, in denen es einen Verdacht auf körperlichen Misshandlungen gab. Von 6.349 im Jahr 2023 sind sie 2024 auf 7.375 gestiegen.

Auch Vernachlässigungen, Überforderungen der Eltern und psychische Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen haben deutlich zugenommen.

Die meisten dieser Fälle müssen in Einrichtungen wie der Dattelner Kinderschutzambulanz untersucht werden, um den Grad der Misshandlungen festzustellen: "Es gibt sehr viele Kinder und sehr viele Familien, die Hilfe und eine gute Abklärung brauchen und das können wir nicht alleine leisten", sagt Dr. Brüning.

"Es gibt einen ganz dringenden Bedarf, dass es mehr Institutionen gibt, wie unsere." Dr. Tanja Brüning, Leiterin Kinderschutzambulanz Datteln

Brüning ist gleichzeitig auch Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin (DGKiM). Die bemängelt bei der Bundesregierung seit mittlerweile zweieinhalb Jahren eine chronische Unterfinanzierung von Kinderschutzambulanzen.

Wer bezahlt Kinderschutz?

Eine kostendeckende Abrechnung für die medizinische Betreuung von misshandelten oder missbrauchten Kindern sei oft kompliziert bis unmöglich, viele medizinische Leistungen in Kinderschutzambulanzen können gar nicht mit den Krankenkassen abgerechnet werden.

Warteraum mit einer Überwachungskamera auf der linken Seite des Bildes

Der Bedarf an Betreuung in den Kinderschutzambulanzen steigt.

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Das liege daran, dass die "Abklärung Kinderschutz" noch nicht in der Regelversorgung des Sozialgesetzbuches verankert sei: "Das muss sich ganz dringend ändern", sagt die Vorsitzende der DGKiM.

Die fordert seit 2022 eine flächendeckende Regelfinanzierung von Kinderschutzambulanzen und Kinderschutzgruppen und hat auch die aktuelle Bundesregierung mit zwei Stellungnahmen, die dem WDR vorliegen, unterrichtet: "Wir möchten uns gerne beteiligen mit unserem Wissen, damit die Jüngsten und Schutzbedürftigsten geschützt sind", sagt Dr. Brüning. Bisher gibt es noch keine Antwort aus Berlin. Auch eine WDR-Anfrage an das Bundesgesundheitsministerium ist bislang unbeantwortet geblieben.

Kinderschutzambulanz auf Spenden angewiesen

Buntstifte in einem Glas auf einem Tisch und Knete im Hintergrund

Die Kinderschutzambulanzen sind auf Spenden angewiesen.

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Die unsichere Finanzierung führt dazu, dass viele Kinderschutzambulanzen und -häuser in Deutschland echte Finanzierungsnot haben. In der Kinderschutzambulanz Datteln gelingt es nur "mit viel Mühe 80 Prozent der Personalkosten über viele Anträge und über Förderungen sicherzustellen. Aber 20 Prozent bleiben über, die man dann eben nicht mehr beantragen kann."

Das sind in Datteln jedes Jahr etwa 100.000 Euro. Die müssten dann über Einzelspenden finanziert werden, erzählt Dr. Brüning.

"Können das Angebot nicht mehr aufrecht erhalten"

Für Madeleine Zippro vom Lüner Netzwerk "Frau e.V." ist das ein Armutszeugnis. Die Rechtsanwältin arbeitet auch als sogenannte "Anwältin des Kindes", also als Verfahrensbeistand für Kinder in juristischen Prozessen.

"Eigentlich sind wir ein reiches Land. Da müsste Unterstützung möglich sein und sie ist auch notwendig." Madeleine Zippro, Netzwerk "Frau e.V."

Zippro findet es erschreckend, dass die Finanzierung von Kinderschutzambulanzen auf Spenden angewiesen ist.

Noch bekommen die Kinder Hilfe in Kinderschutzambulanzen. Das gehe aber nicht mehr lange gut, warnt Tanja Brüning. Werde die Finanzierung des medizinischen Kinderschutzes nicht klar geregelt, "dann können wir das Angebot so nicht mehr aufrecht erhalten."

Notruf der Kinderschutzambulanz in Datteln: Am Limit und unterfinanziert

WDR Studios NRW 28.08.2025 00:51 Min. Verfügbar bis 29.08.2027 WDR Online

Unsere Quellen:

  • Interview mit Dr. Tanja Brüning, Leiterin der Kinderschutzambulanz Datteln und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin
  • Gespräch mit Madeleine Zippro vom Netzwerk Frau e.V.
  • Stellungnahme der DGKiM zum Koalitionsvertrag der 21. Legislaturperiode vom 14.04.2025
  • Stellungnahme der DGKiM zum Koalitionsvertrag der 21. Legislaturperiode vom 21.07.2025

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