Ob Bergbau oder Stahlwerk: Die Arbeit im Ruhrgebiet war hart und oft gefährlich. Für die Familien kamen zu dem emotionalen Schlag oft noch finanzielle Probleme: Die Beerdigungskosten konnten schnell existenzgefährdend werden.
Um ihre Familien zu schützen, sammeln Arbeiter und Bergleute häufig gemeinsam Geld in Sterbegeldkassen - jeder, der einzahlt, bekommt im Falle seines Todes Geld für die Beerdigung und andere Kosten. Sterbekassen gibt es schon länger und an vielen Orten - im Ruhrgebiet ballen sich die Kassen aber besonders.
Sterbekassen entlasten die Angehörigen
"Da war die Sterbekasse das erste Licht am Ende der Straße" sagt Paul Wessling vom Deutschen Sterbekassenverband. "Die einem Luft verschafft hat, weil man die Bestattungskosten nicht selber tragen musste."
Aber nicht nur Bergleute, auch Arbeiter in anderen Industriezweigen organisieren sich in solchen Kassen. So wird im Frühjahr 1923 die "Sterbegeld-Beihilfe" des Eisen- und Stahlwerks Hoesch auf der Dortmunder Westfalenhütte gegründet.
Sterbegeldkassen wachsen im Ruhrgebiet
Was im kleinen Kreis beginnt, wird schnell größer. In Dortmund machen schon ein Jahr nach der Gründung rund 300 Menschen mit. Das Prinzip ist einfach: Stirbt ein Mitglied, zahlen alle anderen je eine Reichsmark an die Angehörigen.
Heute sind 110.000 Menschen hier versichert - statt im Todesfall Geld einzusammeln, ist es jetzt eine Versicherung, die Beiträge einzieht und Sterbegeld auszahlt: die Vorsorgekasse Hoesch. Wie alle Sterbegeldkassen ist sie ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit - das heißt: Sie finanziert sich über die Beiträge der Mitglieder und besorgt sich kein fremdes Kapital.
Ähnlich entwickeln sich die meisten der Sterbekassen. "Viele Sterbekassen sind lange Zeit Bestandteil der Konzerne gewesen, bevor sie sich denn verselbstständigt haben über den Markt", erklärt Paul Wessling vom Deutschen Sterbekassenverband. Heute gibt es rund 30 Sterbekassen mit überregionaler Bedeutung.
Sterbekasse aus Bochum insolvent
Bildquelle: WDRWDR. 04.08.2026. 02:02 Min.. Verfügbar bis 03.08.2028. WDR Online.
Spezielles Versicherungsmodell birgt auch Risiken
Das spezielle Versicherungsmodell bietet einen wichtigen Vorteil: Alle erwirtschafteten Gewinne gehen direkt an die Versicherten oder in die Rücklagen des Vereins.
Es hat aber auch einen Nachteil: Die Versicherung kann nicht auf fremdes Kapital zugreifen, um Rücklagen zu bilden. Das geht nur, indem Gewinne aus den eingehenden Beiträgen erwirtschaftet werden.
Zum Problem wurde das jetzt möglicherweise für die Bochumer Sterbekasse: Die machte Millionenverluste durch Immobilieninvestitionen. Und hatte dann keine Möglichkeit, sich kurzfristig neues Eigenkapital zu besorgen. Die Folge: Die Finanzaufsicht entzieht ihr 2026 die Lizenz und die Versicherten bangen um ihre Gelder.
"Das ist eine besondere emotionale Bindung"
Die Geschichte der Sterbekassen ist eng mit der Geschichte der Region verbunden. "Das ist eine besondere emotionale Bindung", so Wessling. "Weil damit ja auch ein Arbeitsleben verbunden war und viele Sterbekassen ja auch der Selbstverwaltung durch die Arbeitnehmer, sprich die Versicherten, gegründet worden sind."
Die Sterbekassen sind lange ein Teil der gelebten Kameradschaft und Solidarität unter Arbeitern und Bergleuten. Entsprechend schwer fällt den Beteiligten oft der Abschied, wenn kleinere Kassen sich nicht mehr halten können.
Viele kleine Vereine verschwinden
Teils werden der bürokratische Aufwand und die Kosten zu hoch - vor allem für kleine Kassen mit wenigen hundert Mitgliedern. Oder es fehlen Ehrenamtler: "Wenn kein Vorstand mehr da ist, dann gibt es in der Regel zwei Möglichkeiten", so Christian Hanf, ebenfalls vom Deutschen Sterbekassenverband. "Entweder sie lösen auf und zahlen das Guthaben aus oder sie suchen eine größere Einheit."
Viele kleinere Kassen gehen deshalb in größeren Versicherungen auf. Dazu gehören dann zum Beispiel die Bochumer Sterbekasse oder die Vorsorgekasse Hoesch. Letztere hat im Laufe der Jahre 25 andere Kassen übernommen.
Das muss nicht schlecht sein: "Je professioneller die Kasse geführt wird, desto sicherer ist es in der Regel für die Mitglieder", so Hanf. Im Vergleich zu den großen Versicherungen sind die Sterbekassen immer noch direkter mit ihren Mitgliedern verbunden, auch wenn sie ihren ursprünglichen Charakter zunehmend verlieren.
Unsere Quellen:
- Vorsorgekasse Hoesch Dortmund
- Interview mit dem Vorstand des Deutschen Sterbekassenverbands
Sendung: WDR Hörfunk, WDR 5-Nachrichten, 12.30 Uhr, 04.08.2026