Sie hat Jahrzehnte eingezahlt und wähnte sich sicher: Ursula Schubert aus Essen hat etwa 2.000 Euro auf dem Konto ihrer Sterbekasse, dem Bochumer Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit (BVaG). Eigentlich bekommt sie jedes Jahr eine Abrechnung, doch dieses Jahr nicht.
"Da stimmt doch schon wieder was nicht", befürchtete die 76-Jährige und klemmt sich hinter die Sache. Erst als sie beim Bochumer Versicherungsverein anruft, erfährt sie, dass der wohl aufgelöst wird.
Ursula Schubert geht es gesundheitlich gut und eigentlich denkt sie noch nicht ans Sterben. Trotzdem war sie immer beruhigt, dass es da Rücklagen gibt, für den Fall der Fälle. Sie möchte ihre Tochter nicht mit den Kosten belasten, denn eine Beerdigung ist teuer. Deshalb hat sie schon früh vorgesorgt.
Sterbekassen - im Ruhrgebiet eine Tradition
Die 76-Jährige ist ein Kind des Ruhrgebiets. Schon mit acht Jahren haben ihre Eltern sie bei einer Sterbekasse angemeldet, damals noch die St. Anna. Das war im Pott Gang und Gäbe, besonders unter den Familien der Bergleute und Stahlarbeiter. Beschäftigte gründeten vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts diese Kassen.
Sie arbeiteten oft in gefährlichen Bereichen und wollten die eigenen Beerdigungskosten absichern können. Im Laufe der Jahre wurden viele kleine Sterbekassen, wie die St. Anna, auf den Bochumer Versicherungsverein übertragen. Daraus wurde eine der größten Sterbekassen des Landes mit rund 120.000 Mitgliedern.
Niedrige Beiträge in Sterbekasse
Besonders reizvoll waren die niedrigen Beiträge für viele Mitglieder. Ursula Schubert zahlte nur sechs Euro jährlich ein. In fast 70 Jahren 400 Euro. Weil die damalige Kasse, St. Anna, das Geld immer gewinnbringend anlegte, lag die Versicherungssumme mittlerweile bei fast 2.000 Euro.
Die erwirtschafteten Gewinne wurden solidarisch auf alle Mitglieder verteilt. Deshalb spricht man von einer Solidargemeinschaft. 2021 wurde die St. Anna von der BVaG übernommen. Schon damals war Ursula Schubert unzufrieden, wie mit den Kunden umgegangen wurde. Es gab nämlich Kürzungen des Sterbegeldes wegen finanzieller Schieflage, von der die Kundin erst Jahre später erfuhr.
Baukostenexplosion, Corona und Inflation
In den vergangenen Jahren investierte die Bochumer Sterbekasse dann vermehrt in Pflegeheime und Immobilien. Doch die Geschäfte entwickelten sich nicht, wie erhofft. Investments, die die Geschäftsführer für krisensicher hielten, machten riesige Verluste in zweistelliger Millionenhöhe. Die Bochumer Sterbekasse musste Ende 2025 die Reißleine ziehen und meldete sich bei der Bundesanstalt für Finanzaufsicht (Bafin), so Vorstand Jan Kratel.
Neugeschäft untersagt - Lizenzentzug
Die Finanzaufsicht hat einer der größten Sterbekassen des Landes das Neugeschäft untersagt. Wegen der hohen Verluste weist die vorläufige Bilanz des BVaG einen Fehlbetrag aus, der nicht gedeckt ist. Der Versicherungsverein kann deswegen die Mindestkapitalanforderung nicht erfüllen.
Keine neuen Geschäfte bedeutet für die Kasse, dass die Abwicklung ansteht. Aber was bedeutet das für die bestehenden Kunden? Das interessiert Ursula Schubert und die 120.000 anderen Mitglieder brennend. Vor allem, weil bisher keine Briefe rausgegangen sind.
Vorstand beruhigt Mitglieder
Vorstand Jan Kratel möchte betonen: "Das heißt nicht, dass der BVaG pleite ist. Wir sind zahlungsfähig, alle Sterbegelder werden ausgezahlt. Und alle Verträge und Mitglieder werden weiter ordnungsgemäß betreut." Ja, es werde Kürzungen geben. Das an sich ist noch nicht beruhigend, stimmt. "Aber aktuell sprechen wir von einem kleinen Teil der Mitglieder, auf den möglicherweise Kürzungen für das Bonussterbegeld zukommt.", erklärt Kratel.
"Wir werden alle anschreiben." Jan Kratel, Vorstand
Alle garantierten Sterbegelder seien nach derzeitigen Stand sicher. Für einen kleinen Prozentsatz könne es aber Kürzungen von Bonussterbegeldern geben. Wer in welcher Höhe betroffen ist, steht noch nicht fest. Das Team müsse sich noch einen genauen Überblick verschaffen und schreibe die Mitglieder dann an, so der Vorstand.
Alle Verträge im Bestand werden weiterhin betreut und ordnungsgemäß abgewickelt. Übrigens geht es nicht nur dem Bochumer Versicherungsverein schlecht. Viele der Sterbekassen seien laut Finanzaufsicht in den vergangenen Jahren geschrumpft und nicht zukunftsfähig. Ursula Schubert hofft, dass sie nicht so stark von den Kürzungen betroffen ist.
Lizenzentzug für Bochumer Sterbekasse
Bildquelle: WDR/Jennifer KerkhoffWDR. 04.08.2026. 00:51 Min.. Verfügbar bis 03.08.2028.
Unsere Quellen:
- Interview mit Ursula Schubert
- Interview mit Jan Kratel, Vorstand des BVaG
- Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht
Sendung: WDR.de, Lizenzentzug für Bochumer Sterbekasse, 04.08.2026, 7:26 Uhr