Rainer Kimmig ist Direktor der Abteilung für Frauenheilkunde im Essener Universitätsklinikum. In einem Interview mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) sagt er, dass er sich aus Gewissensgründen weigere, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen.
"Ich könnte nicht damit leben, das auch nur einmal gemacht zu haben." Prof. Dr. Rainer Kimmig, Universitätsklinikum Essen
Für ihn sei das eine Frage der Ethik - so der Mediziner weiter. Religiöse Gründe für seine Entscheidung habe er nicht. Er würde sich auch weigern, Sterbehilfe zu leisten. Beratungsstellen im Essener Uniklinikum geben an, dass sie Frauen, die ihr Kind abtreiben lassen wollen, helfen, andere Kliniken zu finden. Für die werden dann allerdings die Wege deutlich länger.
Uniklinik akzeptiert Kimmigs Überzeugung
Die Universitätsmedizin Essen stellt in einer Stellungnahme vom Dienstag klar, dass es sich bei Kimmigs Haltung um seine persönliche Überzeugung handele. Diese sei in den rund 25 Jahren seiner Tätigkeit akzeptiert worden.
Zugleich verweist das Klinikum auf die rechtliche Lage: Öffentliche Krankenhäuser seien in Deutschland nicht verpflichtet, Schwangerschaftsabbrüche anzubieten. Nach dem Schwangerschaftskonfliktgesetz sei zudem kein medizinisches Personal gezwungen, an einem Abbruch mitzuwirken.
Beratungsstelle: Auswirkungen auf die Versorgung in der Region
In diesem Zusammenhang kritisiert aber die Leiterin einer zentralen Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle der AWO in Essen, zu welchen Auswirkungen die Haltung des Chefarzts führe: "In Essen bedeutet das aber, dass aufgrund der persönlichen Einstellung des Klinikdirektors praktisch keine Abbrüche an der Uniklinik durchgeführt werden", so Leiterin Nicola Völckel gegenüber der WAZ.
Sie kritisiere daher, dass die Uniklinik als Maximalversorger und staatlich finanziertes Krankenhaus diese wichtige medizinische Leistung nicht erbringe und dies Probleme für die Versorgung in der gesamten Region mit sich bringe.
Diskussion um Abtreibungen in Essen: Protest vor Klinikum
Das Netzwerk "FIVE - Feminismus, Intersektionalität und Vielfalt in Essen“ hat am Nachmittag vor dem Uniklinikum gegen die Aussagen Kimmigs protestiert. Das ganze sei auch ein Versorgungsproblem, sagt Rebekka Höch, die für FIVE den Protest angemeldet hat.
Ungefähr 800 Frauen pro Jahr würden in Essen allein bei der AWO einen Beratungsschein nach einem Gespräch zu einem Schwangerschaftsabbruch bekommen, so Höch gegenüber dem WDR. Es gäbe aber nur eine Praxis in Essen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführe: "Da klingeln die Frauen jetzt Sturm". Nach Angaben des Netzwerkes Doctors for Choice Germany, das sich für das Recht auf Abtreibungen einsetzt, gibt es noch eine weitere Praxis in Essen, die entsprechende Eingriffe durchführt.
Kritik kommt auch von der Initiative "Medical Students for Choice" - Medizinstudierende für Wahlfreiheit. Eine Sprecherin fragt, wie es sein könne, dass eines der größten Krankenhäuser in NRW - noch dazu ein aus öffentlichen Geldern bezahltes - einen solchen Eingriff ablehnt?
Kritik auch Thema im Gesundheits- und Sozialausschuss
Die SPD-Fraktion des NRW-Landtages hat das Thema heute im Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales diskutiert. Mitglied darin ist die Castrop-Rauxeler SPD-Abgeordnete Lisa Kapteinat, die das Thema mitgebracht hatte.
"Wir wissen, dass immer mehr Ärztinnen und Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen haben, in den Ruhestand gehen. Wir hören von immer mehr Studierenden, dass sie Probleme haben, überhaupt noch in der Praxis diesbezüglich ausgebildet zu werden. Dieses Wissen darf in Deutschland nicht verloren gehen." Lisa Kapteinat, SPD-Landtagsabgeordnete und Mitglied im Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales
Von der Uniklinik Essen als Landesklinik müsse man eine entsprechende ortsnahe Versorgung für betroffene Frauen erwarten können, so die Politikerin im WDR-Interview.
Nach 25 Jahren Ruhestand
Im Juli 2026 wird der Gynäkologe Rainer Kimmig planmäßig in den Ruhestand gehen. Die Universitätsmedizin Essen kündigt an, zukünftig entsprechend des staatlichen Versorgungsauftrags Schwangerschaftsabbrüche in allen Indikationen im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben anzubieten.
Essener Mediziner lehnt Abtreibungen ab
Bildquelle: picture alliance / Horst OssingerWDR. 20.05.2026. 00:46 Min.. Verfügbar bis 19.05.2028.
Unsere Quellen:
- WAZ
- WDR-Interview mit Lisa-Kristin Kapteinat, SPD-Landtagsabgeordnete und Mitglied im Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales
- WDR-Interview mit Rebekka Höch, Netzwerk "FIVE - Feminismus, Intersektionalität und Vielfalt in Essen“
- Stellungnahme der Uni-Klinik Essen
Sendung: WDR.de, Essener Gynäkologe lehnt Abtreibung ab, 20.05.2026, 05:05 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Ruhr, 20.05.2026, 19:30 Uhr
Kommentare zum Thema
Die genannte Beratungsstelle existiert seit circa 30 Jahren in der Frauenklinik und hat sich zu dem Thema nicht geäußert. Jetzt wird auf einen fahrenden Zug aufgesprungen. Das lässt tief blicken.
Interessant wie hier vor allem die Männer dem Mann „beistehen“ und „beipflichten“ ohne dabei die vielzähligen und vielfältigen Gründe für FRAUEN eine Abtreibung durchführen zu lassen (lassen zu müssen) in den Blick zu nehmen. Es wird Zeit, dass Frauen hier die Entscheidung treffen, denn die sind es, die hier betroffen sind.
Herr Kimmig darf ruhig für sich diese Meinung haben. Es stellt sich dann nur die Frage, ob er als Frauenarzt den richtigen Job gewählt und als ärztlicher Direktor an der richtige Stelle sitzt. Ich halte es für extrem schwierig, wenn er als Mann Entscheidungen über das Leben von Frauen trifft und mit den Konsequenzen aus seinen Entscheidungen nicht leben muss.