Schlechte Noten im Zeugnis : Was Eltern jetzt besser nicht tun sollten
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Bis Freitag erhalten Schülerinnen und Schüler in NRW ihr Zeugnis. Nicht für alle ist das Grund zur Freude. Wie sollten Eltern mit schlechten Noten ihrer Kinder umgehen? Ein Interview mit dem Pädagogen und Schulberater Detlef Träbert.
Zur Ausgabe der Schulzeugnisse suchen viele Eltern in NRW wieder Rat beim "Zeugnistelefon" der Bezirksregierungen oder bei den schulpsychologischen Diensten der Kommunen. Es geht um Rechtliches wie die Versetzung, aber auch um Psychologisches wie den Umgang mit schlechten Schulnoten.
Was sollten Eltern besser vermeiden, wenn ihr Kind mit einem Schulzeugnis nach Hause kommt, das enttäuschende Noten enthält? Auf jeden Fall gelassen bleiben und am besten trotzdem feiern, sagt im Interview der Kölner Detlef Träbert, Pädagoge, Schulberater und Autor von Büchern wie "Schulerfolg ist lernbar".
WDR: Wenn jetzt die Kinder ihre Schulzeugnisse nach Hause bringen, werden so manche Eltern mit einer Note 5 überrascht. Auch die 3 in Mathe macht viele nicht froh. Da kann man doch schon mal sauer sein, oder nicht?
Detlef Träbert: Auf das Kind sauer zu sein, ergibt keinen Sinn. Eine emotionale Reaktion wie Wut hat überhaupt keine positive Wirkung. Sie wird die Situation nur belasten.
Detlef Träbert, Pädagoge und Schulberater
Bildquelle: privatWas in so einer Situation immer ganz hilfreich ist: Wenn man sich in die Perspektive des Kindes versetzt und fragt: Wie geht es dir? Wie findest du dein Zeugnis? Bist du zufrieden? Dann kommt man in ein Gespräch, das ganz anders verläuft. Wenn man seine eigenen Emotionen erst einmal zurückstellt, kann das Kind erst mal seine eigenen Emotionen verarbeiten.
Wenn ich frage: Wie geht es dir mit deiner 4 oder 5? Dann könnte es sein, dass ein Kind anfängt zu weinen und erzählt, dass es sich ungerecht benotet fühlt oder dass der Lehrer einen nicht leiden kann oder dass es immer wieder Ärger im Unterricht gab oder Ähnliches, von dem man vorher vielleicht gar nichts mitbekommen hat. Danach kann man dann zur Überlegung übergehen: Wie kann man daran arbeiten, dass es in Zukunft besser wird?
WDR: Sollte dieses Gespräch, wie es in Zukunft besser laufen kann, am besten gleich sofort erfolgen?
Träbert: Ich kenne Eltern, die gehen mit ihren Kindern am Tag der Zeugnis-Ausgabe erst mal gemeinsam essen. Sie feiern, dass das Schuljahr zu Ende ist - ganz unabhängig davon, wie das Zeugnis ausgefallen ist. Das ist natürlich eine ganz prima Reaktion, weil die Kinder dann genau wissen: Das Zeugnis muss mich nicht belasten. Ich muss nicht mit einem schlechten Gewissen nach Hause gehen, wenn ich nicht die besten Noten habe. Dann können sie sehr viel leichter mit ihren Erfolgen, aber auch mit ihren Misserfolgen umgehen.
Die konkreten Schlussfolgerungen, ob man fürs nächste Schuljahr Nachhilfe oder eine Lerngruppe organisiert oder wie auch immer man das praktisch handhaben will, dass sich die Leistungen verbessern, das kann man auch später besprechen.
WDR: Andererseits beginnen für die Kinder mit der Zeugnis-Ausgabe ja die Sommerferien - viel Zeit zum Lernen! Sollten die da nicht gleich ranklotzen, um aufzuholen?
Träbert: Kinder brauchen ihre Ferien. Die sind am Ende des Schuljahres ausgelaugt, ähnlich wie die Lehrer auch. Natürlich haben manche Nachprüfungen, damit sie doch noch versetzt werden. Da muss man sich überlegen, welche Zeit der Ferien man für das Lernen verwenden will. Aber im Allgemeinen sollten Kinder während der Ferien Urlaub haben und einfach die Zeit genießen.
Wenn es sinnvoll und nötig erscheint, kann man vielleicht am Ende der Sommerferien eine Woche oder maximal zwei Wochen nutzen, damit sich das Kind ein bisschen vorbereitet auf das nächste Schuljahr und in den Bereichen, in denen es schlechte Noten erhalten hat, ein bisschen nachlernt.
Wenn ein Kind keinen Bock hat, dann macht es wenig Sinn, es in den Ferien zu zwingen, sich mit schulischem Stoff auseinanderzusetzen. Detlef Träbert, Pädagoge
WDR: Es gibt doch aber auch Schulhefte, in denen die Kinder in den ganzen Schulferien ein bisschen arbeiten könnten. Ist das nicht sinnvoll?
Träbert: Also wenn das Kind das möchte, dann wäre ich der Letzte, der sagt: Du darfst jetzt nichts für die Schule tun. Das ist klar. Aber wenn ein Kind keinen Bock hat, dann macht es wenig Sinn, es in den Ferien zu zwingen, sich mit schulischem Stoff auseinanderzusetzen. Das wird seine Motivation nämlich langfristig kaputt machen. Wenn Kinder sich in den Ferien mit Spaß erholen, dann können sie sich während der anstrengenden kommenden Schulwochen wieder besser konzentrieren und motivierter arbeiten.
WDR: Und was lässt sich sonst noch tun, um das Kind fürs Lernen im nächsten Schuljahr zu motivieren?
Träbert: Motivieren ist immer eine sehr schwierige Sache, weil Motivation etwas ist, was in einem selbst passieren muss. Man kann jemanden nur sehr begrenzt von außen motivieren. Es muss eine innere Einstellung sein, die da was will.
Von daher empfehle ich immer, dass man mit dem Kind drüber spricht: Was kannst du denn machen? Hast du eine Idee, wie du dich verbessern könntest? Können wir die Hausaufgaben-Situation zuhause anders organisieren? Können wir es schaffen, dass du mit mehr Ruhe arbeitest? Können wir organisieren, dass du vielleicht mit einem Klassenkameraden oder einer Klassenkameradin gemeinsam Hausaufgaben machst und für Klassenarbeiten lernst?
WDR: Sollten auch Eltern selbst noch öfter Nachhilfe geben?
Träbert: Eltern sind, weil sie emotional an ihrem Kind so nah dran sind, die schlechtesten Nachhilfelehrer, die man sich vorstellen kann. Die besten Nachhilfelehrer sind Gleichaltrige, ob aus der eigenen Klasse oder aus anderen Klassen. Wenn man da eine Lern-, eine Hausaufgabengemeinschaft organisieren kann, ist das eigentlich immer der beste Weg, um die Kinder voranzubringen und bei ihrem Lernen auch mehr Spaß empfinden zu lassen. Eltern sind ehrgeizig für ihre Kinder und oft sehr schnell ungeduldig. Das macht das Lernen sehr ineffizient.
WDR: Die fünf Bezirksregierungen in NRW haben jetzt an ausgewählten Tagen wieder sogenannte "Zeugnistelefone" geschaltet. Da finden Eltern und Schüler Antworten vor allem auf rechtliche Fragen, zum Beispiel zur Versetzung. Darüber hinaus gibt es in vielen Kommunen Schulpsychologische Dienste, die Ihnen sehr vertraut sind. Welche Hilfe finden dort Eltern und Schüler?
Träbert: Beim Schulpsychologischen Dienst kann man erstens seine Emotionen gut abladen. Denn die Gesprächspartner dort sind sehr professionell und wissen genau, wie man mit den Emotionen von Menschen umgeht. Die Expertinnen und Experten dort können aber auch bei der langfristigen Entwicklung des Kindes helfen.
Zeugnis, Sommerferien - und dann?
Bildquelle: Friso Gentsch / dpaDer Schulpsychologische Dienst ist ein Segen für Kinder und Eltern in unserer heutigen komplizierten Schullandschaft. Das Angebot ist natürlich nicht nur rund um die Zeugnis-Ausgabe verfügbar und übrigens überall kostenlos.
WDR: Aber aus ein paar schlechten Schulnoten sollte man kein Drama machen, ist Ihre Meinung?
Träbert: Eltern sollten damit auf jeden Fall gelassen umgehen. Einer der wichtigsten Gründe dafür: Schulnoten geben nicht einfach nur eine objektive Rückmeldung über das, was ein Kind kann. Sondern diese Rückmeldung ist immer auch abhängig von dem Leistungsvermögen der jeweiligen Lerngruppe, von der jeweiligen Klasse und vom Einzugsgebiet einer Schule. In einer anderen Klasse an einer anderen Schule würde ein Kind für dieselbe Leistung womöglich eine andere Note bekommen.
Wenn das Kind das Schulzeugnis nach Hause bringt, kann das zwar Anlass sein für Überlegungen, wie man das Lernen künftig verbessern kann. Aber vor allem ist das Schulzeugnis auch ein Signal: Das Schuljahr ist vorbei. Dieses Jahr ist gelaufen. Eine Etappe ist geschafft auf dem Weg des Kindes hin zu irgendeinem schulischen Abschluss. Und das darf man auch feiern.
Die Fragen stellte Jörn Seidel.
Hier finden Eltern in NRW Rat und Hilfe rund um die Schulzeugnisse:
- Zeugnistelefone: Rund um die Tage der Zeugnis-Ausgabe bieten die fünf Bezirksregierungen in NRW sogenannte Zeugnistelefone an. Dort bekommen Eltern und Schüler kostenfrei Antworten vor allem zu rechtlichen Fragen, insbesondere zu Versetzungen.
- Schulpsychologischer Dienst: Die Schulpsychologischen Dienste sind ein ständiges und kostenfreies Angebot vieler Kommunen in NRW. Auch zum Umgang mit Zeugnissen und schlechten Schulnoten finden Eltern und Schüler dort psychologische Beratung.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Pädagoge Detlef Träbert
- Informationen des NRW-Schulministeriums zu Zeugnistelefonen und Schulpsychologischen Diensten
- Bezirksregierung Arnsberg auf WDR-Anfrage
Sendung: WDR 5, Neugier genügt, 13.07.2026, 10:10 Uhr
