ADAC-Verkehrsbeobachtung: Viele Autofahrer tippen am Handy während der Fahrt | WDR aktuell

WDR 02:06 Min. Verfügbar bis 09.06.2028

Interview zu Handy am Steuer Warum es so schwerfällt, das Handy beim Fahren liegenzulassen

Stand:

Trotz hohen Risikos greifen viele Auto- und Fahrradfahrer zum Smartphone. Eine Verkehrspsychologin erklärt, woran das liegt und wie man sich vor Ablenkung schützen kann.

Mal schnell aufs Handy tippen, eine Mitteilung lesen oder eine Sprachnachicht verschicken - obwohl man zeitgleich mit dem Auto oder Fahrrad auf der Straße unterwegs ist: Laut einer aktuellen ADAC-Verkehrsuntersuchung ist das nach wie vor ein alltägliches Phänomen. In fünf deutschen Großstädten, darunter Köln, hatte der Allgemeine Deutsche Automobil-Club in 50 Stunden insgesamt 9.573 Kfz-Fahrer sowie 9.239 Rad-, E-Bike- und E-Scooter-Fahrer beobachtet. Die Ergebnisse wurden am Dienstag veröffentlicht.

Bundesweit nutzten demnach 2,7 Prozent der Kfz-Fahrer und 1,4 Prozent der Radfahrer beim Vorbeifahren ein Handy. Wirken die Prozentzahlen der Stichprobe auf den ersten Blick vielleicht wenig, ergibt sich hochgerechnet jedoch ein anderes Bild: Dem ADAC zufolge würde das gesamte Verkehrsgeschehen in Deutschland dementsprechend etwa eine Milliarde Handyverstöße pro Jahr umfassen - "eine alarmierende Größenordnung".

Wie kann es sein, dass so viele Verkehrsteilnehmer trotz der hohen Unfallgefahr am Steuer oder Lenker zum Smartphone greifen? Und was können wir tun, um uns vor dieser Art der Ablenkung zu schützen? Darüber haben wir mit der Kölner Diplom-Psychologin Daniela Rechberger gesprochen, die unter anderem seit 20 Jahren in der Verkehrspsychologie tätig ist.

Warum fällt es Menschen offenbar so schwer, das Handy beim Auto- oder Radfahren einfach liegenzulassen?

Daniela Rechberger im Portrait, dahinter eine Szenerie aus dem Straßenverkehr.

Verkehrspsychologin Daniela Rechberger

Daniela Rechberger: Also das ist so dieses typische "schon ganz oft gemacht, nichts ist passiert". Ich gucke nur mal eben, was da wer geschrieben hat oder was die Nachricht ist. Und wenn ich das gefühlt hundertmal gemacht habe und nichts passiert ist, dann kann ich doch mal eben gucken, dann ist es zeiteffektiv. Ich stehe jetzt eh hier im Stau oder habe gerade das Bedürfnis, zu wissen, wer mir da schreibt. Das ist manchmal so ein bisschen eine fehlende Impulskontrolle. Ich muss es jetzt und sofort wissen, ich kann nicht warten, bis ich angekommen bin.

Unterschätzen viele Verkehrsteilnehmer die Gefahr von kurzen Blicken aufs Display?

Rechberger: Ja, auf jeden Fall wird das unterschätzt. Es zählt nicht ohne Grund neben Geschwindigkeitsüberschreitungen zu einer der häufigsten Unfallursachen - gerade auch auf geraden Strecken, wo man denkt: Warum ist da jemand verunfallt? Das wird extrem unterschätzt, weil man denkt: Naja, das ist nur mal ganz kurz, ich schaue dann mal eben.

Warum überschätzen Menschen oft ihre Fähigkeit zum Multitasking im Straßenverkehr?

Eine Frau nutzt ihr Smartphone, während sie mit dem Fahrrad fährt

Viele überschätzen ihr Multitasking

Rechberger: Menschen gehen von sich immer aus, dass sie das können und Sachen hinkriegen. Wenn man über Risiken redet, dann sehen sie die eher bei anderen: Die sind ja nicht so fit wie ich, ich habe so tolle Reaktionszeiten, ich habe noch nie einen Unfall gehabt, ich bin seit 20 Jahren unfallfrei. Das führt einfach dazu, dass man da eine Überschätzung der eigenen Fähigkeiten und eine Unterschätzung der Risiken hat.

Welche einfachen Maßnahmen helfen am besten, um gar nicht erst in Versuchung zu geraten?

Rechberger: Handy ausmachen vor Fahrtantritt, in den Kofferraum legen oder ins Handschuhfach und abschließen, sodass man da während der Fahrt gar nicht herankommt. Ton aus ist natürlich auch gut. Aber wenn man es neben sich liegen hat oder in der Halterung, dann sieht man ja trotzdem, wenn eine Nachricht kommt, auch wenn der Ton aus ist. Also am besten wegpacken, sodass man nicht drankommt.

Brauchen wir strengere Strafen - oder eher mehr Aufklärung?

Rechberger: Das sind ja dann drei Sachen, also entweder mehr Aufklärung, mehr Strafen oder mehr Kontrollen. Und ich sage mal, aufgeklärt sind alle. Zumindest auch alle Kunden, die ich habe, wissen, dass man das Handy nicht benutzen darf. Da könnte man höchstens nochmal mehr aufklären in dem Sinne: Man darf es auch nicht anfassen, wenn man dafür die Hände vom Lenkrad nehmen muss. Das könnte ein wenig helfen.

Aber generell nutzen höhere Strafen nichts, wenn es nicht auch mehr Kontrollen gibt. Wenn ich hundertmal das Handy anfasse und vielleicht einmal in zehn Jahren erwischt werde und eine Strafe bekomme, dann ist es egal, ob ich da 100 oder 300 Euro für bezahle, weil es für mich trotzdem noch eine gute Quote ist. Deswegen wären, um dem beizukommen, nur mehr Kontrollen ein wirksames Mittel, dass die subjektive Entdeckungswahrscheinlichkeit steigt. Das bedeutet, wenn ich was falsch mache, dass ich auch das Gefühl habe, erwischt zu werden. Dann verändere ich mein Verhalten.

Was ist Ihr wichtigster Rat an Menschen, die sich im Straßenverkehr schnell ablenken lassen?

Rechberger: Prinzipiell mal darüber nachdenken, ob die Minute, in der ich etwas gucke, es wert ist, mein Leben und das Leben von anderen zu gefährden (...). Also dass man sich wirklich die hochwahrscheinlichen Konsequenzen bewusst macht, dass man einfach eine Gefahr für sich und die Allgemeinheit darstellt.

Das Interview führte Lukas Fegers. Für die Online-Version wurde es sprachlich geglättet und gekürzt, ohne den Inhalt zu verändern.

Unsere Quellen:

  • Gespräch mit Diplom-Psychologin Daniela Rechberger
  • Gespräch mit Johannes Giewald, ADAC Nordrhein
  • Pressemitteilung des ADAC
  • Online-Artikel des ADAC

Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 09.06.2026, 12:45 Uhr

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