Die Straßenbahnen stehen still, die Autobahnen sind voll: Der Warnstreik im kommunalen Nahverkehr stellt die Pendler auf eine harte Probe. Auch am Donnerstag wird es in Nordrhein-Westfalen erneut problematisch, von A nach B zu gelangen. Denn die Gewerkschaft Verdi ruft in allen NRW-Regionen die Beschäftigten vieler ÖPNV-Betriebe wieder zur Arbeitsniederlegung auf.
Am Freitag wird es ebenfalls noch nicht wieder rund laufen, denn dann will Verdi ausgewählte Betriebshöfe bestreiken. Warum ist dieser Streik so heftig? Und wie begründet Verdi die umstrittenen Maßnahmen?
Das fordert die Gewerkschaft Verdi
Die Gewerkschaft sagt, es fehlten vielerorts Beschäftigte im Nahverkehr. Dieser Personalmangel führe zu Ausfällen und Einschränkungen im Betrieb.
Angesichts des fehlenden Personals mutet es aber doch seltsam an, dass Verdi NRW die wöchentliche Arbeitszeit von 39 auf 37 Stunden bei vollem Lohnausgleich verkürzen will. Zudem soll die Ruhezeit zwischen zwei Schichten von zehn auf elf Stunden erhöht werden. Außerdem fordert die Gewerkschaft einen Zuschlag für Sonntagsarbeit von 40 Prozent des Stundenentgelts.
Die Arbeitszeit verkürzen? Diese Debatte hatten wir doch gerade erst, als Bundeskanzler Friedrich Merz auf der Jahreskonferenz des CDU-Wirtschaftsrats sagte, mit einer "Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand unseres Landes nicht erhalten können". Es machte das Bonmot der "Lifestyle-Teilzeit" die Runde.
ÖPNV-Warnstreiks in NRW gehen weiter
Bildquelle: Christoph HardtWDR Studios NRW. 18.03.2026. 00:17 Min.. Verfügbar bis 17.03.2028. WDR Online.
Hoher Krankenstand "hat seine Gründe"
Und nun fordert Verdi, die Arbeitszeit zu reduzieren? "Nur so wird der Beruf wieder interessant", rechtfertigt sich Lukas Frew, Branchenkoordinator für Busse und Bahnen bei Verdi NRW im Gespräch mit dem WDR. Derzeit liege der Krankenstand in der Branche höher als im gesellschaftlichen Schnitt. "Das hat seine Gründe", sagt Frew.
"Kurzfristig entlasten wir die Kollegen - und langfristig gestalten wir die Branche attraktiver." Lukas Frew, Verdi-Branchenkoordinator
Sein Kollege Heinz Rech, der als Verdi-Verhandlungsführer in NRW agiert, betont: "Wenn sich an den Arbeitsbedingungen nichts ändert, wird der Nahverkehr auch ohne Streiks künftig spürbar häufiger ausfallen. Deshalb brauchen wir jetzt endlich Bewegung in den Verhandlungen."
Frew erläutert, dass die Kolleginnen und Kollegen am Rande der Belastungsgrenze stünden. "Wenn Kollegen an einer Endhaltestelle abgelöst werden, ist es für sie keine bezahlte Arbeitszeit, zurück zum Betriebshof zu kommen", erklärt der Verdi-Branchenkoordinator, "das tun sie dann in ihrer Freizeit."
Modernisierung des ÖPNV als Job-Motor?
Eine aktuelle Studie der Klima-Allianz Deutschland gemeinsam mit Verdi und dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen sowie dem Hauptverband der Deutschen Bauindustrie zeigt, dass der ÖPNV in Zukunft ein riesiger Job-Motor werden könnte. Damit könne er auch zum Wirtschaftswachstum beitragen.
Eine Modernisierung des öffentlichen Nahverkehrs bringe demnach bis zum Jahr 2040 eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen um 2,4 Millionen Tonnen CO2 jährlich und es entstünden mehr als 35.500 zusätzliche Fachkräftejobs.
Arbeitgeber sprechen von "desolater Finanzlage"
Jobs, die natürlich bezahlt werden müssen. Und da sind wir bei der Gegenposition der Gewerkschaft. Denn der Kommunale Arbeitgeberverband NRW wirft Verdi seit Wochen vor, die Augen vor der desolaten Finanzlage der Verkehrsbetriebe zu verschließen. Die Tarif- und Entgeltbedingungen hätten sich schon deutlich verbessert, der Nahverkehr biete bereits attraktive Arbeitsplätze, heißt es vonseiten der Arbeitgeber.
Die Kommunen sind notorisch pleite - und im Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität taucht der Nahverkehr tatsächlich kaum auf. Die Kommunen befürchten daher, auf den Kosten sitzen zu bleiben.
Frustriert sind aber auch viele Pendler, diese erneute Streikwoche ist natürlich hart. Glück hat, wer auf ein Auto umsteigen kann. Aber damit steht man dann besonders im verkehrsreichen Bundesland NRW häufig im Stau. Und die wenigen Ersatzbusse sind keine wirkliche Alternative.
Einigung in anderen Bundesländern
Doch es gibt Hoffnung: In Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg wurden bereits Tarifergebnisse erzielt. In Schleswig-Holstein sieht der neue Tarifvertrag unter anderem mehr Geld für die Beschäftigten vor. In Baden-Württemberg teilte Verdi mit, dass "mit dem Tarifergebnis alle wesentlichen noch bestehenden Ungerechtigkeiten bei Zuschlägen und Eingruppierung behoben werden". Dort steigt unter anderem der Nachtzuschlag um 25 Prozent und die Samstagszuschläge werden ab Sommer ausgeweitet.
Und auch in Hessen einigten sich die Verhandler laut Verdi in der Nacht zu Dienstag (17.03.2026) auf einen Kompromiss. Der sieht im Wesentlichen höhere Vergütungen vor, von der neben Fahrausweisprüfenden auch Putzpersonal, Haushandwerker, die allgemeine Verwaltung oder Beschäftigte in der Buchhaltung profitieren. Auch Zuschläge sollen künftig anders berechnet werden. Die Gewerkschaftsmitglieder werden dort nun befragt, ob ihnen das Ergebnis ausreicht.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Lukas Frew, Branchenkoordinator Busse und Bahnen NRW
- Verdi-Webseiten
- Studie: Öffentlichen Nahverkehr sichern und stärken
- Nachrichtenagenturen dpa, AFP, Reuters
Sendung: WDR 2, Nachrichten, 18.03.2026, 8.00 Uhr
Kommentare zum Thema
Wer mehr Freizeit haben möchte kann ja Stunden reduzieren. Steht jedem frei. Die ganze Streikerei kostet den Pendlern Zeit, Nerven und Lebensqualität. Wie komme ich von A nach B, im Zweifelsfall nimmt man Urlaub. Das kann es ja auch nicht sein.
Evtl sollte man den Politikern auf die Füße treten, Sie geben sich 600€ mehr Gehalt, für uns immer kein Geld da, komisch, für die Ukraine geben wir 35 Milliarden im Jahr aus. Streiks müssen weh tun, sonst kann man es bleiben lassen.
Was diese Gewerkschaft treibt ist schon kriminell. Ich bin 73, verwitwet, gehbehindert, ohne Auto. Zum Einkaufen, Apotheke, Arztbesuch bin ich auf Straßenbahn angewiesen. 3 Tage hintereinander wird hier gestreikt, d.h. seit 3 Tagen komme ich weder zum Supermarkt, noch zur Apotheke oder zum Arzt. Bei 1000€ Rente ist ein Taxi nicht drin. Dieser Streik trifft wieder einmal die, die keinerlei Einfluß auf die Löhne und Gehälter haben . Nur weil diese Herren den Hals nicht vollkriegen. Selbst wer in den Betrieben arbeiten WILL, DARF nicht !!! Entlasst sie alle, dann sind wir in Dummland wieder mit Pferd und Wagen unterweges, passt ja zur derzeitigen Rückschrittspolitik !