Neue Wehrpflicht

Kommt jetzt auch der Zivildienst wieder?

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Mit dem Wehrdienst wurde 2011 auch der Zivildienst abgeschafft. Der könnte jetzt ein Comeback erleben. Sozialverbände sehen das kritisch.

Von Nina Magoley

Noch ist nichts entschieden - aber aus der Bundesregierung kommt die Nachricht, dass man dort die Grundlagen für einen neuen Zivildienst vorbereite. "Sollte die allgemeine Wehrpflicht wieder eingesetzt werden, muss die Basis für einen modernen Zivildienst vorbereitet sein", schreibt das Bundesfamilienministerium.

Dazu habe man in den vergangenen Monaten bereits 23 große Verbände und Organisationen gefragt, welche Kapazitäten sie im Falle einer Rückkehr zur Wehrpflicht für Wehrdienstverweigerer zur Verfügung stellen könnten. 22 davon hätten angegeben, dass ihre Infrastrukturen und Einsatzstellen grundsätzlich zur Aufnahme von Zivildienstleistenden bereit wären.

Aussetzen der Wehrpflicht 2011

Zivis und Bufdis als wichtige Helfer im Krankenhaus | Bildquelle: ddp/Jochen Lübke

Bis 2011 gab es in Deutschland die Wehrpflicht: Junge Männer mussten nach Beendigung der Schule eine Grundausbildung bei der Bundeswehr machen. Wer das nicht wollte, konnte den "Kriegsdienst" verweigern und stattdessen Zivildienst in einer sozialen Einrichtung leisten. Man begegnete ihnen als Helfer im Krankenhaus, im Altenheim, in der Jugendarbeit. Zivildienstleistende schoben behinderte Menschen im Rollstuhl und auch bei Umweltorganisationen oder in Nationalparks waren sie im Einsatz.

Mit dem Aussetzen der Wehrpflicht 2011 gab es dann auch keinen Zivildienst mehr. Weil man auf deren tatkräftigen Einsatz aber nicht verzichten konnte, wurde die Lücke mit dem damals neu eingerichteten Bundesfreiwilligendienst - dem "Bufdi" - gefüllt.

Im vergangenen Jahr waren in NRW gut 7.000 Bufdis im Einsatz - etwa so viele, wie im ersten Jahr 2012. Auch bundesweit blieb die Nachfrage ungefähr gleich: 2012 entschieden sich 34.345 Menschen für den Bundesfreiwilligendienst, 2025 waren es bundesweit 33.240.

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Viele Helferstellen gingen verloren

Im Zivildienst, der vom Bundesfreiwilligendienst abgelöst wurde, gab es naturgemäß deutlich mehr Stellen - er war ja nicht ganz freiwillig, sondern die Alternative zum Wehrdienst. Zu Hochzeiten rund um die Jahrtausendwende waren bundesweit knapp 136.000 Zivis im Einsatz (2002). Zuletzt war die Zahl 2010 auf rund 78.000, im Jahr 2011 auf rund 8.300 gesunken.

"Setzen auf Freiwilligkeit": Christian Woltering | Bildquelle: Paritätischer Wohlfahrtsverband NRW

Zahlen, von denen viele soziale Einrichtungen beim heutigen Fachkräftemangel nur träumen können. Dennoch: Eine Rückkehr zum Zivildienst sehen Sozialverbände in NRW durchaus auch kritisch. Gerade die Freiwilligkeit der heutigen "Bufdis" und auch des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) steigere Motivation, Qualität und Verweildauer der Einsatzkräfte, sagt Christian Woltering, Vorstand beim Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW. Bevor man jetzt über einen Pflichtdienst nachdenke, "sollte man sich überlegen, ob man nicht die vorhandenen Freiwilligendienste stärkt."

Als der Zivildienst eingestellt wurde, hatten viele soziale Einrichtungen befürchtet, ohne die Helfer nicht mehr klarzukommen. Dann aber habe sich gezeigt, dass die Freiwilligendienste viele Vorteile brachten, die besser seien als beim Zivildienst, sagt Woltering: "Sie sind geöffnet für Generationen, für Geschlechter, auch die Dauer des Engagements ist höher als im Zivildienst." Das Feedback der Institutionen sei durchweg sehr gut.

Der Fachkräftemangel sei ein großes Problem, räumt Woltering ein - und viele Institutionen wünschten sich wohl auch wieder den regelmäßigen Nachschub an Helfern wie zu Zivildienstzeiten. "Aber es war auch immer mit viel Aufwand verbunden, insbesondere mit denen, die eben nicht so viel Lust auf den Dienst hatten. Da musste man sehr viel investieren und hatte trotzdem nicht genug Mitarbeiter."

Viele Freiwillige bleiben später im sozialen Dienst

"Der Bundesfreiwilligendienst und das Freiwillige Soziale Jahr sind in unseren Einrichtungen sehr angesehen", sagt auch Andreas Brockmann von der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. "Freiwillige bringen Vielfalt, neue Perspektiven und wichtige Impulse in die Einrichtungen." Viele blieben dem sozialen Bereich auch nach ihrem Dienst verbunden und arbeiteten später als qualifizierte Fachkräfte in sozialen Einrichtungen.

Gleiche Bezahlung?

Blieben die freiwilligen Dienste künftig neben einem Zivildienst bestehen, könne es unter den Beteiligten zu Problemen kommen, fürchten die Sozialverbände. "Unabhängig davon, ob ein Dienst freiwillig oder verpflichtend geleistet wird, braucht es vergleichbare Rahmenbedingungen bei Bildung, Begleitung, sozialer Absicherung und finanziellen Leistungen", sagt Brockmann. "Es kann nicht sein, dass Zivildienstleistende finanziell besser gestellt werden als Freiwilligendienstleistende."

Zivildienst im Altenheim | Bildquelle: Friso Gentsch

Auch Christoph Woltering vom Paritätischen räumt ein: Schon jetzt könne man "von der Bezahlung eigentlich nicht leben". Das Taschengeld für Bufdis oder FSJler reiche nicht aus, um davon eine Wohnung oder Essen zu bezahlen. "Man braucht eigentlich eine Familie, die einen finanziell unterstützt."

Weniger Bürokratie als früher

Früher viel Bürokratie | Bildquelle: imago images/McPHOTO

Sollte es wirklich wieder einen Zivildienst geben, müssten die Verwaltungsstrukturen dafür gründlich überarbeitet werden, mahnt Woltering. Die damals tätigen Kreiswehrersatzämter seien viel zu bürokratisch aufgestellt gewesen. "Da sollte man auf keinen Fall auf die Idee kommen, die alte Struktur wieder herzustellen."

"Inklusion, Teilhabe und Chancengerechtigkeit müssen von Anfang an berücksichtigt werden", sagt auch Andreas Brockmann von der Diakonie. Frauen, Menschen mit Behinderungen oder auch Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit müssten die gleichen Möglichkeiten und Rahmenbedingungen zur Teilnahme erhalten.

Wie viele Zivis einmal gebraucht werden könnten, hänge sehr von den Rahmenbedingungen ab, sagen die Sozialverbände. Beispielsweise brauche es eine Mindestzeit für Einarbeitung oder Schulungen. Für die Träger müsse klar sein, dass sie mit der Investition auch längere Zeit etwas von den Mitarbeitenden haben.

"Neuer Wehrdienst": Kriegsdienstverweigerung schon jetzt

Seit dem 1. Januar 2026 gelten nun Regelungen für den sogenannten "Neuen Wehrdienst", der bislang freiwillig ist. Verpflichtend für Männer ab dem Geburtsjahrgang 2008 ist allerdings eine Wehrerfassung. Dazu zählt das Ausfüllen eines Fragebogens und die Musterung durch medizinisches Personal der Bundeswehr.

Seitdem, das meldet der Bundeswehrverband, sei die Zahl der Kriegsdienstverweigerer stark angestiegen. Im ersten Halbjahr dieses Jahres gingen demnach 5.862 Anträge beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) ein. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2025 hatten 3.867 Menschen einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung gestellt, 2024 waren es 2.998.

Unsere Quellen:

  • Interview Christian Woltering, Vorstand beim Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW
  • Interview Andreas Brockmann, Zentrum Freiwilligendienste der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe
  • Bundeswehrverband
  • Nachrichtenagentur Dpa
  • Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben
  • Statement des Bundesfamilienministeriums (BMBFSFJ)

Sendung: WDR5, Westblick, 04.08.2026, 17:04 Uhr