Drei kleine Kinder. Beide Eltern als hochqualifizierte Fachkräfte angestellt. Und das alles in Köln - einer Stadt also, die als durchaus lebenswert gilt: Für viele Menschen dürfte das zunächst einmal nach den Rahmenbedingungen für ein großes Familienglück klingen. Doch der Schein trügt. Denn die deutsch-israelische Familie, die sich dem WDR diese Woche anonym offenbarte, hat sich entschlossen, das Land zu verlassen und nach Israel zu ziehen.
Der Grund ist erschreckend: Es sind die antisemitischen Erfahrungen, die die Familie immer wieder durchgemacht hat. Sprüche, Bedrohungen, Beleidigungen. Und die am Ende zu der Frage geführt haben, was morgen und übermorgen passiert. Haben unsere Kinder hier eine Zukunft? Können wir uns hier sicher fühlen und ohne Angst leben?
Ist das nun ein Einzelfall oder doch Ausdruck eines tiefergehenden Problems? Wie sieht jüdisches Leben in NRW im Jahr 2026 aus? Fragen an Daniel Vymyslicky von der Fachstelle gegen Antisemitismus am NS-Dokumentationszentrum in Köln.
Man hört immer wieder von Jüdinnen und Juden, die NRW aufgrund von Antisemitismus verlassen. Gibt es Zahlen und Statistiken dazu?
Daniel Vymyslicky: Es gibt keine belastbaren Zahlen, wie viele Menschen aus diesen Gründen aus NRW wegziehen. Allerdings führte die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte 2023 eine Umfrage durch. Darin gaben 51 Prozent der befragten Jüdinnen und Juden in Deutschland an, dass sie in den fünf Jahren vor der Umfrage eine Auswanderung erwogen hatten. Das ist nicht gleichbedeutend mit einem konkreten Plan, zeigt aber, dass diese Beispiele keine Einzelfälle sind. Und dazu kommt, dass diese Befragung vor dem 7. Oktober 2023 stattgefunden hat.Es ist also naheliegend, dass sich das Problem seitdem weiter verschärft hat.
Können Sie schätzen, wie viele Menschen sich dazu entscheiden? Kann man von einer "Auswanderungswelle" sprechen?
Vymyslicky: Nein, derzeit nicht. Meiner Meinung nach ist bei uns im Moment nicht das Ausmaß erreicht, wie es beispielsweise in Frankreich Mitte der 2010er Jahre der Fall war.
Dennoch fühlen sich viele Jüdinnen und Juden in NRW bedroht.
Vymyslicky: Die Bedrohungslage für jüdisches Leben in Deutschland ist nichts Neues. Das Bild, dass man als jüdische Person in Deutschland auf gepackten Koffern sitzt, ist schon seit Jahrzehnten geläufig. Aber man kann derzeit schon wahrnehmen, dass sich immer mehr von Antisemitismus Betroffene dazu entscheiden, konkrete Konsequenzen zu ziehen. Und manche von ihnen verlassen sogar das Land.
Was hören Sie in Ihrer Beratungsstelle? Wie genau erleben die Menschen, die sich an Sie wenden, Antisemitismus bei uns?
Vymyslicky: Meist berichten Betroffene nicht nur von einem einzelnen Vorfall. Es ist eher die Summe von vielen Erfahrungen, die sich teils über Jahre angesammelt haben. Für viele wird der Alltag dadurch zu einer ständigen Abwägung zwischen Sicherheit und Sichtbarkeit. Dass jemand das Land verlässt, ist ein sehr seltener und extremer Fall. Häufiger sehen wir andere biografische Einschnitte. Es gibt zum Beispiel den Fall eines Menschen, der selbst gar nicht jüdisch ist, sein Nachname aber jüdisch wahrgenommen wurde. Der wurde bei der Arbeit immer wieder angefeindet, und zwar an mehreren Arbeitsstellen, bis er schließlich eine Namensänderung beantragte.
Wie sieht es in jüdischen Familien aus?
Vymyslicky: Jüdische Eltern stecken oft in einem Dilemma. Einerseits wollen sie ihre Kinder vor Antisemitismus bewahren und geben ihnen Vermeidungsstrategien an die Hand: "Zieh nicht das T-Shirt mit den hebräischen Buchstaben an." Oder: "Telefoniere nicht auf Hebräisch im öffentlichen Raum." Auf der anderen Seite wollen sie ihre Kinder aber auch als selbstbewusste Menschen erziehen, bei denen das Judentum als etwas Schönes gilt, das die eigene Identität bereichert und nichts ist, wofür man sich schämen muss.
Welche Rolle spielt der Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023?
Vymyslicky: Die Auswirkungen sieht man ganz deutlich: 2023 haben sich die Fallzahlen mehr als verdoppelt. Heute wissen wir, dass es mehr als nur ein kurzfristiger Anstieg war. 2025 wurden in Köln 321 antisemitische Vorfälle erfasst, das ist ein Höchstwert, seit wir vor fünf Jahren mit der Statistik angefangen haben. Man muss also befürchten, dass sich hier etwas in Bewegung gesetzt hat, das nicht mehr so schnell zurückgehen wird.
Wie konkret äußert sich Antisemitismus im Zusammenhang mit der aktuellen Politik der israelischen Regierung?
Vymyslicky: Es gibt einen Vorwurf, den man häufig hört. Da wird dann beispielsweise ein Kölner Jude gefragt: Was machst du da in Israel, was macht ihr da in Gaza? Man nimmt also die Person nicht als Individuum wahr, sondern als Repräsentanten eines Landes. Dass das eine antisemitische Sichtweise ist, sehen viele Menschen offenbar nicht.
Jüdinnen und Juden fühlen sich derzeit in NRW nicht sicher - kann man das so pauschal sagen?
Vymyslicky: Ja, für viele Jüdinnen und Juden ist das so. Gerade nach dem 7. Oktober haben wir sehr viele Anfragen bekommen. Ob man das Kind noch in die jüdische Kita schicken kann? Ob es sicher ist, bei einer öffentlichen Stolperstein-Verlegung teilzunehmen? Das Sicherheitsgefühl wurde damals massiv gestört und ist es bis heute.
Zum Sicherheitsgefühl gehört ja nicht nur die reale Bedrohung, sondern auch das Gefühl, allein gelassen zu werden.
Vymyslicky: Gerade bei antisemitischen Taten im öffentlichen Raum ist die fehlende Hilfe ein großes Thema. Oft hören wir: "Schlimmer als der Vorfall selbst war die Tatsache, dass mir niemand geholfen hat." Ähnlich ist es, wenn Betroffene den Eindruck bekommen, dass Behörden oder Einrichtungen nicht mit der nötigen Konsequenz auf antisemitische Taten reagieren. Das können Straftaten sein, die nicht aufgeklärt oder gar nicht erst als antisemitisch erkannt werden. Das gibt es aber auch im Schulkontext, wenn sich Schülerinnen und Schüler gezwungen sehen, die Schule zu verlassen, weil sie antisemitisch gemobbt werden, die Schulleitung das aber ignoriert oder kleinredet. Einmal sagte die Mutter eines Schülers, der von einem Gymnasium auf eine Gesamtschule gewechselt war, zu mir: "Mein Sohn ist jetzt zwar unterfordert, aber zumindest ist er dort sicher."
Wie kann man das Problem angehen, dass sich mehr Einrichtungen wie Schulen oder Behörden ihrer Verantwortung bewusst werden?
Vymyslicky: Ich finde, da ist ein Umdenken nötig. Institutionen, die Antisemitismus in den eigenen Reihen thematisieren, statt ihn unter den Teppich zu kehren, sollte man loben und gesellschaftlich hervorheben. Wir beobachten aber oft das Gegenteil: Aus Sorge vor einem Imageschaden spricht man solche Dinge nicht an und lässt die Betroffenen alleine. Es braucht klare Ansprechpersonen, verbindliche Verfahren und erkennbare Konsequenzen bei antisemitischen Vorfällen in Einrichtungen und Behörden.
Aus welcher Richtung kommen die Anfeindungen? Aus dem rechten, aus dem linken oder aus dem arabisch-muslimischen Lager?
Vymyslicky: Unsere Zahlen zeigen: Antisemitismus lässt sich nicht auf eine Gruppe reduzieren. Zwar fehlen uns bei vielen Vorfällen Informationen für eine eindeutige Zuordnung des politischen Hintergrundes. Klar ist aber, dass in Köln aktuell besonders viele Vorfälle dem Milieu des antiisraelischen Aktivismus zuzurechnen sind. Insgesamt wird die Frage nach den Verantwortlichen häufig politisch instrumentalisiert: Jede Seite sieht Antisemitismus vor allem bei den jeweils anderen. Dabei müssen wir unterschiedliche Hintergründe genau analysieren, ohne für Antisemitismus im eigenen Umfeld blind zu sein. Jede Form von Antisemitismus bedroht jüdisches Leben – unabhängig davon, aus welchem Milieu sie kommt.
Das Interview wurde geführt von WDR-Reporter Ingo Neumayer.
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagenturen dpa, AP
- Interview mit Daniel Vymyslicky
- WDR-Recherchen
- Antisemitismusbeauftragte NRW
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Köln, 02.08.2026, 05:00 Uhr