Steuerermittlungen gegen Influencer | WDR Aktuell

00:23 Min. Verfügbar bis 15.07.2027

NRW-Behörde deckt 300-Millionen-Steuer-Betrug von Influencern auf

Stand:

Eine NRW-Finanzbehörde ist Influencern auf der Spur, die mutmaßlich allein in NRW 300 Millionen Euro Steuern hinterzogen haben.

Von Sabine Tenta

"Hallo, ich bin Fin", sagt ein animiertes, freundlich lächelndes Smartphone in einem Youtube-Film der NRW-Finanzverwaltung. Fin erklärt, was bei Influencerinnen und Influencern zu den steuerlich relevanten Einnahmen zählt. Eines von unzähligen Videos zum Thema, das Netz ist voll mit Informationen, wer wann wie Steuern zahlen muss.

Bei den nun vom Landesamt zur Bekämpfung der Finanzkriminalität (LBF NRW) ermittelten Verdächtigen aus der Influencer-Szene spricht das NRW-Finanzministerium von "vorsätzlichen Steuerbetrügern". "Im Fokus unseres Influencer-Teams stehen ausdrücklich nicht junge Menschen, die ein paar Follower gesammelt und ein paar Cremes oder Kleider beworben haben", sagte Behördenleiterin Stephanie Thien der DPA: "Das LBF NRW hat auch auf den sozialen Netzwerken die großen Fische im Visier." Ziel der Ermittlungen seien professionelle Influencer, die ihre steuerlichen Pflichten mit hoher krimineller Energie umgingen.

Allein in NRW ein Schaden von 300 Millionen Euro

Die Finanzermittlerinnen und -ermittler haben erfolgreich geangelt und berichten von einem Schaden, der allein in NRW rund 300 Millionen Euro betrage, wie das LBF NRW berichtet. Weitere Bundesländer seien betroffen. Wie hoch der Schaden deutschlandweit ist, kann NRW-Finanzminister Marcus Optdendrenk (CDU) im Gespräch mit dem WDR noch nicht sagen. Aber er stellte klar: "Insgesamt spricht vieles dafür, dass die großen Fische noch sehr viel mehr Steuer umgehen und wir wollen denen klar machen, wir gucken hin." Natürlich stehe es jedem, der sich falsch verhalten habe, offen, eine Selbstanzeige zu stellen, so Optendrenk.

Die Steuerfahnder analysieren nach eigenen Angaben aktuell ein Paket mehrerer Social-Media-Plattformen mit 6.000 Datensätzen, "die auf nicht versteuerte Gewinne mit Werbung, Abos und Co. hinweisen", wie das Finanzministerium in Düsseldorf mitteilte.

Mehrere zehntausend Euro pro Monat

Behördenleiterin Thien erklärt: "Es gibt bei den großen Social-Media-Profilen Akteurinnen und Akteure, die mit hoher krimineller Energie jegliche Steuerverpflichtung zu umgehen versuchen." Es sei keine Seltenheit, dass eine Influencerin oder ein Influencer pro Monat mehrere zehntausend Euro verdient, aber nicht einmal eine Steuernummer habe. "Da geht es nicht um Überforderung mit plötzlichem Ruhm, sondern um immense Steuerhinterziehung mit Wissen und Willen", so Thien.

Die Tricks der kriminellen Influencer

Je höher die Einnahmen und die kriminelle Energie ist, desto größer scheint auch die Neigung zu sein, sich ins Ausland abzusetzen. Das digitale Arbeiten geht von überall, besonders beliebt ist laut Thien das Emirat Dubai. Aber es ist noch nicht einmal nötig dort wirklich zu leben. Es gebe dort bekannte Briefkastenfirmen, an die der Wohnsitz offiziell verlegt werde, so das Ministerium.

Nur durch fortwährende lückenlose Analysen der Social-Media-Aktivitäten könne dann der tatsächliche Wohnort in Nordrhein-Westfalen ermittelt und nachgewiesen werden. In der Folge könnten Durchsuchungsbeschlüsse und auch Haftbefehle erwirkt werden.

Besonders herausfordernd für die Beweisführung der Behörde: Nicht jeder Content ist dauerhaft im Netz, Werbung in sogenannten Storys verschwindet nach 24 Stunden. NRW habe jedoch "Ermittlungsmethoden initiiert, um Werbepartnerschaften und -einnahmen zurückverfolgen und beweissicher nachweisen zu können", sagte Thien. Andere Bundesländer hätten sich das zum Vorbild genommen.

Begleichen der Steuerschuld? Kein Problem!

Behördenleiterin Stephanie Thien erklärt: "Die meisten unserer Verdächtigen können die Steuerschuld rasch begleichen, ausreichend Vermögen ist in der Regel vorhanden." Allerdings zeige sich der Vorsatz, mit dem die Social-Media-Steuerbetrüger agierten, auch in einem "überproportional hohen Anteil von Wiederholungstäterinnen und -tätern".

Bereits 200 laufende Verfahren

Das LBF führt bereits rund 200 laufende Strafverfahren gegen in NRW lebende Influencerinnen und Influencer – die Fälle aus dem aktuellen Datenpaket seien dabei bislang nicht eingerechnet. Durchschnittlich geht es laut LBF um einen hohen fünfstelligen steuerlichen Fehlbetrag, in Einzelfällen auch um Fehlbeträge in Millionenhöhe.

Das LBF NRW ist Anfang 2025 an den Start gegangen. Zu den Aufgaben gehört laut NRW-Finanzministerium die Bekämpfung schwerer Finanzkriminalität, Geldwäsche und Umsatzsteuerbetrug. Zudem wurde ein "IT-Kompetenzzentrum" gebildet. Die Behörde bündelt das Fachwissen von 1.200 Expertinnen und Experten. Es ist die erste Landesbehörde dieser Art in Deutschland.

Übrigens

Fin, das animierte Erklär-Smartphone der Finanzverwaltung, listet folgende Dinge auf, die als steuerrelevante Einnahmen gelten - und die vielleicht nicht alle, die neu ins Geschäft einsteigen, auf dem Schirm haben:


  • Geld, das von Unternehmen für die Produktplatzierung gezahlt wird
  • Produkte, die nach dem Review behalten werden dürfen (hier ist der übliche Preis des Produkts als Einnahme anzusetzen)
  • Dienstleistungen wie Hotelbesuche, Messe-Teilnahmen oder Konzertbesuche, die bezahlt werden
  • Einnahmen durch Bannerwerbung
  • Einnahmen durch Affiliate-Links, also Links auf Onlineshops, für die es Provision gibt
  • Einnahmen aus dem Verkauf von Merchandise-Artikeln
  • Dankeschön-Zahlungen für das Bewerben von Produkten, auch wenn es als "Spende" bezeichnet wird
  • Kooperationen mit Unternehmen, wie gemeinsame Aktionen und Produkte, wie zum Beispiel ein "Takeover"

Und weitere Einnahmen sind denkbar, das NRW-Finanzministerium betont: "Neue Konzepte keimen ständig auf."

Unsere Quellen:

  • DPA-Meldung
  • WDR-Gespräch mit Marcus Optendrenk
  • Informationen der NRW-Finanzverwaltung zur Besteuerung von Influencern
  • Informationen des NRW-Finanzministeriums zum LBF
  • Pressemitteilung des NRW-Finanzministeriums

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