In NRW gibt es eine Ärztekammer, eine Psychotherapeutenkammer, zwei Apothekerkammern und seit knapp vier Jahren auch eine Pflegekammer. Die Kammern sollen die Berufe, zum Beispiel durch Weiterbildungen und Berufsordnungen, weiterentwickeln und die Interessen der Berufsgruppen vertreten. Die Mitgliedschaft ist für ihre Angehörigen verpflichtend, und es werden Beiträge fällig. Ein eklatanter Unterschied besteht aber: Während die alteingesessenen Kammern von den meisten Mitgliedern akzeptiert werden, bekommt die relativ neue Pflegekammer Gegenwind.
Pflegekammer verschickt 35.000 Zahlungserinnerungen
Insgesamt gibt es in Nordrhein-Westfalen laut Gesundheitsministerium rund 260.000 Pflegefachpersonen, aber trotz Pflicht sind nur 124.000 Mitglieder in die Pflegekammer eingetreten.
Außerdem zahlen bei Weitem nicht alle ihren Mitgliedsbeitrag von aktuell 20 Euro pro Jahr. Die Pflegekammer geht davon aus, dass sie in nächster Zeit bis zu 35.000 Zahlungserinnerungen verschicken wird. So eine schlechte Zahlungsmoral kennt die Ärztekammer nicht, schreibt eine Sprecherin. "Mitglieder, die schlicht ihre Beitragspflicht in Abrede stellen, gibt es fast nie oder weit unterhalb des Promillebereichs".
Auf Augenhöhe mit Ärzten?
Das Land unterstützt die Einrichtung der Pflegekammer bis Ende 2027 mit insgesamt 30 Millionen Euro. In Zukunft sollen die Mitgliedsbeiträge die Finanzierung sichern. Doch über die Einrichtung der Pflegekammer war von Anfang an diskutiert worden.
Aus Sicht des Gesundheitsministeriums ist sie "ein zentraler Schritt zur Gleichstellung der Pflege" mit anderen Heilberufen. Denn als Interessenvertretung fungiert sie auch als Ansprechpartner für die Politik und Entscheidungsträger. Sie werde "von einer breiten Mehrheit der im Landtag vertretenen Fraktionen als fachlich notwendige und wertvolle Stimme der Pflegeprofession" wahrgenommen.
So habe sie die Möglichkeit, Veränderungen in der Pflege herbeizuführen. Auch Leonie Podday von der Pflegekammer betont, dass es darum gehe, mit anderen Heilberufen "auf Augenhöhe" zu agieren. Sie sagt: "Dort, wo Gesundheitspolitik gemacht wird, sitzen wir jetzt auch mit am Tisch".
Leonie Podday
Zu den Errungenschaften der Pflegekammer zählt Leonie Podday, dass eine Berufsordnung regelt, was professionelle Pflege ist. Außerdem seien die ersten Weiterbildungen auf den Weg gebracht worden, die eine Spezialisierung und eine Weiterentwicklung des Pflegeberufs erlauben. Damit habe die Pflegekammer erstmals "eigene berufliche Standards gesetzt", erklärt das Gesundheitsministerium.
Petition gestartet
Dennoch bleibt der Gegenwind bestehen. 20.000 Mal wurde eine Petition gegen die Pflegekammer innerhalb von sechs Monaten unterzeichnet. Gefordert wird ihre Aussetzung und "die Verantwortung für strukturelle Probleme nicht an eine Kammer auszulagern, sondern sie politisch zu übernehmen". Initiiert wurde die Petition von Monika Sonnenberg aus Emsdetten. Die 57-jährige Krankenpflegerin stören nicht die Beiträge - vielmehr, dass die Mitgliedschaft in der Kammer verpflichtend ist. Viele Entscheidungen würden gar nicht auf Landes- sondern auf Bundeseben getroffen. Für sie ist die Pflegekammer eine Art Feigenblatt: "Die Politik sagt, 'seht her, wir machen die Pflegekammer', aber in Wirklichkeit kann die Pflegekammer nichts für uns tun. Sie kann nur hingehen und den Druck auf uns erhöhen, denn die Pflegekammer kann weder Arbeitgeber noch die Politik sanktionieren".
Zu den Kritikern gehört auch Anja Kuczera aus Gladbeck. Für die 52-jährige Kinderkrankenschwester ist die Kammer "Augenwischerei". Die Politik habe die Pflege über Jahre vernachlässigt und kaputt gewirtschaftet, meint sie. "Jetzt, wo das Schiff quasi fast auf dem Grund liegt, übergibt sie das Ruder an die Pflege selbst und sagt: 'Ja, nun mach mal.'"
Unterschiedliche Berufsauffassung
Die Kritik an der Pflegekammer findet Sprecherin Leonie Podday "legitim". Nach ihrer Wahrnehmung, ebbt sie allerdings ab. Denn so langsam zeige sich, was die Pflegekammer bewirke, meint Podday. Als Beispiel nennt sie auch die Kampagne #nichtmeinjob. Es gehe darum, "dass Pflegefachpersonen sich gegen den Missbrauch ihrer Arbeitszeit wehren, wenn sie beispielsweise pflegeferne Tätigkeiten wie Putzen, Schränkchen auswischen oder die Essensverteilung übernehmen sollen". Anja Kurczera gefällt die Kampagne überhaupt nicht. Für sie geht es um Tätigkeiten, die zum Beruf dazugehören, aber "von der Pflegekammer belächelt werden". In der unterschiedlichen Bewertung der Kampagne zeigt sich das unterschiedliche Berufsbild. Während die Pflegekammer den Beruf weiterentwickeln will, fühlt sich Kuczera dadurch nicht repräsentiert. Die Kammer wolle den Beruf "akademisieren". Sie beschwert sich: "Die Pflegefachkraft, die am Bett arbeitet, taucht eigentlich nicht auf".
Unsere Quellen:
- Pflegekammer NRW
- NRW-Gesundheitsministerium
- Gespräch mit Anja Kuczera
- Gespräch mit Monika Sonnenberg
- Eigene Recherche
- Ärztekammer Nordrhein
Sendung: WDR.de "Pflegekammer verschickt 35.000 Zahlungserinnerungen", 3.08.2026, 10 Uhr
