Aus Angst: Deutsch-jüdische Familie verlässt Köln

WDR 02:34 Min. Verfügbar bis 31.07.2028

"Angst um unsere Kinder" Antisemitismus vertreibt Familie aus Köln

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24 antisemitistische Vorfälle pro Tag in Deutschland: Eine deutsch-jüdische Familie erzählt, wie schlimm es für sie geworden ist.

Julia (ihren Nachnamen möchte sie nicht sagen) hat noch viel zu tun: Packen, Vorbereiten, Telefonate führen. Die fünfköpfige Familie aus dem Stadtteil Ehrenfeld zieht in wenigen Wochen nach Israel, weil sie die antisemitischen Anfeindungen nicht mehr aushalten.

"Seit dem 7. Oktober ist die Stimmung sehr schnell gekippt," erzählt die 43-Jährige, "überall in Ehrenfeld sehe ich Hamas-Dreiecke, mein Mann spricht mit den Kindern auf der Straße kein Hebräisch mehr. Wir wurden schon mehrfach bedroht." Die deutsch-israelische Familie, die anonym bleiben möchte, habe das Vertrauen verloren, dass jüdisches Leben ausreichend geschützt werde.

Trotz Krieg: In Israel fühlen sie sich sicherer als in Köln

Julia ist in einer christlichen Familie in Köln geboren. Auf Reisen verliebt sie sich in einen jüdischen Israeli. Beide heiraten, ziehen 2012 nach Köln und bekommen drei Kinder. "Wir hatten tolle Jobs, die uns Spaß gemacht haben," erzählt die Psychologin, "wir lieben Köln und das Viertel, auch mein Mann hat sich hier total wohl gefühlt." Niemals hätte sie gedacht, ihre Heimat für immer zu verlassen, aber besonders die Sorge um ihre Kinder habe den Ausschlag zu der Entscheidung gegeben.

"Wir machen das für unsere Kinder, damit sie frei und sicher aufwachsen können. Dass sie ihre Identität nicht verheimlichen und Angst vor Anfeindungen haben müssen." Julia aus Ehrenfeld

"Aber Angst begleitet uns natürlich auch dort, sagt die dreifache Mutter. Die Eltern hoffen, dass sich die Lage in Israel bald beruhigt, denn sie wüssten nicht, wohin sie sonst ziehen könnten, um sicher zu leben. Seit 2023 wird Israel regelmäßig von der Hisbollah aus dem Libanon aus beschossen.

Seit 2025 gab es mehrere wechselseitige direkte Angriffe zwischen Israel und dem Iran. Zwischenzeitlich schoss auch die Huthi-Bewegung aus dem Jemen Raketen nach Israel.

Kölner Gericht wertete Kopf-Ab-Geste als Nase jucken

Schon länger hätten sie über eine Ausreise nachgedacht, so wie viele ihrer jüdischen Bekannten, sagt Julia. Der Auslöser für ihre Entscheidung: Ein zuletzt verlorener Prozess gegen einen Mann, der sie mit einer Kopf-Ab-Geste bedroht habe. Er soll sich mit dem Finger vor Julia über den Hals gefahren sein, nachdem er erfahren hatte, dass ihr Mann Israeli ist.

Das Amtsgericht glaubte dem Mann, dass er sich nur über die Nase gestrichen habe und sprach ihn vom Vorwurf der Bedrohung frei. "Wenn uns selbst die Justiz nicht mehr hilft, was sollen wir dann noch hier?" fragt Julia mit Tränen in den Augen. "Und das gerade mal 80 Jahre nach dem Holocaust."

Eine Menora aus Messing

Die Menora gilt im Judentum als Symbol für Licht und Erleuchtung.

Meldestellen schlagen bereits Alarm

Laut Meldestelle RIAS wurden bundesweit 8.725 antisemitische Vorfälle im Kalenderjahr 2025 registriert, das entspricht fast 24 Vorfälle pro Tag. Besonders häufig ereigneten sich die Taten auf offener Straße.

Besorgniserregend sei außerdem die Entwicklung an den politischen Rändern: Antisemitische Vorfälle stiegen sowohl mit rechtsextremen als auch linken, antiimperialistischen Hintergrund deutlich an, mit jeweils 43,6 Prozent.

2025 wurden in Köln 321 antisemitische Vorfälle registriert

In Köln wurden im vergangenen Jahr insgesamt 321 antisemitische Vorfälle erfasst. Das entspricht einem Anstieg von 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Am häufigsten wurden die Taten, nach der Innenstadt, in Ehrenfeld gemeldet.

Unsere Quellen:

  • Gespräch mit Julia
  • Bundesverband RIAS e.V.
  • Fachstelle gegen Antisemitismus am NS-Dokumentationszentrum in Köln
  • Amtsgericht Köln

Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Köln, 31.07.26, 19.30 Uhr

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